"Haben Sie jemals ein Buch gelesen und dann den Film dazu gesehen, ohne enttäuscht gewesen zu sein? Genau diese Situation haben wir hier."
Andreas Eschbach, Das Jesus Video (142a p436)

Jesus: ein untragbar lebendiges Kerygma

Holt ihn endlich vom Kreuz


Mel Gibsons "Die Passion Christi" ist wahr und wahrhaftig "der Film zur Religion". Ein blutiger Film, passend zu einer blutigen Religion. Wenn jetzt Theologen panisch abwinken, die Opferei stehe doch längst nicht mehr im Zentrum der christlichen Verkündigung, dann ist das eine feige Verleugnung; nur kräht heute kein Hahn mehr danach.

Doch doch, Herr Christenoberlehrer, genau diese blutige Soteriologie, diese Rechtfertigung durch den grausamen Tod des Menschensohns am Kreuz, sofern man nur glaube, egal was man tue (helfe eh nix), stand und steht im Zentrum der christlichen Religion, ist ihre eigentliche Essenz, nicht umsonst ist das Kreuz DAS zentrale Symbol.

Der Fairness halber ist einzuräumen, dass die Katholiken tatsächlich auch noch etwas Anderes kennen als den sadistisch Geopferten, neben dem paulinisch-lutherischen Rechtfertigungsdogma "Allein-durch-den-Glauben" hatten sie immer schon die "Tradition", die eher evangelisch (im wörtlichen Sinne) geprägt ist: da kommt es auch noch darauf an, was Jesus in seinem vorpassionischen LEBEN denn alles gesagt, getan und empfohlen hat, und dass man zumindest versucht, der Erlösung durch anständiges Verhalten ein bisschen entgegenzukommen.

Der lebendige Jesus der Evangelien ist Paulus – dem Begründer des Zentraldogmas von Jesu Opfertod und damit dem Stifter des Christentums – aber völlig unbekannt, und er interessiert ihn auch gar nicht. Das Zentraldogma von der Erlösung an den Glauben an Jesu Opfer prägt letztlich aber jede christliche Konfession. Es ist sozusagen das entscheidende "Alleinstellungsmerkmal" des Christentums.

Ganz egal nun, ob es sich um einen geschichtlichen oder kerygmatischen Jesus handelt, um einen Jesus mit Biografie oder einen Christus des Glaubens, eines ist und bleibt konstitutiv für die Christen: Jesus im Auferstehungsfall immer wieder aufs Neue konfessionsübergreifend zu kreuzigen.

Je blutiger, umso besser.

Denn ein lebendiger Jesus wäre nicht nur der Tod der Kirche, sondern auch jeder auf ihn gründenden Religion.

Anscheinend war die möglichst blutige Hinrichtung durch "gläubige Christen" wieder mal fällig, wie Mel Gibsons explizit christlich gemeinter Film beweist. Mit der brutalen Deutlichkeit des Splatter-Films war auf die quälend unendliche Grausamkeit der Exekution hinzuweisen, die immer wieder vergessene wahre Bedeutung des Kreuzes ins Gedächtnis zu brennen.

Wir konnten das (in anscheinend zu subtiler Manier) bereits zur Vorweihnachtszeit 2002 im Fernseh besichtigen. Da lief der Zweiteiler "Das Jesus-Video", vordergründig nach dem gleichnamigen Roman von Andreas Eschbach, hintergründig aber gegen die Romanvorlage gebürstet.

Im Roman agiert die römische Kurie kühl und besonnen. Anders in der Fernsehfassung: Da ballern und killen sich katholische Kommandos auf das Sinnloseste durch die ganze Verfilmung – und doch kommt der Vatikan dabei am Ende moralisch weitgehend unbeschadet von dannen.

Denn sobald es ernst wird, sobald es zum "Video" – einer Originalaufnahme Jesu – kommt, verkehrt der Film die subversive Botschaft des Romans (sein "Kerygma", theologisch gesprochen) ins altbackene Gegenteil.

Eschbachs Jesus ist von ungeheurer Präsenz und Intensität: Wer Augen hat zu sehen und Ohren hat zu hören, will sogleich seinem Vorbild folgen und das Leben feiern; Übermenschliches oder gar Göttliches kommt nicht ins Spiel, nur Menschenmögliches.

Im Roman zeigt das Video, was Neutestamentler "Jesu Tischgemeinschaft" nennen: Der Menschensohn sitzt mit Freunden am langen Tisch, isst, trinkt, hört zu, redet. Die bukolische Darbietung spaltet die Zuschauer in zwei Fraktionen: die einen finden das Gebotene nichtssagend, banal, die anderen berührt es so, dass sie sofort hingehen und ihr Leben ändern.

Stephen, der Protagonist, zählt zu den Berührten: (142ap616ff)

Plötzlich wusste er, warum sie diesen Mann hatten kreuzigen müssen. Er musste ihnen abgrundtiefe Angst gemacht haben. Vor seiner Lebendigkeit mussten sie sich wie tot gefühlt haben, und sie mussten ihn gehasst haben dafür. Vor seiner natürlichen Autorität mussten sie sich lächerlich vorgekommen sein mit ihren Ämtern und Würden und Rangabzeichen, und das musste sie zutiefst verletzt haben.

Doch die Kirche, die sich auf ihn berief … hatte ihm noch viel Schlimmeres angetan als die jüdischen Hohepriester. Seine Botschaft, seine Ausstrahlung, sein ganzes Wesen war Lebendigkeit gewesen, Bejahung, Fülle – doch seine Priester hatten ausgerechnet den toten Jesus zu ihrer lkone erwählt, den Gekreuzigten, das Sinnbild dafür, dass die Menschheit ein unermessliches Geschenk zurückgewiesen hatte. Und seither predigten sie die Verneinung des Lebens, wiesen die Fülle zurück, lehrten Entsagung und Askese, verdrehten alles und jedes in das genaue Gegenteil.

Und er verstand, ja. Verstand, um wieviel einfacher es war, jemanden anzubeten, nachdem er tot war. Verstand, dass man jemanden anbeten musste, wenn man ihn zu Lebzeiten verpasst hatte und spürte, dass man ihn verpasst hatte. Verstand, dass man ihn zum Gott erhoben hatte, damit er keine Gefahr mehr war, damit die Herausforderung, die von ihm ausging – die Herausforderung an jeden Menschen: sei! – gebannt war. Damit in Vergessenheit geraten konnte, dass es jemals eine Herausforderung gegeben hatte. Deswegen hatte sich der ganze Schwerpunkt wegbewegt von seinem Leben, hin zu seinem Tod. Alles drehte sich um seinen Tod. In der Überlieferung war sein Leben nur Vorbereitung für seinen Tod, waren die Wunder, die man ihm andichtete – weil man die Wunder, die er tatsächlich auf Schritt und Tritt, mit jedem Wort und jeder Bewegung vollbracht hatte, nicht ertragen konnte –, nur notwendige Beweise für seine Göttlichkeit, dafür, dass er anders war als jeder andere Mensch. Denn dies musste man beweisen, sonst hätte man sich ändern müssen, anstatt sich mit Anbetung und Verehrung aus der Verantwortung stehlen zu können. In der Überlieferung … lief alles auf diesen Tod zu, der ein katastrophales Versagen der Menschen gewesen war, ein Akt der Feigheit, und um auch dieser Wahrheit zu entgehen, hatte man eine Mythologie darum herumstricken müssen, hatte den Mord umdichten müssen in einen Opfertod. …

… allein dieses Abbild zu sehen war wie ein Segen. Zu sehen, dass es möglich war, solche Kraft und Anmut, solche Lebendigkeit und überfließende Liebe … ja, genau, das war es: Dieser Mann war so von Liebe erfüllt, dass sie überfloss und alles und jedes in seiner Umgebung berührte, verwandelte, verzauberte, eine Liebe, die kein Objekt brauchte, eine Liebe zum Leben, zum Himmel wie zur Erde, bedingungslos, großmütig, lodernd wie Feuer. …

Es heißt, wer hineinsieht, ist nicht mehr derselbe danach. Was immer darin zu sehen ist, es verändert einen Menschen für immer

Es geschah nichts Großartiges. Der Mann aß, unterhielt sich mit den Menschen, die ihn umgaben. Man brachte ein krankes Mädchen zu ihm, worauf er die Schüssel beiseite stellte (mit einer so wunderbaren, so grandiosen Handbewegung, dass Stephen alle Ballettänze der Welt hergegeben hätte für diese eine Bewegung) und sich dem Kind zuwandte, ihm die Hand sanft auf den Kopf legte und dann leise, kaum vernehmbar, mit ihm sprach. Es hatte etwas sehr Inniges, sehr Vertrautes, wie die beiden einander ansahen. Dann, nachdem der Mann das Kind etwas gefragt hatte, begann es zu antworten, scheu zu lächeln, und eine der Frauen unter denen, die zusahen, die Mutter vielleicht, presste fassungslos die geballten Fäuste vor den Mund, wie um einen Schrei zu unterdrücken: Vielleicht war das Mädchen bis dahin stumm gewesen und hatte nun die Sprache wiedergefunden? …

Doch mit keiner seiner Gesten, mit nichts in seiner Haltung sagte er auch nur den Bruchteil einer Sekunde lang: Ich bin Gott, und ihr seid nur Menschen. Jede seiner Gesten, seine ganze Haltung verkündete unaufhörlich nur dieses eine: Seht mich an! Seht, was möglich ist! Nichts an mir ist anders als an euch, auch ihr könnt dieses wunderbare Leben in seiner Vollkommenheit haben! Nichts ist für mich möglich, was nicht auch für jeden einzelnen von euch möglich wäre!

Auf die Wirkung der Offenbarung komme es nun an, nicht darauf, ob Jesus wirklich gelebt habe oder wie er gar gestorben sei. Theologen könnten sagen – und sollten es endlich unverschämt laut und schamlos deutlich sagen –: nicht der historische Jesus ist entscheidend, sondern einzig und allein der kerygmatische, und der ist lebendig, niemals gestorben, also auch nicht auferstehungsbedürftig. Die von ihm ausstrahlende Hoffnung ist eine diesseitige, unabhängig von transzendentem oder autoritativen Instanzen:

(142ap644ff)

»Es gibt nicht den Hauch eines Beweises, dass der Mann auf dem Video tatsächlich Jesus ist«, meinte Eisenhardt [einer der Ungerührten, WS]

»Es spielt keine Rolle, verstehen Sie? … Ob er Jesus ist oder Buddha oder jemand, von dem wir nie etwas gehört haben – ich sehe in ihm, was das Leben sein kann. Dass es nicht darum geht, etwas zu erringen. Dass wir nicht auf dieser Welt sind, um andere zu überrunden und auszustechen und auf allen Rennbahnen zu siegen. Es macht keinen Unterschied, ob man siegt oder verliert, nicht wirklich, meine ich. Früher dachte ich, es gehe im Leben darum, einen Preis zu gewinnen. Sinnbildlich gesprochen. Mir war das nicht bewusst, aber im Rückblick weiß ich, dass ich das glaubte. Es war die Haltung, sich zu sagen, 'wenn ich erst …'. Wenn ich erst eine Million Dollar besitze, dann. Wenn ich erst berühmt bin, dann. Immer dann, dann, dann. Ich glaubte, wenn ich das richtige Rennen gewonnen hätte, dann würde sich mein Leben verändern in etwas anderes als das, was es war – in das richtige Leben. Dann würde das richtige Leben beginnen. Aber so viele Rennen ich auch gewann, ich kriegte nie den Preis. Das 'dann' passierte nie. Und deshalb rannte ich immer weiter, setzte die Ziele immer höher… Als ich das Video sah, begriff ich, dass das hier schon das richtige Leben ist. Dass es das schon die ganze Zeit war. Ich war nur unfähig, es wahrzuneh­men, mich an dem zu erfreuen, was ich schon hatte. Das Le­ben, das wirkliche, 'richtige' Leben, fand schon statt, und ich hatte es die ganze Zeit übersehen, weil ich so beschäftigt war. Aber ich musste erst sehen, wie jemand wirklich imstande ist, den Moment auszukosten, mit allen Sinnen und aller Hinga­be, ehe ich das begreifen konnte.«

Vielleicht gab es einen historischen Jesus, und vielleicht hat er Wunder getan. Aber dann war es die Art Wunder, die jeder von uns wirken kann, und die Frage nach Jesu Geschichtlichkeit ist eine akademische (derzeit nach Stand der Forschung eher zu verneinen, vgl. (115a))

Wer aber vor der realen Möglichkeit, das Leben zu Lebzeiten zu verpassen, zurückschreckt, wen das im Innersten verstört, der muss den lebendigen Jesus auf jeden Fall und immer wieder ans Kreuz nageln, ihn zum Opfer machen.

Also ganz egal, ob es sich um einen historischen, einen mythischen oder einen kerygmatischen Jesus handelt: sobald er irgendwie lebendig und konkret wird, sobald er "wirkt", hat er für die religiös unmusikalische Sorte Mensch sein Leben verwirkt.

Was für ein Jesusvideo präsentiert uns nun der Film am ermüdenden Ende? Die Kamera fährt verzweifelt schwankend durch eine trostlose Wüstenlandschaft, hinein in eine dunkle Grabkammer, und Jesus liegt darin, edel gestaltet, voll Blut und Wunden, und auf jeden Fall tot, tot, tot.

Natürlich hat der Schriftsteller es leichter als der Regisseur; er kann sich an den entscheidenden Stellen auf eine Schilderung zurückziehen, er muss die Szene nicht wirklich zeigen. Vielleicht erlaubt das Medium "Video" keine überzeugende Darstellung eines "lebendigen Jesus"; vielleicht fehlen Schauspieler mit dem nötigen Charisma.

Aber wir hätten sicher verziehen, wenn der Regisseur zu Tricks gegriffen hätte, zur Teichoskopie, vielleicht Video-im-Video, eine verkleinerte Darstellung oder kurze Flashs, und nur die Reaktionen der Zuschauer im größerem Format und längerer Einstellung. Sag mir keiner, das wär nicht gegangen.

Aber nein, der Film wusste nichts Besseres zu tun als das, was im Roman als das alte Verhängnis geschildert wird: den im Roman wider Erwarten Auferstandenen im Film gleich wieder zu begraben.

Jeder, der meint, es müsse doch am Christentum irgendetwas zu retten sein – ich persönlich bin da pessimistisch – möge sich aufgerufen fühlen:

Holt Jesus solange und sooft vom Kreuz, bis er unten bleibt!

Und keine Angst um die so genannten christlichen Werte. Sie werden vom Christentum heute als Schambinde missbraucht, als pure Staffage, erwiesen sie sich doch für christliche Machtpolitiker im Ernstfall meist als nebensächlich, wenn nicht gar hinderlich und damit als todeswürdige Ketzerei.

Die Ideengeschichte beweist mühelos: Alle, aber auch ALLE die vielzitierten, so genannt "christlichen" Werte (Mitmenschlickeit, Nächstenliebe, Vergebungsbereitschaft, Menschenrechte usw.) sind dem Judentum, der heidnischen Antike und dem (von letzterer inspirierten) Humanismus geklaut. Nichts daran ist spezifisch christlich, und diese Werte sind beim Judentum, bei der Stoa oder beim "einfachen Humanismus" besser aufgehoben; das Judentum kennt darüber hinaus noch den "aufrechten Gang vor Gott", im Christentum zu einem infantilen Vater-Kind-Verhältnis herabgewürdigt.

Die meisten Menschenrechte wurden noch Ende des 19. Jahrhunderts scharf von der Kirche bekämpft. Soweit sie Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit betrafen, wurden die modernen westlichen Werte noch Ende des 19. Jahrhunderts (z.B. im "syllabus errorum") von christlicher Seite verfemt und verteufelt.

An alle, die sich das Christentum schon immer abgewöhnen wollten: Rennt massenhaft in Gibsons Film: Die grausame Wahrheit über eine "Religion der Liebe".


HOMEPAGE Stand: 25.07.2005 © Werner Schneider; Zitate: Schneekluth Verlag