Pseudowissenschaft und Religion

Ein von Herzen kommender Zwischenruf

Die Wissenschafts-Vorsilbe "Neuro" traut sich in letzter Zeit ja allerhand. Nun ja, "Neuroinformatik" ist gar kein so doofer Ansatz; ich bin selber etwas damit belastet. Derzeit wird die Hirnforschung aber in einer ausgesprochen aufregenden Geschmacksrichtung kredenzt: als Neurotheologie.

Ich denke, da wird Religion am falschen wissenschaftlichen Ende angefasst.

Dieser frohgemut aus der Taufe gehobene Wissenschafts-Wechselbalg gründet auf einer Einbildung der Hirnforscher, die der Wissenschaftsredakteur Johann Grolle ganz hirnforsch auf den G-Punkt bringt: ("Hotline zum Himmel", Titelgeschichte im Spiegel 21/2002):

"So feierten die Hirnforscher zwar Triumph um Triumph: Sie klärten auf, wie das Großhirn Bilder und Töne verarbeitet, sie spürten die Überlebenszentren im Stammhirn auf. Sie entdeckten den Sitz des Lächelns in den Basalganglien und das Portal der Erinnerung im Hippokampus. Ja, selbst vor dem Rätsel, wie das Gefühl von Glück, Angst oder Scham entsteht, schreckten sie nicht zurück. Nur die Religion schien ihnen keiner Forschung wert."

Halt-halt! Stei! Polizopp!

Leider kann hier nichts auch nur ansatzweise als "aufgeklärt" gelten. Man hat im so stürmisch bejubelten "Jahrzehnt des Gehirns" eine Fülle von Beobachtungen zusammengetragen, wonach mehr oder weniger klar definierte Leistungen des Wahrnehmens, des Fühlens und des Denkens mit überdurchschnittlichen Aktivitäten in mehr oder weniger genau umschreibbaren Hirnarealen korreliert sind. Aber jeglicher "Erklärungsansatz" der damit verknüpften Hirnfunktionen liegt noch genau soweit jenseits des Horizonts der Hirnforschung wie vor 30 Jahren - und mir schwant, dieser hat sich wegen der "methodenzentrierten" Techniklastigkeit der Hirnforschung eher wieder verengt. Da wird wieder etwas zu fröhlich von allerlei "kortikalen Zentren" drauflos homunkelt. Da waren wir schon mal weiter - z.B. unter dem prosaischeren, aber problemnäheren Stichwort "Neuroinformatik". Das war doch was, da war doch was, das haben wir glatt verdrängt vor lauter PETTING.

Unbestritten lieferten PET (Positronen-Emissions-Tomografie) und verwandte Techniken in ihrer Gesamtheit überwältigende Beweise dafür, dass Wahrnehmung und Denken (perzeptive und kognitive Akte) sowie Gefühle (emotionale Empfindungen, Affekte) grundsätzlich mit bestimmten Gehirntätigkeiten (spezifischen neuronalen Aktivitäten) einhergehen (korreliert sind). Dies aber haben die Hirnforscher seit 100 Jahren als selbstverständlich vorweggenommen (antizipiert), und aus der immer besseren und besseren und besseren Bestätigung dieser Basishypothese der Hirnforschung lässt sich wirklich kein Erkenntnishonig saugen. Auch wenn man - wie der renommierte deutsche Hirnforscher Gerhard Roth - noch so saugt und saugt und seine ganze letzte Hoffnung in den Physikalismus der roaring twenties setzt.

Leider ist in der Regel nicht einmal die genaue Natur der jeweiligen neuronalen Aktivität bekannt, weil die zu ihrer dynamischen Erfassung erforderliche räumliche und zeitliche (spatiotemporale) Auflösung grundsätzlich außerhalb der Reichweite der in den letzten 10 Jahren extensiv angewandten PET-Techniken liegt.

Um die Analogie zum Verständnis eines Computersystems zu benutzen: wir wissen nun quasi gewissermaßen, bei welchen Funktionen (Berechnungen, Eingaben usw.) welche Speicherblöcke aktiv sind, aber nur in ganz wenigen Ausnahmefällen, welche Bits in welchen Bytes sich ändern. Aber selbst wer das Alles exakt wüsste, wäre noch nicht wesentlich vorangekommen im Verständnis der einfachsten Softwarekonzepte: Operationen, Sprünge, Variable, Subroutinen, von abstrakteren Objekten der Informatik wie rekursiven Datenstrukturen, Vererbung, Regeln oder Rektifikationen ganz zu schweigen: diese Konzepte erfordern ein theoretisches Begriffssystem, das nicht aus der Elektronik herzuleiten ist, sondern - in diesem einfachen Falle - vor allem mathematisch. Wer - umgekehrt - den theoretischen Rahmen und den Anwendungsbereich kennt, versteht Software so gut, dass er sie selber entwickeln kann, ohne sich um die elektronischen Details der Bits'n'Bytes groß zu kümmern.

Und nun fängt unser Vergleich das Hinken an, denn beim Computer handelt es sich nun wirklich nur um eine Maschine, die wir selbst konstruiert haben, und deren technische Funktionalität tatsächlich bis ins letzte Bit sonnenklar ist. Im Falle des Hirns aber gähnt der kategorische Abgrund zwischen "hardware" und "software" (Leib und Seele, Gehirn und Geist, Materie und Idee) um viele Dimensionen ungenierter, und das Ausmaß unseres Unwissens ist nicht mal erahnbar; aber dass es gigantisch ist, davon sollten wir vernünftigerweise ausgehen; und in diesem galaktischen Wissensvakuum um die Ehe zwischen Gehirn und Geist verschwinden auch die vielen tausend Erkenntnis-Asteroiden, die wir heldenhaften Geisterjäger in den letzten 20 Jahren dingfest gemacht haben.

Ich denke nicht, dass wir diesen - auch von grandiosen Neuro-Optimisten wie Gerhard Roth zugestandenen - Abgrund allein von der Materie-Seite her überbrücken können. Jede von hier vorgetriebene Brücke bricht sofort weg ins Bodenlose - wenn man so schwindelfrei ist, mal nach "unten" zu schauen. Nein, wir müssen unbedingt mindestens ein Bein auf der anderen Seite haben, wir müssen wissen, wovon wir reden.

'By Jove, our calculations proof beyond the shadow of a dought that we don't know what we are talking about!'

Was die Theologie angeht: wir brauchen überhaupt erst mal einen klaren Begriff von Gott - also keinen dieser Obskuranten-Begriffe, wo Gott letztlich als etwas definiert wird, das wir nicht verstehen können. Feine Sache, solche Definition! Stellt Gläubige und Ungläubige auf dasselbe unantastbare Fundament!

Aber was reden wir von Gott - wir haben nicht mal nen klaren Begriff vom "freien Willen", der nach allgemeinem Gehirnforscher-Konsens eine reine Illusion sein soll.


Sie können mir mal helfen, die Frage nach dem Geist zu stellen. Das wär nett!

Zum ganzen hochintressanten Thema gibts erschreckend viel zu sagen. Wen das intressiert, kann schon mal das an die 3 MB umfangreiche, aber immer noch grauenhaft unvollständige PDF-Dossier Gehirn und Geist laden. Wem das zu wuchtig ist, möge sich viel gedulden. Ich werde hier so deutlich werden, wie ich eben kann, vielleicht noch dieses Jahr. Räume meine Schubladen auf, weia... sapienti sat.


HOMEPAGE Stand: 22.06.2002 © Werner Schneider