Gott und die Welt

Theismus contra Kosmismus? Ein Brief an einen Freund

Die herrschenden "Weltreligionen" (deren geschichtsmächtigste sicher das Christentum ist) sind lange schon nicht mehr in der Lage, uns bei der Meisterung der Zukunft zu helfen; im Gegenteil, ihre Rolle muss als kontraproduktiv angesehen werden.

Wie sich seit der Aufklärung hinreichend deutlich erwiesen hat, ist Religion ein unverzichtbarer Bestandteil des menschlichen Seelenlebens. Denn wo die Religion desavouiert erschien, tauchte prompt der Rationalismus (oder Marxismus, oder schlimmeres) als Ersatzreligion auf - und versagte kläglich im Angesicht der Geschichte.

Neue Religionen braucht die Welt: Religionen, die weder Vernunft noch Wissenschaft beleidigen, die uns nicht zu einem sacrifium intellectu nötigen.

Bis hierhin bin ich mit meinem Freund Michael Conley, Historiker, Fachmann für Psychologische Kriegsführung und Religionskritiker, einer Meinung.

Aber bedeutet Religion nun einen Glauben an Gott oder nicht? Ist jede Religion notwendig ein Theismus, oder kann es ebensogut ein gott-loser "Kosmismus" sein?

Mike meint, man müsse Gott los werden und bekennt sich zu einem "Kosmischen Credo". (www.thecosmiccontext.de)

Da bleibt mir altem Widerspruchsgeist ja nichts anderes übrig, als advocatus diaboli und advocatus dei in einer Person zu spielen. Ihm - und allen religiös musikalischen Anti-Theisten - widme ich folgendes Plädoyer:

Was religiöse Differenzen angeht, hat C.G. Jung wohl recht: Was dem einen sein Himmel, ist dem anderen seine Hölle. Wobei ich allerdings die Hölle für einen interessanten Ort halte. Vielleicht will ich da hin; ich brauch mein Stress.

Geh ruhig davon aus, dass ich meinen Standpunkt etwas zuspitze (wir sind nicht weit voneinander entfernt); aber ich möchte dir gerne noch ein wenig zusetzen, in der Hoffnung auf eine fruchtbare Kontroverse.

Die Wissenschaft hat uns gelehrt, mit kontroversen Modellen zu leben, und zwar gut. Denke an den Streit zwischen Welle und Teilchen in der Physik; das war einmal ein echter Glaubenskrieg, was man heute gar nicht mehr verstehen kann. Jeder der beiden "komplementären" Standpunkte war voll und ganz berechtigt. Inzwischen ist man längst zu einer einheitlichen Sicht des zugrundeliegenden Phänomens vorgestoßen - nur ist die mathematisch etwas kompliziert. Lange Zeit BRAUCHTE man beide Sichten, um der Wahrheit näher zu kommen.

Mir kommt es also darauf an, welchen "noetischen Nutzen" ein Modell hat, welchen "empirischen Gehalt", d.h. welche neuen Fragen kann ich stellen, welche neue Antworten kann ich erwarten, welche Handlungsmöglichkeiten ergeben sich, bringt es mich oder andere voran, usw.

In dem Sinne meine ich: es ist immer (wieder) sinnvoll, einen Aspekt des "Kosmos" als "Welt" zu fassen und zu behandeln, und einen anderen als "Gott", oder besser noch im Plural: Welten und Götter. Dies entspricht unserer Natur - wir KÖNNEN nicht anders: wir sehen die Welt mithilfe "mechanistischer" und "animistischer" Projektionen; wir sehen sie voller toter Dinge, die "Gründe haben", oder lebender Wesen, die "Zwecke haben". Und das funktioniert - sonst säßen wir noch auf den Bäumen.

Wenn wir die Götter zur Vordertür rauswerfen, kommen sie darum durch die Hintertür wieder herein - und beherrschen uns, weil wir uns ihrer nicht mehr bewusst sind. Wir halten für echte Dinge "da draußen", was in Wirklichkeit unsere eigenen autonomen Komplexe sind.

In der Vergangenheit haben diverse (nicht alle!) Gottesmodelle die (Natur-)Wissenschaft entscheidend vorangebracht. Die "materialistischen" Vorstellungen eines Demokrit (Planeten sind herumwirbelnde Materieklumpen) stifteten keine brauchbare Astronomie, der pythagoreische Glaube aber, die Planeten seien Götter, führte über die "göttlich-ideale" Kreisbewegung zur ptolemäischen Astronomie, ohne die Kopernikus, Kepler und Newton umsonst hätten leben müssen.

Der studierte Theologe Kepler hätte nicht 30 Jahre seines Lebens wild herumgerechnet, wenn er nicht fest an einen (neuplatonischen) Gott geglaubt hätte, der der Welt harmonische Zahlengesetze gegeben hatte. Damals war Gott ganz nach dem absoluten Monarchen modelliert, der nicht mehr rein willkürlich herrschte, sondern mit Hilfe von Gesetzen und Hierarchien. Die Vorstellung vom Naturgesetz ist - ideengeschichtlich belegbar - eine animistisch-anthropomorphe Projektion.

Mit Newton war es ganz ähnlich. Seine Physik war ihm Gottesdienst, er interpretierte den Nachweis eines gesetzlich geordneten Kosmos als Gottesbeweis. Nach Newton entwickelte sich das Gottesbild zur Idealisierung des konstitutionellen Monarchen weiter, der nicht immer wieder neue Gesetze erlässt, sondern sich einmal eine ideale Verfassung gegeben hat, die er nun streng einhält. Am Ende steht der "Deismus"; Laplace konnte Gott getrost entlassen, weil die gottgegebenen Gesetze Gott ("diese Hypothese") entbehrlich machten.

Einstein hielt es mit Spinozas Gottesprinzip, und ich glaube, man hätte seine Äußerung, Gott würfele nicht, etwas ernster nehmen sollen. Erst in der letzten Zeit beginnt sich die Quantenmechanik wieder etwas in seine Richtung zu bewegen!

Ich halte die Vorstellung von Göttern (und da hab ich einen ganzen Stall davon, je nach Thema, Zweck und Neigung) also auch in der Moderne für erkenntnistheoretisch fruchtbar. Ich denke, die Neigung, sich Götter zu machen, ist etwa 150000 Jahre alt und eine der Grundbedingungen für den Aufstieg des homo sapiens sapiens.

Vielleicht sind die Götter neurobiologisch verankert, also gewissermaßen neuronal verdrahtet. (Sicher nicht so naiv "neurotheologisch", wie der kleine Hirnforsch-Moritz sich das vorstellt.) Aber vielleicht ist es auch so, wie du sagst, und die Götter sind eine Erfindung verängstigter Steinzeitmenschen, die ihre Grenzen nicht hinnehmen wollten. Gut möglich! Zum großen Teil wahrscheinlich! Dann war es aber doch eine geniale Erfindung: die Steinzeitler überwanden ja ihre Ängste und auch ihre Grenzen. Gott hat FUNKTIONIERT. Und so in der Folge: Immer mal wieder hat ein spezifisches, zeit-adäquates Gottesmodell dem Menschen neuen Mut gemacht und ihm geholfen, seine Grenzen zu überwinden.

Was ist heute anders? Hat der Mensch sich so sehr geändert in den letzten 10000 Jahren?

Über die vielen negativen Gottesbilder sind wir uns einig, denke ich. Gott und Gott ist nicht dasselbe. Die Schattenseite Gottes deckt sich m.E. genau mit der Schattenseite der Macht und des Fortschritts. Gott wurde benutzt, um die Menschen zu beherrschen und zu unterdrücken. In diesem Sinne gibt es "falsche Götter" - die aber nichtsdestotrotz real sind, im Sinne "geschichtsmächtiger Ideen". Die christlichen Gottesideen erwiesen sich als die mächtigsten - es gibt einfach keine Religion, die so viele Menschen so lange Zeit beherrscht hat, und es ist noch lange nicht vorbei.

Ich halte das Christentum politisch und moralisch für korrupt, sein Gottesmodell hat das Verfallsdatum schon ein paar Jahrhunderte überschritten. Aber das Christentum wird solange bleiben, bis sich eine neue, wirklich funktionierende, überzeugende Gottesidee manifestiert. Das glaube ich jedenfalls - und wenn du das Zweckpessimismus nennst.

Die Idee vom menschgewordenen Gott "zum Anfassen und in den Mund stecken" (Abendmahl!) ist heutzutage kraftlos geworden. Dennoch sollten wir die Menschen dort abholen, wo sie stehen. Der Himmel ist zu hoch, der Kosmos zu weit, zu unpersönlich. Die Menschen reichen mit ihrer Seele (noch?) nicht an ihn heran; schon die Erde ("Gaia") scheint für menschliches Maß immer noch zu groß. Darum hat m.E. ein reiner "Kosmismus", für sich allein genommen, kaum eine Chance.

Aus all den Gründen denke ich, dass wir Gott nicht los werden. Ohne dass darum der kosmistische Standpunkt nicht enorm wichtig wäre. "In Wirklichkeit" - metaphysisch gesehen - macht es m.E. keinen Unterschied. Wir brauchen beide Glaubens-Richtungen. ("Wo glaubst du gerade hin?")

Es ist ein (sinnvoller!) Streit um Begriffe, um Kategorien. "Gott" ist die natürliche Kategorie für lebendige Ganzheit, für den universellen Zusammenhang, in den der Einzelne unmittelbar einbezogen ist.

Gott ist das Symbol für das größere, umfassendere, von dem der Mensch nur ein Teil ist; nicht an Gott zu glauben, wäre gleichbedeutend mit dem Glauben, der Mensch sei das höchste Wesen, das je gelebt hat und je leben wird.

Und das ist vielleicht doch ein wenig voreilig gedacht ...

Mit kosmotheistischem Gruße!
Werner


Empfang Stand: 25.07.2005 © Werner Schneider