Kein Buch ist so schlecht, dass es nicht irgendeinen Nutzen stiften könnte.
PLINIUS DER ÄLTERE

Literaturschau


Die hier aufgeführte Literaturschau erhebt keinen Anspruch auf Vollstän­digkeit. Auch eine Zumutung hat ihre Grenzen. Viele sachdienliche Themen sind nur exemplarisch, und manche überhaupt nicht vertreten. Schon so gerät sie zum bunten Sammelsurium, welches mehreren Zielen dient.

Im ersten Hauptzweck belegt sie - in guter, selbstparodierend wissenschaftlicher Tradition - ungeheuerliche Behauptungen; drum dröge Fachbeiträge zum Nachprüfen dabei. Harter Stoff.

Der zweite, dem Buchhandel willkommene Hauptzweck regt zu vermehr­tem Lesefraß an. Er zerfällt in drei Unterzwecke: erstens kernige Fachlektüre für alle, die gern was beißen, zweitens gemein Verständliches oder gar Bel­letristisches für die nüchterne Leserschaft. Weil dies uns oft noch zu ab­gehoben scheint, findet sich drittens Lesbares fürs (mehr oder weniger) breite Publikum.

Unweigerlich spiegelt die Auswahl meine eigenen geistige Neigungen: Zu- ­und Ab- halten sich die Waage; die Schriften erregten also entweder heftiges Nicken oder Schütteln meines Kopfes; bei etlichen jedoch ging er im Kreise. Das entspannt den Nacken, trainiert den Kreislauf und wäscht das Gehirn.

Vieles ist hemmungslos kommentiert, gelegentlich den Anschein von Objektivität meidend. Doch äußere ich nicht bloße Meinung - private Blöße stelle niemand ohne Not zur Schau - sondern mit allen Wassern gewaschene, kleidsame Überzeugung. Komm mir nur einer und suche Streit! Dann suchen wir zusammen.


1 T. Adorno, M. Horkheimer (1969): Die Dialektik der Aufklärung

Unumgänglich, ununterbrochen aktuell. Schicksal des Klassikers: viel ge­nannt, kaum bekannt, ohne echte Rezeption. Verglichen mit der schwer ver­hauenen Sprache eines Hegel, Heidegger oder Schleiermacher ist der Stil im Großen verständlich, oft aber raunend, in ärgerlichem Manierismus gespreizt sich dahinrhapsodierend. Die traun sich was, aber die dürfen das. Wenn ich mal groß bin, schreib' ich auch so. Zwängen Sie sich auch durch die dunklen Passagen, es lohnt sich.

2 G. Alber, M. Freyberger (1999): Quantenkorrelationen und die bell­schen Ungleichungen. Von der Grundlagenforschung zur technolo­gischen Anwendung  Phys. Blätter 55 (1999) Nr. 10 p23-27
3 H. Albert (1979): Das Elend der Theologie. Kritische Auseinanderset­zung mit Hans Küng  Hoffmann und Campe Hamburg

Richtet den Küng dermaßen umständlich und dermaßen gründlich hin, dass ich dachte: der arme Kerl, den muss ich jetzt doch mal ebenso gründlich lesen, da wurde sicher falsch verstanden. Zwei Jahre später musste ich gestehen: die Hinrichtung war gerecht, aber es ginge weniger umständlich (294).

4 Buzz Aldrin & John Barnes (1996): Begegnung mit Tiber  Heyne Mün­chen 1998

Normalerweise kann von Wissenschaft in der "science" fiction kaum wirklich die Rede sein. Anders in diesem Roman: Astronaut Aldrin, zweiter Mann auf dem Mond, und SF-Autor Barnes haben sich mit einem Stab hochkarätiger und hochmotivierter Experten zusammengetan, um zehn Jahre lang unser bestes Wissen um die Weltraumfahrt zusammenzutragen und zu einem mög­lichst realistischen Szenario zu extrapolieren.

Die vielleicht nicht beabsichtigte, aber unausweichliche Schlussfolgerung: Erst muss ein neuer Galilei aufstehen, bis wir wieder an die Sterne denken können.

5 F. Alt (): Jesus, der erste neue Mann

Wiederholung der Geschichte der Leben-Jesu-Forschung als Farce.

6 G. Aly (1999): 'Endlösung' - Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden  Fischer Frankfurt/M
7 Carl Amery (1990): Das Geheimnis der Krypta List, München Fortschritt und Apokalypse - ein ironisches Fazit des 20. Jahrhunderts.
8 Carl Amery (1998): Hitler als Vorläufer. Auschwitz - der Beginn des 21. Jahrhunderts?  Luchterhand München
9 W. Assenmacher (1990): Konjunkturtheorie 4. Auflage  Oldenbourg München
10 R. Augstein (1999): Jesus Menschensohn
11 J.J. Bachofen (1954): Das Mutterrecht: eine Untersuchung über die Gynäkokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur  Kröner, Stuttgart

Nicht nur die Geschichte, sondern auch den Mythos schreibt der Sieger. Und so wirkungsarm die geschriebene Geschichte, so geschichtsmächtig ist der ge­schriebene Mythos. Mythos ist bitterer Ernst, und ohne paläohistorische Stu­dien im Stile Bachofens wird historische Forschung von den immer gleichen Mystifikationen überwachsen.

Die Urmutter Gaia, Die Erde, gebar aus sich heraus Uranus, Den Himmel; Uranus zeugte mit ihr die Titanen. Im Titanenkampf entmachten patriarchale Emporkömmlinge das alte Geschlecht. Auch das Propagandastück von der Vertreibung aus dem Paradies entstammt der paternalen Kampfzeit (etwa 1200 v.C.): aus der göttlichen Eva, Urmutter des Lebendigen, wird das schwa­che Weib, welches alles verpatzt, verführt von der Schlange, dem Symbol der Großen Göttin. Zur Strafe soll Er Dein Herr sein, Weib!

Die Vor- und Frühgeschichtler betrachten vielleicht weniger als die halbe Wahrheit, weil der weibliche Beitrag zur Kultur bis heute wohl der entschei­dende ist - männlich-chauvinistischer Forschung bei Strafe der Lächerlich­keit zu glauben verboten! Die moderne Paläolinguistik (153, 154) legt nahe, Bachofen sehr ernst zu nehmen. Auch anthropologische und soziobiologi­sche Befunde deuten dahin. (261,502,533)

Leider fallen solche fruchtbaren Deutungsmodelle in den toten Winkel so­wohl der Bibelwissenschaft als auch der Frühgeschichte. Kein Wunder, dass die Begriffe "Mythos" und "Kult" zur historischen Residualkategorie ver­kommen.

12 W. Baßler (1990): Psychiatrie des Elends oder das Elend der Psy­chiatrie. Karl Jaspers und sein Beitrag zur Methodenfrage in der klini­schen Psychologie und Psychotherapie  Königshausen & Neumann Würzburg
13 J. D. A. Barrow (1993): Die Natur der Natur. Wissen an den Grenzen von Raum und Zeit  Spektrum Heidelberg
14 J. D. A. Barrow (1998): Die Entdeckung des Unmöglichen. For­schung an den Grenzen unseres Wissens  Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg 1999
15 M. Barthel (1991): Die Jesuiten: Giftmischer oder Heilige?  Katz Verlag Gernsbach
16 R. Batra (1985/87): The great depression of 1990 - Has it already star­ted coming true?  Venus Books

Kreislauftheorie von Herrschaft und Wirtschaft; die 1990er entsprechen den 1930-ern; der Autor zeigt einen 60-Jahres-Zyklus. Dürftig verschleiert durch allerlei wirtschaftspolitisches Voodoo gleitet die Weltwirtschaft in den 90ern zäh talab. Europa und vor allem die USA treiben auf die Marginalisierung zu wie einst das spanische und dann das britische Weltreich. Japan und der ferne Osten wird gerupft, doch kommt wieder prächtig zu stehen - wie die USA in den 30ern. Der Ferne Osten wird jugendlicher Held, das Abendland wechselt ins Cha­rakterfach (Sean Connery in der Wiege der Sonne!). So gehts mit Schwung ins neue Jahrtausend.

Der Zusammenbruch der Ostblocks in den späten 1980ern war in der Analyse nicht enthalten; vielleicht hat dieser Ruptus eine Phasenverschiebung um 90 Grad verursacht. Denn dann lägen wir heute (April 2003) wieder prima im Zeitplan: seit Ende 2001 spricht man ernsthaft von Weltwirtschaftskrise in bewusster Anleh­nung an die 1930-er, und seit Anfang 2003 herrscht Konsens über die Dauerhaftigkeit der Krise.

Wir leben wahrlich in interessanten Zeiten. Aber ich bin Optimist: das Jammern wird bald langweilig, und damit auch die Zeiten wieder uninteressanter.

17 B.Bavink (1930): Ergebnisse und Probleme der Naturwissenschaften  Hirzel, Leipzig

Stellt dem in den 20er-Jahren herrschenden Neo-Positivismus die Position des kritischen Realismus entgegen, im Endeffekt metaphysisch sparsamer als die eifernden Metaphysik-Exorzisten des Wiener Kreises. (173,446)

18 B. Bauer (1877): Christus und die Cäsaren. Der Hervorgang des Christentums aus dem römischen Griechentum  Auszug unter H. Deterings Seite www.radikalkritik.de
18a W. Bauer (1934): Rechtgläubigkeit und Ketzerei im ältesten Christentum  Verlag von J.C.B.Mohr Tübingen
19 J-E.Behrendt (1985): Das dritte Ohr. Vom Hören der Welt.  Rowohlt

... und von der Welt des Hörens. Ein ganz wichtiger Text über einen koloniali­sierten Sinn. Das Kapitel über Neue Physik sollte man besser allegorisch ver­stehen (grummel).

20 W.J.Bekh (1999): Vorhersagen und Prophezeiungen, 5 Bände  Lud­wig München

Ein fruchtbares Feld für psychohistorische Forschung und Religions-Soziologie. Oberpfalz und Innviertel sind reich an modernen prophetischen Traditionen, die nicht historisch hoffnungslos verschüttet sind wie andere apokalyptische Naherwartungs-Bewegungen. (Die geschichtsmächtigste von allen ist wohl die eschatologische Naherwartung der Jesusbewegung).

Aber das "dritte bairische Weltgeschehen" ist - soweit wage ich mich gerne vor - auch ein komplexes empirisches Feld für die Physik der Zeit: Nach sorgfältiger Prüfung dieses (und anderen) Materials denke ich, dass Prophezeiungen möglicherweise physikalische Wirklichkeit widerspiegeln, auch dort, wo sie auf dieser unserer Zeitspur nicht mehr eintreten können, weil wir sie historisch buchstäblich überholt haben.

Vielleicht gibt es also echte Hellseher, und wenn ja, ist die Schlussfolgerung unausweichlich: die von ihnen prophezeite Zukunft liegt nicht fest, sondern kann sich mit der Zeit, die wir erleben, in der Zeit, die wir erleben werden, ändern; und je weiter entfernt der Zeitpunkt, umso wahrscheinlicher (in der Regel, nicht der Ausnahme) die Abweichung. (NB: zur adäquaten Beschreibung benötigen wir zwei verschiedene Zeitbegriffe!) Wohlgemerkt: WENN es Hellseherei wirklich gibt - und da ist kein vernünftiger Grund in Sicht, dies "grund-"sätzlich abzulehnen - DANN gilt diese Schlussfolgerung; DANN ist die Zukunft offen, und Sie, liebe Leserin, können Sie ändern, und zwar jetzt, sofort!

Anders ausgedrückt: Glaube an Hellseherei und Schicksalsglaube sind nach Lage der Befunde vollkommen unvereinbar.

20a W. Benz, H. Graml, H. Weiß (1997): Enzyklopädie des Nationalsozia­lismus  Klett-Cotta, Stuttgart
21 D. Bering (1978): Die Intellektuellen. Geschichte eines Schimpfwor­tes  Klett-Cotta, Stuttgart
22 P. Berger, T. Luckmann (1969): Die soziale Konstruktion der Wirk­lichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie  Fischer Frankfurt/M
23 M. Berman (1981): Wiederverzauberung der Welt. Am Ende des Newton'schen Zeitalters.  trikont

Für Leute mit einem Faible für sehr trockene Philosophie.

24 M. Biagoli (1993): Galilei der Höfling. Entdeckungen und Etikette: Vom Aufstieg der neuen Wissenschaft.  Fischer, Frankfurt/M 1999
25 M.J. bin Gorion (2000): Die Sagen der Juden  Parkland, Köln
26 N. Bischof (1991): "Gescheiter als alle die Laffen" - Ein Psycho­gramm von Konrad Lorenz  Piper München 1993 Serie Piper Band 1530

Konrad Lorenz hatte wahrscheinlich zwei bis drei der zwanzig wichtigsten biologischen Ideen des 20. Jahrhunderts. Andererseits hat er sich nicht nur zu Nazizeiten schwer kompromittiert, (266) sondern sich auch danach (317, 319) zum Entsetzen vieler Freunde, Kollegen und Schüler mit antihumanen, angeblich "wissenschaftlich begründeten" Einschätzungen so hervorgetan, dass die "neue" Rechte gerne wieder an ihn anknüpft. Sein langjähriger Mitarbeiter Bischof sucht nach den Gründen für Lorenz' schlimmste ideologische Entgleisungen, die sich recht plausibel als unbewuss­te Projektionen deuten lassen. Im übrigen rät Bischof, Lorenz wieder im Ori­ginal zu lesen. Da empfehle ich besonders (316) und (318).

27 C. Birks, K.-H. Janßen (1999): Der Krieg der Generäle. Hitler als Werkzeug der Wehrmacht  Propyläen bei Ullstein, Berlin

Klappe: "Nicht erst seit der umstrittenen Ausstellung ist bekannt, dass die Wehrmacht in erheblichem Maße in die Verbrechen des NS-Regime ver­strickt war. Dass die Generalität aber schon lange vor Hitler einen neuen Krieg plante und vorbereitete, den dieser dann nur noch zuvollstrecken hatte, zeigen neue Archivfunde der beiden Zeithistoriker Dirks und Janßen. Mit dem Mythos einer militärischen Elite, die Hitler nur widerwillig Gehorsam leisteten, räumen sie endgültig auf"

28 P. Bise (1934): Le cauchemar allemand  ÉDITIONS CIVIS Paris

Ein Schweizer bereist das deutsche Reich im Dezember '32 und im Herbst '33 und versucht den Franzosen zu vermitteln, was auf sie zukommt. Zumindest für einen Ausländer scheint es gar nicht schwer gewesen zu sein, herauszufin­den, was Hitler bedeutet!

29 T.R. Blakeslee (1980): Das rechte Gehirn - Das Unbewußte und seine schöpferischen Kräfte  Aurum Freiburg

Man begehe aber nicht den Fehler und verabsolutiere die Gehirnorganisation! Bei Frauen etwa ist die Funktionsspaltung beider Hirne (Lateralisation) längst nicht so ausgeprägt, und die Hirne von Angehörigen anderer Kulturen können bei gleichen genetischen Grundlagen anders organisiert sein. Vergleiche Me­cacci (353)!

30 A. Bloch (1977-1982): Murphy's Law, Murphy's Law Book Two, Mur­phy's Law Book Three  deutsch als GOLDMANN TB 10046

Esoterisches Wissen in scherzhafter Form. Verrät entschieden die Hand­schrift von eingeweihten, praktizierenden Naturwissenschaftlern, Techni­kern und Ingenieuren. Leider schlecht übersetzt; besser zum englischen Ori­ginal greifen.

31 E.Bloch (1972): Die Lehren von der Materie  Suhrkamp Frankfurt/M edition suhrkamp 969

Materialismus wird oft gleichgesetzt mit primitivem kausalem Mechanismus (vornehm: ontologischer Reduktionismus) →A1, oder gar als ethisch minder­wertige Haltung apostrophiert. Dieser Text belehrt uns eines besseren: der Materialismus kennt, da nicht den "reinen" geistigen Ideen, sondern der unreinen Wirklichkeit des weltlichen Lebens verpflichtet, sehr subtile Lehren mit ausgefeilter Ontologie.

32 Blochinzew: Quantenmechanik  Harri Deutsch Frankfurt/M

Klassisches Lehrbuch für Physiker. Blochinzew fühlt sich sichtlich auf dem Boden eine realistischen Quantenmechanik im Sinne Schrödingers am wohl­sten.

33 Bloomfield, Cain, Jaffe, Kory: Transzendentale Meditation. Lebens­kraft aus neuen Quellen. Eingeleitet von R. Buckminster Fuller

Auch ich meditiere, aber nach Hausmacher Art, nicht transzendental. TM wird - wie eigentlich jede Art von Meditation - belächelt; deswegen fährt dieses Buch auch ganz großes Geschütz auf. Sheldrakes "morphische Resonanz" trifft vielleicht den wahren Kern von TM.

34 C. Blöss (1991): Planeten, Götter, Katastrophen. Das neue Bild vom kosmischen Chaos.  Eichborn, Frankfurt/M

Konsequenzen der wieder neu aufgenommenen Stabilitätsbetrachtungen nichtlinearer dynamischer Systeme ("Chaostheorie") für geltende Doktrinen der Astronomie, Evolutionsbiologie und Geopaläontologie. Fazit: das Sonnensystem ist längst nicht so stabil, wie angenommen; kosmische Katastrophen (Einschläge großer Meteoriten, nahe Begegnungen mit Kleinplaneten oder Kometen, plötzliche Änderungen von Planetenbahnen) kommen öfter vor, als bislang unterstellt. Damit gerät die These von der in riesigen Zeiträumen ungestört ablaufenden Evolution gewaltig ins Schleudern. Die verfügbare Zeit ist nach neuerem Wissen ohnehin knapper, als in der Morgenröte des Neodarwinis­mus angenommen, und wird durch häufige Kataklysmen weiter segmentiert. Cuvier redivivus! Honibile dictu: auch so manche heftig abgelehnte The­se Velikowskys scheint in neuem Licht (519). Vgl. auch (507).

35 R. Bly (1996): Die kindliche Gesellschaft. Über die Weigerung, er­wachsen zu werden.  Knaur München 1998 (The sibling society)
36 D. Bohm (1986): Die implizite Ordnung - Grundlagen eines dynamis­chen Holismus  Dianus-Trikont, München (vergriffen, in jeder guten öffentlichen Bibliothek vorhanden)

Setzt physikalische Grundkenntnisse voraus. Gemein verständliche Erörterung quantentheoretischer Grundsatzprobleme und mögliche Lösungen. Pflicht­lektüre für jeden, der Anspruch auf ein gewisses Grundverständnis moderner Physik erhebt.

Bohm geht es nicht um Interpretation, wie gelegentlich kolportiert wird, son­dern um Physik: er will die Kluft zwischen Quantenmechanik und Allgemei­ner Relativität auf kohärente Weise schließen. Die Quantenfeldtheorie ist unbefriedigend, "weil sie sicherlich eine Reihe von willkürlichen Zügen auf­weist, die eine schier unbegrenzte Anpassungsfähigkeit an die Fakten besit­zen und damit etwas an die Art und Weise erinnern, wie die ptolemäischen Epizyklen mit nahezu sämtlichen Beobachtungswerten in Übereinstimmung gebracht werden konnten, die bei der Anwendung eines solchen Beschrei­bungssystems auftreten mochten (z.B. besitzt die Wellenfunktion des Va­kuums bei der Renormalisierung eine unendliche Anzahl willkürlicher Züge.)"

Wie der im Alter isolierte Einstein, hält Bohm die Quantenmechanik nicht für vollständig. In Kap. IV analysiert er die Argumente für und gegen 'verbor­gene Variable'und präsentiert das 'Quantenpotenzial', als (noch) verborgene Variable verträglich mit dem quantenmechanischen Formalismus und so Aus­gangspunkt möglicherweise deterministischer Theorien.

37 G. Böhme (1980): Alternativen der Wissenschaft  Suhrkamp Frank­furt/M
38 G. Böhme, H. Böhme (1996): Feuer Wasser Erde Luft. Eine Kultur­geschichte der Elemente  Beck München

"Es gibt eine nahezu universelle Regel: je tyrannischer die Macht der Ele­mente der Gewalt eines Gottes unterstellt wird, umso tiefer die Unterwerfung der Frau unter den Mann. Umgekehrt heißt dies: die Achtung vor den Ele­menten korrespondiert mit der Achtung vor der Kreativität der Frau. Die Korrespondenz zwischen Naturbeherrschung und Frauenunterdrückung ist be­reits in den Mythen angelegt."

39 B.Bohnke (1989): Die schöne lllusion der Wassermänner. New Age, die Zukunft der sanften Verschwörung  ECON, Düsseldorf

Wo Licht ist, ist Schatten. Der Schatten des Wassermanns: alles im Schaufen­ster, nichts im Laden. Bohnke scheint den Laden gut zu kennen und beklagt ein Durcheinander unverdauter Begriffe. Furchtbarer Haufen, die NewAger! Doch Rettung naht:

"Der wohl wichtigste, zentrale Begriff im New Age ist: Ganzheit... Die New Ager vertreten ein unvollständiges, einseitiges, unflexibles, letztlich ungenügendes Ganzheitskonzept. Pointiert: New Age verfehlt die echte Ganzheit... Deshalb möchte ich einen anderen, neuen, erweiterten Ganzheits-Begriff einführen und zeigen: Die echte Ganzheit ist eine höhere, übergeordnete Ganzheit - die Mega-Ganzheit ... Man kann sich darüber streiten, ob die Be­wegung - mega-ganzheitlich reformiert - noch dieselbe oder schon eine ande­re wäre - ein Mega-New-Age? Doch wichtiger ist die Frage: Wird sich denn der Wassermann zu dieser höheren Ganzheit aufschwingen?"

Dieser megaholistische Ansatz ist im wesentlichen die überraschend vernünftige Idee, die einschlägigen Begriffe halt richtig anzuwenden. Das ist gut. Auf, schwingt Euch!

39a A. Bolz (2002):Wozu man ein unbewusstes Gedächtnis braucht: Un­sere erworbenen Vorlieben, Ängste, Gewohnheiten und Fertigkeiten bestimmen einen Großteil unserer Persönlichkeit - doch bewusst sind wir uns dessen nicht.  Spektrum der Wissenschaft Spezial "Ge­dächtnis '-' 112002
40 E.V. Borer (1984): Der Adam & Eva Report: Eine Spurensuche nach den göttergleichen Vorfahren der Menschen aus sumerischen Über­lieferungen, aus biblischen und nebenbiblischen Texten  Melina Ra­tingen 1994

Wo Wissenschaft (noch) nicht hinreicht, ist Vorwissenschaft nicht legitim, sondern verdienstvoll:

War Adam ("Mensch") mythischer Stammvater eines von denSumerern in Dienst genommenen Hirtenvolks? War der HErr, sein Gott, der sumerische Gottherrscher, und waren seine "Engel" die sumerische Führungsschicht? Rätselhafte Passagen in der Genesis erscheinen in neuem Licht.

40a H. Botermann (2005): Wie aus Galliern Römer wurden. Leben im Römischen Reich.  Klett-Cotta, Stuttgart

Ganz Gallien ist von den Römern besetzt, und kein kleines Dorf leistet Widerstand! Fast ohne Zwang und Gewalt wurden die Gallier im Laufe weniger Generationen waschechte Römer, ohne besondere "gallische" Identität. Lokalpatrotische Gallier waren es, die zum Glanz ihrer Stadt den Pont du Gard bauten.

Die Autorin zeigt exemplarisch am Beispiel Galliens, wie die Römer es schafften, einen jahrhundertelangen, unangefochtenen Frieden (Pax Romana) auch in Gebieten zu schaffen, wo zuvor der Krieg an der Tagesordnung war; nicht ohne darauf hinzuweisen, dass es tatsächlich eine Region des römischen Reichs gab, in der die römische Befriedungspolitik etwa um dieselbe Zeit (etwa -50 bis +150 u.Z.) vollkommen schiefging: das ewige Pulverfass Palästina.

41 H. M.Böttcher (1964?): Dreißigtausend Jahre Astrologie. Sterne, Schicksal und Propheten  Sonderausgabe Komet Frechen
42 V. Braitenberg (1973): Gehirngespinste. Neuroanatomie für kyber­netisch Interessierte  Springer Berlin

Das Kleinhirn als Sequenzer.

43 R. Brämer, G. Nolte (1983): Die heile Welt der Wissenschaft. Zur Empirie des "typischen Naturwissenschaftlers"  Redaktionsgemein­schaft Soznat Marburg
44 W. Brandmüller (1982): Galilei und die Kirche oder das Recht auf Irr­tum  Friedrich Pustet Regensburg

Der Kirchengeschichtler Brandmüller ist im Päpstlichen Komitee für Ge­schichtswissenschaft. Heidnische Toleranz gebietet dem Kirchengegner, auf­merksam zu lauschen.

Niemand spiele in geistiger Sache materiellen Richter. Der Autor klagt "Recht auf Irrtum" für die Kirche ein und zeigt dabei die erwartete Einseitig­keit; denn dies gilt ja auch für Galilei! Polemik, auch unter der Gürtellinie, beantworte mit Polemik, auch unter der Gürtellinie, doch nie hoheitlich, ge­schweige denn mit absolutistischem Terror. Aber historisch korrekt ist die Darstellung insofern, als sie eine denkwürdige Ironie enthüllt:

"[Galilei] wurde nicht deshalb verurteilt, weil die Kirche das heliozentrische System für falsch und jenes des Ptolemäus ... fürwahr gehalten hätte. Das [Ur­teil] gründete vielmehr in der Annahme, das heliozentrische System stehe im Widerspruch zur Heiligen Schrift. Und darin bestand der Irrtum der römischen Inquisition. ... Galilei jedoch hatte zu diesem Thema im Rückgriff auf Augustin und andere theologische Klassiker Interpretationsprinzipien entwickelt, die jeder heutige Theologe im Wesentlichen unterschreiben kann.

So ergibt sich das Paradox, dass Galilei in der Naturwissenschaft und die Kurie in der Theologie geirrt, während die Kurie in der Naturwissenschaft und Galilei in der Bibelerklärung Recht behalten hat."

Kardinal Bellarmin riet Galilei, wissenschaftliche Beweise für die Erdbewegung beizubringen. Doch Galilei argumentiert theologisch: die doppelte Erdbewegung stehe nicht im Widerspruch zur Schrift. 17 Jahre nach dem ersten, harmlosen Zusammenstoß mit der Inquisition wiederholt er im "Dialog über die Weltsysteme" die bereits vorgelegte Propaganda, wiederum ohne stichhaltige wissenschaftliche Argumente. Wissenschaftstheoretisch gesehen, war die ablehnende Haltung der Kurie im Einklang mit der modernen, ebenso fundamentalistischen Auffassung von Wissenschaftlichkeit (160).

Wenns an die religiöse Substanz geht, ist auch heute Wissenschaftsketzerei ein Fall für die Justiz, und Existenzen werden gnadenlos vernichtet: vgl. USA gegen Wilhelm Reich! Nicht immer funktioniert die GedaPo →A21.

45 Bert Brecht, Leben des Galilei

Trotz Brechts angeblicher Recherchen nur Lehrstück, keine Antwort auf die Frage, "wie es denn wirklich gewesen." Brecht dramatisiert nicht Historie, sondern Mythos. Er idealisiert Galilei und stilisiert den Konflikt mit der Kirche zum Konflikt zwischen Wissen und Glauben. Es war aber ein Glaubenskampf: Glaube an kopernikanisches Weltbild kontra Glaube an Bibel und katholische Tradition. (44, 160,405)

Die Inquisitoren waren astronomisch gut beraten; aber sie standen unter dem Primat der gegenreformatorischen Politik. Die Kirche förderte Kopernikus, verbot aber, eine so spekulative Theorie wie die doppelte Erdbewegung gegen gesicherte empirische Fakten und vor allem die Autorität der Kirche als wahr zu lehren und sich dabei auch noch auf die Bibel zu stützen, wozu Galilei sich im Intrigenspiel der Fürstenhöfe hinreißen ließ. (24)

Hätte Galilei - was seiner Zeit unmöglich war - wissenschaftlich überzeugende Beweise geliefert, wäre ihm die Anklage durch die Inquisition wohl erspart geblieben. Nun betreibt Galilei vor allem Propaganda, wenn auch vorzügliche. Doch vom damaligen Standpunkt aus gesehen, lieferte das Fernrohr lieferte keineswegs "Tatsachen", und die Zweifel daran, dieses (von Galilei falsch erklärte) Instrument zeige die Welt unverzerrt, waren wohl begründet. Als brillanter und provokanter Propangandist erwarb sich Galilei - wie Brecht - unsterbliches historisches Verdienst, denn es war eine Propaganda für ein allfälliges neues Denken. Wissenschaftlich gesehen, sind seine Argumente aber oft schief oder - wie die Gezeitentheorie - völlig falsch. Direkte Beweise musste er schuldig bleiben; starke Indizien wie die Venusphasen verblassten vor dem Fehlen jeglicher Fixsternparallaxen. Erst ein Vierteljahrtausend später konnte der Astronom Bessel eine solche nachweisen: der erste wirklich über­zeugende direkte Beweis.

Wie viele zeitgenössische Intellektuelle glaubte der historische Galilei an die He­liozentrik. Intuitiv sprach sehr viel dafür: sie erschien einleuchtend, einleuch­tend genug, um den Unvoreingenommenen für sich einzunehmen. Nach dem strengen Maßstab wissenschaftlicher Wahrheit und Ehrlichkeit, den Brechts Galilei so emphatisch verkündet, ist aber auch ein noch so starker Anschein kein Beweis. Gegen Galileis autoritativen, angemaßten Glaubensanspruch verteidigte die Kirche ihr ebenso angemaßtes Glaubensmonopol. Unterm Strich zeigte die Kirche die gleiche militante Ablehnung wie der moderne Phi­losoph Popper, der Vorwitzige und Unbefugte beim Sturm auf mühsam ge­festigte Abwehrstellungen der Wahrheit "in einer Art von Imperialismus" in ihre Schranken verweist. An Keplers Ellipsen glaubte Galilei nicht. Er lobt Kopernikus dafür, unter Meidung der kinematisch genaueren Äquanten des Ptolemäus die Planeten­bahnen auf gleichmäßige Kreisbewegungen zurückzuführen - als Alleiner­klärung himmlischer Dynamik! Der bekennende Rationalist Galilei glaubte, die von ihm untersuchte Physik der Kräfte gelte nur auf der Erde - in scharfer Ablehnung des bekennenden Mystikers Kepler, der das Sonnensystem von physikalischen Kräften regiert sah. Die Fronten zwischen Glauben und Aberglauben, Wissen und Aberwitz ver­liefen damals wie heute in anstößiger Wirrnis, und die Pioniere der Wissen­schaft erscheinen uns Heutigen wie "Nachtwandler"(284). Hinterher ist man nur scheinbar schlauer. Um diesen Schein mühen sich gegenwartsfi­xierte Historiker und Theoretiker der Wissenschaft. Leider hat Brecht wie viele linke Intellektuelle aus gläubiger Verehrung der Naturwissenschaft zur Verfestigung aufklärenswerter Legenden beigetragen.

46 R. Breuer (1984): Das anthropische Prinzip. Der Mensch im Faden­kreuz der Naturgesetze. Vorwort von R. Kippenhahn.  Frankfurt/M Ull­stein
47 T. Breuer (1997): Quantenmechanik: Ein Fall für Gödel?  Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg
48 H. Broch (1979): Massenwahntheorie  Suhrkamp Frankfurt/M suhrkamp taschenbuch 502
48a M. Brocke, H. Jochum Hrsg. (1993): Wolkensäule und Feuerschein. Jüdische Theologie nach dem Holocaust  Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus Gütersloh
49 C.C. Bry (1924, 1979): Verkappte Religionen. Kritik des kollektiven Wahns. Hrsg. v. M. Gregor-Dellin  Ehrenwirth München
50 W. Buckel (1984): Supraleitung. Grundlagen und Anwendungen. 3. Aufl.  Physik Verlag Weinheim
51 W. Büchel (1975): Gesellschaftliche Bedingungen der Naturwis­senschaft  Beck München
52 W. Büchel (1981): Die Macht des Fortschritts. Plädoyer für Technik und Wissenschaft  Langen-Müller München
53 W.L. Bühl (1974): Einführung in die Wissenschaftssoziologie  Beck München
53a F. Buggle (1992): Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann.  Rowohlt, Reinbek

Die Bibel ist ein jugendgefährdendes, gewaltverherrlichendes Buch, umso schlimmer zu bewerten, weil sie als ethischer Kanon auftritt. Erbarmungsloser Terror, Völkermord, Unmenschlichkeit, Chauvinismus, Antisemitismus, Imperialismus: Mit der Bibel lässt sich Alles rechtfertigen; wie heißt es? "suchet in der Schrift!" Und das ist keine abseitige Theorie, tatsächlich wurden und werden mit der Bibel die größten Ungeheuerlichkeiten rechtfertigt. Das gilt durchaus nicht nur für das AT mit seinem streckenweise archaisch brutalen Gottesbild, sondern ebenso fürs NT mit seiner fürchterlichen Drohbotschaft und seinen neurotisierenden Double-Bind-Lehren.

54 C. Bürger (2001): Der große Börsen-Bluff. Wie Anleger und Aktionäre geschröpft werden.  Econ München
55 A. Bultmann, F. Schmithals Hrsg. (1994): Käufliche Wissenschaft. Experten im Dienst von Industrie und Politik.  Knaur München
56 A. Bullock: Adolf Hitler - Eine Studie über Tyrannei
57 K.D. Bünting (1984): Einführung in die Linguistik  Blackwell Oxford
58 L. Bürgin (1995): Irrtümer der Wissenschaft. Verkannte Genies, Erfin­derpech und kapitale Fehlurteile  Piper München 1997

U.a. Details zu Semmelweiss: unter dubiosen Umständen ins Irrenhaus ein­geliefert. Verletzt sich bei Kampf mit Wärtern, stirbt unbehandelt an Wund­infektion! Möglicherweise unter Vorspiegelungen falscher Tatsachen hinein­gelockt (Verschwörungstheorie).

59 F. Capra: Wendezeit - Bausteine für ein neues Weltbild

Vielleicht auch ein Klassiker, denn trotz verkaufter Riesenauflage ohne nen­nenswerte Rezeption. Ist vielleicht aber auch ein bisschen zu umfangreich ge­raten.

60 F. Capra (): Das Tao der Physik

Allgemeinverständlicher, etwas betulicher Text über die weichen Stellen in der Quantentheorie. Verdeutlicht das berühmt-berüchtigte EPR-Parado­xon. (129,368)

61 E.R.Carmin (1994): Das schwarze Reich. Geheimgesellschaften und Politik im 20. Jahrhundert  Heyne München
62 A. Casti (1988): Verlust der Wahrheit. Streitfragen der Naturwissen­schaften  Droemer Knaur München 1990

Ein fantastisches Buch. "Also, ich kann es nur empfehlen! Nicht nur, dass ich daraus etwas gelernt habe, von dem ich gar nicht gewusst habe, dass es mich interessiert; sondern es hat mir auch Spaß gemacht." (p 18) Pflichtlektüre. für Wissenschaftler jeglicher Provinienz und für den "ungebildeten Laien", nach dem wir alle suchen.

In Casti erkenne ich in schlimmer Klarheit den nahen Geistesverwandten. Bestürzend. Ich fühle mich auf jeder Seite zum Widerspruch beflügelt - da­mit beginnend, wie er es nur fertig bringt, Scotch on the rocks zu trinken! (p43)

63 J.-P. Changeux (1983): Der neuronale Mensch. Wie die Seele funk­tioniert - die Entdeckungen der neuen Gehirnforschung  Rowohlt Reinbek bei Hamburg 1984
64 S.Carlson (1985): Eine Widerlegung der Astrologie  NATURE 318 p419-425

Vielbeachtete Doppelblind-Studie des Physikers Shawn Carlson über Astro­logie: für eine Gruppe von Menschen werden psychologische Persönlich­keitsprofile (CPI) und Geburtshoroskope erstellt. Professionelle US-Astro­logen versuchten, die Geburtshoroskope den Persönlichkeitsprofilen zuzuordnen. Ihre Treffer liegen im Zufallsbereich.

H.J. Eysenck bemängelt das laienhafte Test-Design (es waren keine Psychologen beteiligt; die Physiker, diese Oberwissenschaftler, könn' halt alles ... ).

Der aus meiner Sicht gravierendste methodische Fehler: es fehlen die sonst so eifrig eingeklagten Kontrollversuche, in denen unter gleichen Umständen "wissenschaftlich anerkannte" Diagnoseverfahren blindgetestet werden. So dürfen wir höchstens schlussfolgern, dass subjektiv urteilende US-Astrologen sich verheben, wenn sie glauben, Blinddiagnosen auf Standardtests stellen zu können, oder zum eigenen Nachteil zu wenig von psychologischen Tests verstehen.

Wo solche Kontrollversuche tatsächlich durchgeführt wurden, standen die anerkannten psychologischen Verfahren tatsächlich genauso dumm da. Was soll auch an­deres herauskommen bei naivem Umgang mit Psychotests?

Die Astrologie, die ich durchaus ernstzunehmen gelernt habe, betrachtet das Horoskop vor allem als einen Operator: wer nicht weiß, worauf er den Operator anwendet (eine Milchkuh, ein Unternehmen, oder Sie, liebes Leser) kann nur blind raten oder sich auf Allgemeinplätzen ergehen.

65 M. Casper (1948): Johannes Kepler  Kohlhammer Stuttgart

Die klassische Biografie vom Kepler-Experten und Übersetzer. Während es über Newton und Galilei meterweise Literatur gibt, ist die Ausbeute bei Kepler mager. Dabei ist er sicher eine ebenso interessante und lehrreiche Ge­stalt der wissenschaftlichen Revolution.

66 Carlos Castaneda (1972): Die Lehren des Don Juan. Ein Yaqui-Weg des Wissens (und weitere Bände)  Fischer Frankfurt/M

Wissenschaftsförmige Inspiration. Es kommt nicht darauf an, ob der Anthro­pologe spricht oder der Dichter: entscheidend ist Verständnis und Übung und was hinten bei rauskommt.

67 E. Chargaff (1983): Die Schrift ist nicht der Text  in (315p63-72)

Appell an die Neodarwinisten zu mehr Bescheidenheit. Scheidung moleku­larbiologischer Befunde von rein theoretischen Spekulationen.

Klar ist, wie Gene Aminosäuren erzeugen: die Klaviertasten, nicht aber die Entwicklung mehrzelliger Lebewesen: die Musik. Die Biologen sollen nicht behaupten, mit den Tasten sei die Musik verstanden. Tatsächlich gibts zur Epi- und Morphogenese nur meist verschwommene molekularbiologische Spekulationen: mehr Lücken als brauchbare Modelle, und wenig empirischen Befund. Das verbreitete Gefühl, im Wesentlichen Alles verstanden zu haben, entspringt dem aufgeblasenen Omnipotenzglauben moderner Wissenschaft, der sich durch blind ausgestellte unbegrenzte Wechsel auf die Zukunft finanziert, die im Bereich der Genetik durch nichts gedeckt sind.

Was Entwicklungsbiologen gut verstehen, ist die Zelle als Chemikalien-Fabrik. Doch von der Eiweißproduktion zur Mehrzellerei ist weiter als vom Stahlko­chen zur Funkuhr.

Die Lücke will Sheldrakes morphische Resonanz schließen, was in den Hart­nasen von NATURE den Wunsch nach dem Scheiterhaufen für solche Bücher (468) weckte.

Neuerlich gibt es ein geprüftes Modell zur Logistik der frühen embryonalen Zelldifferenzierung, welches wenigstens schon einmal erklärt, warum über­haupt verschiedene Baustoffe just in time and space gebildet werden: Ein An­fangsgradient der lonenkonzentration im äußeren Milieu der Zygote ist Keim eines selbstverstärkenden morphogenetischen Feldes, welches die autokata­lytische Regulation der DNS-Programme zur raumzeitlich differenzierten Eiweißsynthese über Impulsschwellen festlegt. Untersucht von Christiane Nüsslein-Volhard (Nobelpreis Medizin 1995) - gegen die paternale Lehre von der Alleinherrschaft der Gene, männerschreckenden Ausblick bietend auf den uterinen Beitrag zur Vererbung.

68 E. Chargaff: Kritik der Zukunft  Klett-Cotta Stuttgart

Oh, wie das schimpft, lustvoll und gewaltig. Das ist ein alter weiser Mann, das darf das!

69 E. Chargaff (1979): Die Feuer des Heraklit. Skizzen aus einem Leben vor der Natur  Klett-Cotta Stuttgart
70 E. Chargaff (1980): Unbegreifliches Geheimnis. Wissenschaft als Kampf für und gegen die Natur Klett-Cotta Stuttgart
71 J.E.Charon (1987): Der Sündenfall der Evolution  Zsolnay Wien
72 D.L. Cheney, R.M. Seyfarth (1990): Wie Affen die Weit sehen. Das Denken einer anderen Art  Hanser München 1994
72a W.C.Churchill (1953,1957): Der Zweite Weltkrieg  Fischer tb 2003

Diese Sorte streitbarer Konservativer scheint ausgestorben - hoffentlich tauchen sie wieder auf, wenn wir sie wieder brauchen ...

73 Thomas Clifford: Assassini  Bastei Lübbe

Gut recherchierter und sehr realistischer Vatikan-Thriller

74 I. B. Cohn (1985): Revolutionen in der Naturwissenschaft  deutsch bei Suhrkamp Frankfurt/M 1994
75 A. Combs, M. Holland (1990): Die Magie des Zufalls. Synchronizität - ­eine neue Wissenschaft  rororo Reinbek b. Hamburg
76 A. Comfort (1984): Reality and Empathy. Physics, Mind and Sclence in the 21th Century.  State University of N. Y. Press, Albany

Eines der lesenswertesten Bücher über die sich abzeichnende neue Wissen­schaft. Neben wissenssoziologischen und psychologischen Erwägungen eine gute Darlegung der Grundprobleme der Quantenmechanik und möglicher Lösungen; Bohms implizite Ordnung und andere Versuche, die Quantenme­chanik "rund" zu machen.

77 Michael Conley (2000): Marcion's Place in Early Christianity: A Political Power Play   deutsch auf www.radikalkritik.de
78 Michael Conley (2000):St. Ignatius, the Insidious Pragmatism of the Episkopoi of Rome and the Rise of Christianity  first published in The Joumal of Higher Criticism, Drew University, Madison New Jersey, Vol. 7, No. 2 (Fall 2000), p. 242-285; auch auf www.thecosmiccontext.de
79 Michael Conley (2001): Scenario: nascent Christianity emerges. A Novel set in Palestine in the latter portion of the First Century of the Commen Era  Webpublikation in Auszügen von Kairodata Mediendesign, Nürnberg, auf www.thecosmiccontext.de

Endlich: der Roman eines nicht dem Christentum verpflichteten, religionsge­schichtlich und ethnopsychologisch bestens informierten Historikers und Mi­litärpsychologen über die Entstehung des Christentums!

80 Michael Conley (2001): Günter Lüling - an unknown leader in ithe field of Islam  Webpublikation von Kairodata Mediendesign,Nürnberg auf www.thecosmiccontext.de
81 Michael Conley (2001): Ignatius, John and Paul: A Trio of Second Century, Hellenistic, Church Fathers  Web-Publikation von Kairodata Medien­design,Nürnberg auf www.thecosmiccontext.de
82 Michael Conley (2001): The Scholar's Dilemma: Researching the Dy­namics of Second Century Christianity  Webpublikation von Kairodata Mediendesign, Nürnberg auf www.thecosmiccontext.de
82a H. Conzelmann (1969): Geschichte des Urchristentums   Vandenhoek & Rupprecht, Göttingen
83 K. Corino Hrsg. (1980): Intellektuelle im Bann des Nationalsozialismus  Hoffmann und Campe Hamburg
84 P. Coveny, R. Highfield (1990): Anti-Chaos. Der Pfeil der Zeit in der Selbstorganisation des Lebens  deutsch Rowohl Hamburg 1992

Ohne Vorkenntnisse gut lesbarer Spaziergang durch die Wissenschaftsge­schichte, leider einige befremdliche Ungenauigkeiten.

85 F. Cramer (1988): Chaos und Ordnung. Die komplexe Struktur des Lebendigen  DVA
86 F. Cramer (1993): Der Zeitbaum. Grundlegung einer allgemeinen Zeittheorie  Insel Frankfurt/M

Was Newton dem Raum, sei Cramer der Zeit, sagt Prof. Friedrich Cramer (MPI für Exp. Medizin, Göttingen). Cramer liest bei Jung (264) über Synchro­nizität; bei der Stelle "es klingelte, aber keiner war draußen" klingelts an der Tür, er ging hin, aber keiner war draußen. Zurückgekehrt zur Lektüre, klin­gelt es wieder passend zum Text. Er geht hin, und keiner war draußen; nur ein paar Kinder im Gebüsch, die lachten sich eins.

87 O.D. Creutzfeldt (1983): Cortex Cerebri - Leistung, strukturelle und funktionelle Organisation der Hirnrinde  Springer Heidelberg
88 Cvitanovich (198?): Universality in Chaos - Klassische physikalische und mathematische Beiträge zur Chaostheorie
89 P. Curry (1982): Research on the Mars effect  in: Zetetic Scholar, Frühjahr 1982
89a A.R.Damasio (2000): Ich fühle, also bin ich  List, München
90 E. Damman (1987): Erkenntnisse jenseits von Zeit und Raum. Die Wende im naturwissenschaftlichen Denken  Knaur München 1990
91 C. Darwin (1859, 1920): Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampfe um's Dasein  Wiss. Buchges. Darmstadt 1988 Repro v. Schweizerbart Stuttgart 1920

Darwin zeigt sich mit diesem Werk als Kopernikus der Evolution, doch nicht als ihr Newton. Auf den warten wir immer noch.

Er beweist die Richtigkeit des Entwicklungsgedankens und stößt das Dogma von der Konstanz der Arten um. Sein intellektuell bestechender Mechanismus der stetigen Entwicklung durch kleine Veränderungen und natürliche Zuchtwahl (Gradualismus) wurde bis zur Jahrhundertwende im wesentlichen akzeptiert, verlor dann aber an Boden. Unter dem Einfluss der Populationsgenetik wurde er zwischen 1930 und 1970 als Moderne Synthese oder Neodarwinismus unanfechtbares Dogma der Schulwissenschaft. Angesichts der nicht mehr wegerklärbaren paläobiologischen Überlieferung neigt die Evolutionslehre heute aber zum Punktualismus (Theorie der unterbrochenen Gleichgewichte, J. Gould): vernachlässigbare Variabilität der Arten durch "genetische Drift", stattdessen Artenbildung durch "schnelle Radiation" in kleine Populationen, (485) und rückte damit von einigen der fünf Theorien Darwins ab.

92 D. Daughty (1994): Paulinische Paradigmen und die Frage der Echtheit der Paulusbriefe  Journal for Higher Critical Studies

Die Erforschung der Frühgeschichte des Christentums tritt seit über 100 Jahren auf der Stelle; einer der Gründe ist die schiefe These von den in den 50-ern u.Z. von einem einzigen Autor Paulus geschriebenen sieben Briefen, dem hartnäckigen pièce de résistance auch der als progressiv geltenden Neutestamentler; die These wird als gefestigtes Ergebnis der Forschung empfunden, ist in Wirklichkeit aber deren Voraussetzung: eine Prämisse, keine Conclusio.

Doughty spricht diese Voraussetzung unter Berufung auf Kuhn als "Paradigma" an und weist auf, dass nach 100 Jahren Paulusforschung die Bewährungsfrist abgelaufen ist: in entscheidenden Fragen produziert die These nur schwerwiegende "Anomalien" , d.h. Dissens über die maßgeblichen Kriterien paulinischer Echtheit.

Ein Ansatz, der dieses Paradigma sprengt, und erhebliche Erkenntnisgewin­ne verspricht, findet sich bei Hermann Detering. (108)

93 J.Davidson (1991):Am Anfang ist der Geist. Die Geburt von Materie und Leben aus dem schöpferischen Geist  Otto Wilhelm Varth Verlag bei Scherz, München 1994
94 P. Davies (1986): Gott und die moderne Physik  GOLDMANN TB.

Ehrenwerter Vertreter des Szientismus, zweifelloser Fundamentalismus: Glaube an einheitliches Weltbild, objektive wissenschaftliche Wahrheiten, letztlich vielleicht unergründbar, aber existent gedacht und immer besser an­genähert. - Religion reduziert er auf die judäisch-christlich-islamischen Of­fenbarungsreligionen. Diese greift Davies überwiegend zu Recht an, wo er sie angreift. Andere Religionen lässt er außen vor. Er selber wähnt sich im si­cheren. Versteht sich als Deist - was heutzutage heißt, Gott als Natur mas­kiert zu haben.

95 P.Davies, J.R.Brown Hrsg. (1986): Der Geist im Atom. Eine Diskussion der Geheimnisse der Quantenphysik  Insel it 1499

Sehr lesenswert; gemeinverständliche Einführung in die Quantenmechanik; sehr instruktive, intelligente und aktuelle Interviews mit quantenphysikalischen Originaltätern wie Alain Aspect, John Bell, John Wheeler, Rudolf Peierls, David Deutsch, John Taylor, David Bohm, Basil Hiley. Vgl. (129,368,461)

Viele dieser Original-Ouantenmechaniker neigen dazu, die objektive Rea­lität der Atome zu bestreiten, aber in einer merkwürdig verschwommenen Weise, die geisterhaft folgenlos bleibt für die Lebenswelt.

96 P. Davies, J.R. Brown Hrsg. (1989): Superstrings - Eine Allumfassende Theorie?  Birkhäuser Basel

Gut verständlicher Überblick über Geschichte und aktuellen Stand der physi­kalischen Vereinheitlichungstheorien: Relativität, Quantentheorie, Teil­chenphysik, Supersymmetrie, Eichtheorien, Supergravitation und die Superstring-Theorie. Mit intelligenten Interviews maßgeblicher Theoretiker, die der Superstringtheorie enthusiastisch, kritisch oder auch scharf ablehnend gegen­überstehen.

97 Davies,J. Gribbin (1992): Auf dem Weg zur Weltformel. Superstrings, Chaos Complexity - und was dann? Der große Überblick über den neuesten Stand der Physik  Byblos Berlin 1997
98 P.J.Davis,R.Hersh (1981): Erfahrung Mathematik  Birkhäuser Basel 1985

Für Insider und Outsider. Zwei Mathematiker berichten aus dem Inneren der Mathematik. Ihr Wunsch: Die Philosophen sollen sich mit der Realität der Mathematik auseinandersetzen statt mit leeren Mathematikkonzepten, und die Mathematiker sollen zugeben, was sie treiben, ohne sich formalistisch herauszureden oder als platonische Idealisten zu posieren.

99 R. Dawkins (1976,1978): Das egoistische Gen  Springer Berlin

Theoretisch und kategoriell mangelhafte Soziobiologie. Nach Riedl (424p56) benutzt Dawkins' "Soziobiologie ... Modelle des Kenntniserwerbs des Organismus wie des Menschen, als wäre dies ohne Vorkenntnis möglich. Man verhält sich so, als ob das Auto vor der Erfindung der Metallschmelze ent­wickelt worden wäre und vor der Beherrschung des Feuers ... [Dawkins] be­hauptet, dass die Selektion nur an einfachen Genen und keinen höheren Ein­heiten angriffe." Vgl. auch (100) und (427).

100 R. Dawkins (1986): Der blinde Uhrmacher: Ein neues Plädoyer für den Darwinismus  deutsch Kindler, München 1987

Spätestens Mitte der 70er Jahre hat die Evolutionsbiologie den strikten Gradualismus Darwins und der "Modernen Synthese" aufgeben müssen und den Ausgang gefunden aus der genetikverschuldeten Theoriehörigkeit zugunsten vollständiger Wahrnehmung paläobiologischer Befunde. (91,485) Dawkins altes Plädoyer für den Neodarwinismus ist ein Beleg für die Permanenz des Aberglau­bens vor allem in der Humanbiologie.

Nur aus der reaktionären Position des Verlierers heraus kann man heute noch behaupten, die Moderne Synthese sei ohne vernünftigen Zweifel wahr und vollständig. Theoretische Modelle präsentiert Dawkins als erwiesene Tatsa­che, verschweigt blamierte Kernvorhersagen, riesige Theorielücken kittet er mit ebenso blamierten Ad-Hoc-Hypothesen, wie der kumulativen Wirkung vieler Kleinmutationen, obwohl die vorhergesagten, zahlreichen Zwischen­stufen unauffindbar sind und bleiben. (433)

Dawkins ignoriert ernste Einwände der Geologie (34,507), Molekularbiolo­gie (67,226,366,468,555), Paläontologie (252,433), Neurophysiologie (123) und Anthropologie (329), entfaltet die alte Rhetorik und betet die seit Hae­ckel vorgebrachten Mantras her. Da fehlt nicht die Beschwörung riesiger, die Vorstellungskraft sprengender geologischer Epochen, auch wenn diese nur Staub sind in den vieldimensionalen Tiefen des epigenetischen Raumes, durch Beschuss aus dem physikalischen Raum weiter zerpulvert (34,507).

Der darwinistische Gradualismus musste dem "Punktualismus" weichen, auch wenn dies die Genetiker in Erklärungsnöte bringt. Doch die Not gebiert sicher bessere Gedanken als die Bequemlichkeit, auch wenn da wieder furcht­bar umgedacht werden muss. Vgl. auch (84,85,128,134,187,271,309,277,424,427,468,503).

101 J.M.R.Delgado (1969): Gehirnschrittmacher: Direktinformation durch Elektroden  deutsch ullstein Frankfurt/M 1971

Gegen Dr. Delgado ist Dr. Mabuse ein Waisenknabe.

102 M.Delbrück (1986): Wahrheit und Wirklichkeit. Über die Evolution des Erkennens  Rasch und Röhring Hamburg

Philosophisches Testament des 1981 verstorbenen Vaters der Molekularbio­logie. Delbrück war Bohr-Schüler und Mitarbeiter von Lise Meitner; dann ging er von der Physik in die Biologie. Nobelpreis für Physiologie und Medizin.

103 L. de Mause (1989): Grundlagen der Psychohistorie. Herausgege­ben von A. Ende  Suhrkamp Frankfurt/M (es 1175)

Einer der seltenen, begrüßenswerten Anläufe, die auf geduldigem Papier frei schwebende Geschichtswissenschaft auf irgendeine empirische, wenn auch noch vorwissen­schaftliche Grundlage zu stellen. Verschiedene geschichtsmächtige Kollekti­ve werden in psychoanalyse-analoger Manier untersucht.

104 P. de Rosa (1988): Gottes erste Diener. Die dunkle Seite des Papsttums  Droemer Knaur München 1998
105 R. Descartes (1616,1966): Discours de la Methode  Gamier-Flammarion Paris
106 K. Deschner (1962): Abermals krähte der Hahn  1990 als MOEWIG-TB Nr. 3266

Glücksfall einer Kirchengeschichte ohne fromme Klitterung (pia fraus). Die Kirche wirft dem Antikleriker Deschner Einseitigkeit vor; die besteht inso­fern, dass er die Denkfiguren klerikaler Rechtfertigung zwar referiert, aber nicht teilt. Deschner lehnt nicht Jesus ab, sondern die respektlose Verfäl­schung seiner einfachen Botschaft durch die Kirchen: Jesu zweite Kreuzi­gung.

Religionsgeschichtlich interessant ohne antiklerikalen Impetus: Pfirrmann (396). Eine Geschichte des Christentum in welthistorischer Sicht findet sich bei Mann (334), ein religionsgeschichtlicher Rettungsversuch des Rabbi Jo­schua vor seinen Kreuzigern bei Lehmann (305) und - speziell aus jüdischer Sicht - bei Vermes (52).

107 H. Detering (1992): Paulusbriefe ohne Paulus? Die Paulusbriefe in der holländischen Radikalkritik  Verlag Peter Lang. Neue Ausgabe zu bestellen bei radikalkritik.de

Das kritische Kompendium zu einer von den Theologen sträflich vernach­lässigten und zu Unrecht als 'überholt' abqualifizierten neutestamentlichen Schule und ihrer viertelherzigen Rezeption. In (108) aufgegriffen und weiter­verfolgt.

108 H. Detering (1995): Der gefälschte Paulus. Das Urchristentum im Zwielicht  Patmos Düsseldorf. Runterzuladen bei radikalkritik.de, auch als PDF.

Ein Forschungsansatz mit hohem "empirischen Gehaltsüberschuss", der gute Erkenntnisrendite verspräche, wenn man ihm denn nachginge. Deterings wohl begründete Wiederaufnahme der holländischen Radikalkritik, die Pau­lusbriefe seien erst im 2. Jahrhundert aus propagandistischen Gründen ge­schrieben worden, wirft immerhin ein gewisses Zwielicht auf die ansonsten völlig dunkle Frühgeschichte des Christentums. Dann würden allerdings manche Kollegen völlig ins obskurantistische Dunkle gestellt, und darum ist zeigt sich die Zunft der Neutestamentler zu­rückhaltend bis denunziatorisch. Vgl. Daughty (92)

109 T. Detlefsen: Schicksal als Chance

Ein Lehrgang des richtigen (NB nicht: des falschen!) Denkens in Analogien. Keine Alternative zum wissenschaftlichen Weltbild, sondern eine Erweiterung. Detlefsen nennt un­ser Denken "horizontal" und erweitert es in der Vertikalen - durch Bildung analoger semiotischer Ebenen zum tieferen Verständnis der Lebenswelt.

110 F. de Waal (1989): Wilde Diplomaten. Versöhnung und Entspannungspolitik bei Affen und Menschen  dtv München 1993 30373

Wohl eine der fundiertesten Abhandlungen darüber, was die vergleichende Verhaltensforschung an tierischen Gesellschaften uns über die menschliche lehren kann. De Waal versteht Aggressivität als "fundamentale Eigenschaft allen tieri­schen und menschlichen Lebens", aber im strikten Zusammenhang mit den "gewaltigen Kontrollmechanismen und Gegengewichten", die die sich zu ih­rer Zügelung entwickelten.

Er zieht "Parallelen zwischen tierischem und menschlichem Verhalten" mit der von Konrad Lorenz geforderten, leider aber in "Das sogenannte Böse" (317) nicht beachteten methodischen Sorgfalt: "Jeder Organismus verdient Beachtung um seiner selbst willen, nicht als Modell für andere. Der zoologi­sche Begriff 'Primaten' schließt die menschliche Rasse als eine von ungefähr zweihundert Primatenarten ein, die alle gleich behandelt werden sollten." So­wohl Ähnlichkeiten als auch Unterschiede seien von Interesse und kein Ver­gleich sei verboten. So wie man einzelne Extrapolationen vom Verhalten des Rhesusaffen auf die des Schimpansen vornehmen könne, könne man auch Vergleiche zwischen Schimpansen und Menschen anstellen, "besonders, wenn man berücksichtigt, dass dieses Paar mehr biologische Merkmale teilt als jenes".

110a F. de Waal (2001): Der Affe und der Sushi-Meister. Das kulturelle Leben der Tiere  Hanser München 2002

Die Verhaltensbiologie legt keinen Dualismus zwischen Natur und Kultur nahe, sondern erweist ihre enge Verschränkung. Kultur beruht danach eben nicht, wie die "soziobiologischen Calvinisten" T.H. Huxley, Freud und Lévi-Strauss dachten, auf Triebverzicht und benötigt auch keine Barriere gegen die chaotische Natur des Menschen; Kultur gründet dagegen, wie Aristoteles, Darwin und Westermarck dachten, im Guten wie im Bösen auf natürlichen Anlagen.

111 H.v.Ditfurth: Der Geist fiel nicht vom Himmel. Die Evolution unseres Bewusstseins  Hoffmann und Campe Hamburg
112 H.v.Ditfurth: Wir sind nicht nur von dieser Weit. Naturwissenschaft, Religion und die Zukunft des Menschen  Hoffmann und Campe Hamburg
113 H.v.Ditfurth: So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen. Es ist soweit.
114 F. di Trocchio (1994): Der große Schwindel. Betrug und Fälschung in der Wissenschaft  Campus Frankfurt/M
115 E. R. Dodds (1965): Heiden und Christen in einem Zeitalter der Angst. Aspekte religiöser Erfahrung von Mark Aurel bis Konstantin  Suhrkamp Frankfurt/M 1985
115a E. Doherty (1999): Das Jesus-Puzzle. Basiert das Christentum auf einer Legende?  Angelika-Lenz-Verlag Neustadt am Rübenberge 2003

Eine überzeugende Conclusio der Bibelforschung, einer der wenigen Ansätze, der in seiner historisch-kritischen Konsequenz nicht hinter die im 19. Jahrhundert bereits erreichte Radikalität der Wahrheitsfindung zurückfällt. Doherty bietet eine überzeugende, umfassendere Alternative zu Albert Schweitzers eschatologischer Theorie des historischen Jesus. Er kapriziert sich nicht wie die moderne Schulkritik auf philologisch-hermeneutische Einzelfragen, sondern setzt die im Einzelnen wohlbekannten und unbestrittenen Wissensstückchen zum "Jesus-Puzzle" zusammen – eine rücksichtslose Synthese nach dem besten Wissen unserer Zeit, Aufklärung im besten Sinne des Wortes.

Im Gesamtbild erkennen wir Jesus als eine von einem einzelnen, anonymen Autor (nämlich dem des Markusevangeliums) bewusst gestaltete literarische Figur, die prominente stoische, galiläische und judäische Strömungen synkretistisch-synergetisch in der Lehrerzählung von Jesus, dem Christus, bündelt – die einflussreichste und wirkmächtigste Schöpfung der Weltliteratur.

116 A. Drews (1926): Die Leugnung der Geschichtlichkeit Jesu in Vergangenheit und Gegenwart  Karlsruhe www.radikalkritik.de
117 H.L. Dreyfus (1979): Die Grenzen künstlicher Intelligenz. Was Com­puter nicht können.  athenäum
118 H.L. Dreyfus (1988): The Socratic and Platonic Basic of Cognitivism  Al & Society Vol.2, Number 2
119 Duden (1989): Deutsches Universalwörterbuch, 2. Auflage, Dudenverlag Mannheim

Sogar eine belesne Germanistin glaubte es nicht, doch der Nominativ "der AberglaubeN" ist (auch nach neuer Rechtschreibung) zulässig, als seltene Va­riante nach "der Aberglaube".

Ich will die verengte Bedeutung des Aberglaubens wieder auf den ursprünglichen Umfang bringen. Ausgehend vom Duden: "als irrig angesehener Glaube an die Wirksamkeit übernatürlicher Kräfte in bestimmten Menschen und Dingen'" will ich zurück zum alten Sinn des Lexems ABER = "falsch, schlecht"; da ist Aberglaube falscher, schlechter Glaube - Glaube, der nicht wirkt oder sogar schadet.

Dass schwarze Katze von links oder Freitag der 13. Unheil bringe, ist wohl Aberglaube (aber harmlos, weil eher scherzhaft verstanden, als folklore). Dass Unglück auf sich ziehen könne, wer unter Leitern durchgehe, ist allerdings kein Aberglaube. Auf den Schädel knallende Farbtöpfe machen halt unglücklich.

Das "Schwulen-Gen" scheint Aberglaube zu sein (DIE WOCHE 21.7.95, p28) - ein bestimmter Aberglaube. Der (umfassendere) GlaubeN, menschliches Verhalten sei in der Hauptsache genetisch bestimmt, ist in meiner Diktion AberglaubeN: jede Nei­gung, den Geltungsrahmen zeitgenössischer Wahrheit zu überspannen, jede überspannte, ideologisch verzerrte Sicht der Wirklichkeit. Wiederaufgelegter strikter Neodarwinismus ist moderner Aberglauben. (485)

Aberglauben ist vor allem jede unwahrhaftige Einstellung zur Wirklichkeit, die sich laut auf Autorität, Tradition oder objektive Erkenntnis beruft, leise aber auf Herrschaft und Gruppendruck hört. Der "Szientismus" - der sich auf einer unreflektierten Autorität der Wissenschaft versteckt - ist heute der bedeutendste, schlimmste Aberglauben. Darum heißt dieser Text Wissenschaft und Aberglauben; er könnte auch heißen "Die kurze Wissenschaft und ihr langer Schatten"; vielleicht aber auch - um endlich von Karfreitag weg zu kommen - "Die Wissenschaft und die Wirklichkeit des Osterhasen".

120 H.P. Duerr (1978): Traumzeit - Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation  Syndikat Autoren- und Verlagsgesellschaft Frankfurt/M
121 H.P. Duerr Hrsg. (1981): Versuchungen: Aufsätze zur Philosophie Paul Feyerabends. Zweiter Band  Suhrkamp Frankfurt/M
122 H.P. Duerr,Gottwald Hrsg. (1997): Rupert Sheldrake in der Diskus­sion  Scherz Bern
123 J. C. Eccles (1989): Die Evolution des Gehirns - die Erschaffung des Selbst  München Piper

Nobelpreisträger Eccles, Nestor der Neurophysiologie: "Dieses rätselhafte Auftreten von Bewusstsein und Selbst-Bewusstsein in einer bis dahin geistlo­sen Welt lässt sich offenbar nicht physikalisch erklären. Die philosophische Erörterung ... führt ... zu einem religiösen Konzept der Erschaffung des Selbst-Bewusstseins", nämlich "dass unserer mentalen Welt, der popper­schen Welt 2, eine von Gott geschaffene Seele zugrundeliegt." (413)

Als Absage an den Physikalismus (173,446,430a) willkommen, als Absage an die Physik übereilt. Sämtliche ins Feld geführten Befunde und Erklärungen über­zeugen nicht, dass Eccles das Erklärungspotenzial von Physik, Informatik und Systemtheorie mit alten und neuen Paradigmen ausschöpft. Und ein eigenes heuristisches Potenzial - einen "empirischen Gehalts- überschuss" - zeigt Eccles für seine These auch nicht auf.

Er flieht zu hastig in religiöse Transzendenz. Dort verfügen aber weder Ecc­les, noch ich, noch du, noch Müllers Kuh, noch nicht einmal Herr Woytila, über fundierte eigene Theorie und Praxis. Religion ist das rigoros brachge­legte Hoheitsgebiet theologischer Großkonzerne und untersteht dem Auf­klärungsverbot, nach modernisierungsbedingten, zeitweiligen Bodenverlus­ten im 19. Jahrhundert wieder flächendeckend durchgesetzt. Ein Rückzug in diese aufklärungsfreie Zone kommt der Kapitulation des Denkens vor reli­giös verbrämter Machtpolitik gleich.

124 J. C. Eccles (1994): Wie das Selbst sein Gehirn steuert  Piper München

Klappentext: "Eccles vollzieht in diesem'Buch den lange vorbereiteten, fol­genreichen Schritt in seiner Arbeit am Gehirn-Geist-Problem. Während die materialistisch orientierten Naturwissenschaften zum Dogma erheben, dass das Gehirn uneingeschränkter Herrscher über den Geist sei, führt Eccles hier zum erstenmal den neurophysiologischen Nachweis: Es gibt ein Selbst (ein Bewusstsein, einen Geist, eine Seele), das nicht identisch ist mit der Materie der Gehirnmasse, das - frei und unabhängig - über das Gehirn verfügt."

125 I.v.Eibl-Eibesfeld (1970): Liebe und Hass. Zur Naturgeschichte menschlichen Verhaltens.  Piper München

Eibl-Eibesfeld meidet die Fehler seines Lehrers Lorenz (317), voreilig vom Tier auf den Menschen zu schließen. Mit anthropologischen und ethologi­schen Methoden rekonstruiert er die biologische Grundlage menschlichen Verhaltens. Für beides - Liebe und Hass - findet er gut balancierte Instinkt­relikte. Keine Rede vom schicksalhaften intraspezifischen Aggressionstrieb, komplett mit ärgersuchender Appetenz und Leerlauf-Aggression auch im tiefsten Frieden: Eibl-Eibesfeldt widerlegt diese Extrem-Legende von der bestia hu­mana. Vgl. auch (110).

126 I.v.Eibl-Eibesfeld (1975): Krieg und Frieden aus der Sicht der Verhal­tensforschung  Piper München

Krieg ist gegen die "erste Natur" des Menschen; seine biologische Aggression richtet sich primär auf tierische Feinde und Beute, sekundär auf soziale Verteidigung. Der Autor deutet moderne Angriffskriege als Kulturprodukt, je­der Generation auf dem Kasernenhof neu einzudrillen - gegen schlappe hem­mende Instinkte. Die gegen Tiere verfügbare Aggression wird nutzbar, wenn man dem Gegner die Menschlichkeit abspricht. Zusätzlich muss man ihn als Aggressor präsentieren: die übliche Kriegspropaganda. Dazu neutralisie­ren moderne Waffen die biologischen Hemmungen: es ist leichter, ein Gewehr abzudrücken als eine Kehle durchzudrücken.

127 I.v.Eibl-Eibesfeld (1976): Der vorprogrammierte Mensch. Das Ererbte als bestimmender Faktor im menschlichen Verhalten  dtv München

DerPionier der Humanethologie schildert Natur und Wirkung der beim Menschen vorhandenen Instinktfundamente. Klar ergibt sich: diese "bestim­men" nicht das darauf errichtete Verhaltens-Haus; hier führt der (rechtsop­portunistische?) Titel irre.

128 M. Eigen (1987): Stufen zum Leben - Die frühe Evolution im Visier der Molekularbiologie.  Piper München

Frontberichte präbiontischer Evolutionsforschung: mit noch recht einfachen molekularen Reaktionsmodellen ("Hyperzyklen") versucht Eigen, ein Licht der Plausibilität auf die Entstehung der ersten selbstreplizierenden Makro­moleküle zu werfen. Zeigt, wie weit und dornenreich der Weg noch ist, bis das Evolutions-Paradigma den Rang der "wissenschaftlichen Theorie" verdient, den ihm das Gros der Biologen zuschreibt - vgl. etwa Anmerkungen zu (100). Eine aufregender Forschungsweg, sicher für große Überraschungen gut! Vgl. (84,85,86,295,408).

Einen alternativen und noch vielversprechenderen, mächtigen neuen Ansatz legt Stuart Kauffman (271) vor.

129 A. Einstein, B. Podolski, N. Rosen (1935): Can Quantum-Mechanical Description of Physical Reality Be Considered Complete?  Physical Review 47 p777f

Klassische Frage nach Vollständigkeit der Ouantenmechanik: "EPR-Para­doxon": entweder ist die QM nicht vollständig, oder es gibt eine nicht erklärbare "Fernverbundenheit" von Quantenmessungen. Die spätere Zuspitzung des Paradoxons in Form der bellschen Ungleichung erlaubt eine experimentelle Überprüfung, die erstmals 1982 durch Aspect und Mitarbeiter vorgenommen wurde und starke Hinweise auf die reale Existenz der von den Grundgleichungen postulierten quantenmechanischen Verbundenheit ergab.

Anton Zeilinger und Mitarbeiter (572) schlossen weitere argumentative Schlupflöcher für eine lokale Theorie, indem sie die quantenmechanische Verbundenheit über viele Kilometer hinweg nachwiesen.

Einstein hätte diese Antwort der Natur sicher zum Anlass genommen, noch vehementer für eine Theorie verborgener Variabler einzutreten, wohl im Sinne seines Mitar­beiters Bohm (36). Siehe auch (2,95,368,461) →A6

132 A. Einstein (1981): Mein Weltbild. Hrsg. von Carl Seelig  Frankfurt/M
133 A. Einstein, M. Born (1969): Briefwechsel 1916 - 1955 kommentiert von Max Born  nymphenburger München
134 P. Eisenhardt, D. Knuth, H. Siehl (1988): Du steigst nicht zweimal in den gleichen Fluss. Die Grenzen der wissenschaftlichen Erkenntnis.
135 I. Ekeland (1985): Das Vorhersehbare und das Unvorhersehbare. Die Bedeutung der Zeit von der Himmelsmechanik bis zur Katastrophen­theorie  Ullstein

Gemein verständlich, lesenswert: Von Kepler über Newton bis Poincare - die wackligen Stellen im Determinismus; im 19. Jahrhundert wurzelnde, noch im­mer vorherrschende wissenschafts-abergläubische Vorurteile. Deterministi­sches Chaos.

136 I. Ekeland (1991): Zufall, Glück und Chaos. Mathematische Ex­peditionen  Hanser

Gut verständlich, Mathematikkenntnisse einer 15 - jährigen Realschülerin vo­raussetzend.

138 H.K. Erben (1986): Episteme, Mythos und humane Zukunft  in (308)

Der Biologe als Anthropologe und Kulturkritiker: sowas tobt (139), wenn Un­berufne sich an der Biologie vergreifen. Erbens versteht den Mythos zu eng - er sieht nur paternalistisch oder naturalistisch umgedeutete Spätversionen: Mythos als Vorwissenschaft und patriarchale Rechtfertigungsideolo­gie.Vgl. (11,248,502,533) Von Sachkenntnis ungetrübt, wendet er den metho­disch richtigen Prüfstein intersubjektiver Vergleichbarkeit unsachgemäß an. Ein weites Feld, weiter selbst als die Paläobiologie, und nicht vom Schreib­tisch aus zu beurteilen!

139 H.K. Erben (1986): Intelligenzen im Kosmos? - Die Antwort der Evolu­tionsbiologie  Ullstein Sachbuch

Intelligenzen im Kosmos? Die kompetente Antwort eines Evolutionsbiologen: Nirgendwo! Leben und Intelligenz: unmöglich! Oder Erbens Biologie ist falsch. Ungewollter Nach­weis der Lückenhaftigkeit des modernen Darwinismus, fast so überzeugend wie bei Monod. (365)

Erbens Pappkameraderie: die blödesten unter den UFO-Gläubigen. Paul Feyerabend (156) wird als Verräter und "keineswegs harmloser" Anarchist hingerichtet. Wie die mindestens tertiäre Zitierweise belegt, kolportiert Erben über Feyerabend nur Wissenschaftsklatsch (ich sage nur "anything goes"). Die verabscheute wis­senschaftliche Bohème kennt er anscheinend nur aus PETRA und dem Neuen Blatt. Doch wer soviel Biologie kann, weiß überall Bescheid. Der eng­darwinistisch fixierte Autor zeigt typische Symptome schwerer kognitiver Dissonanz. Auf nach Damaskus, Herr Professor! Bevor die Aliens Sie ab­holen! Vgl. (503).

140 R. P. Ericksen (1985): Theologen unter Hitler. Das Bündnis zwischen evangelischer Dogmatik und Nationalsozialismus  Hanser München 1986
141 S. Ertel, K. Irvin (1996): The tenacious Mars effect  London
142 S. Ertel (1997): Morphische Resonanz auf dem Prüfstand des Experi­ments  in (122)

Dem Göttinger Psychologen gelang fast, Sheldrakes morphische Resonanz (468) nachzuweisen. Bevor ihn die Kollegen im Gänseliesel-Brunnen er­tränken konnten, gelang ihm rechtzeitig, die Befunde so zu relativieren, dass sie zum Beweis nicht mehr taugen. Aber seinen ketzerischen Standpunkt räumt er am Ende nicht (142p139-140):

Sheldrakes neue Experimente (470) "zur außersinnlichen Herr-und-Hund­-Wahrnehmung und zum Gefühl des Von-hinten-angestarrt-Werdens ... dürf­ten in der Tat von größerer Bedeutung sein. Dass solche Ergebnisse zum para­psychologischen Feldgeschehen, vereint mit allem, was auf diesem Gebiet an gesicherten Ergebnissen schon vorliegt, die Welt verändern können, wenn sie einmal als Realität von der ordinary science akzeptiert sein werden, darf man für sehr wahrscheinlich halten. Sheldrakes Beitrag zu dieser Verände­rung wird auch dann als ein beachtlicher in die Geschichte der Wissenschaft eingehen, wenn nur die positiven Resultate seiner neuen Experimente über­dauern. Dass deshalb die neue Spielart seiner nichtlokalen Feldtheorie, die ihn zu diesen Experimenten veranlasst hat, stimmen müsste, wird nicht vorausgesetzt.

Was auf unserer Seite überdauert, ist das Motiv, mit dem wir im Jahre 1990 unser Göttinger Sheldrake-Experiment vom Stapel ließen: Die Suche nach einer Erklärung für weltumspannende, makroökologische Zusammenhän­ge, deren Evidenzen sich seitdem vermehren (z.B. Ertel, 1996). Dass eine Er­klärung dieser Phänomene kaum ohne eine Theorie zu leisten ist, in der sich die Komponenten der Feldtheorie Sheldrakes wiederfinden, daran möchte ich festhalten."

(Ertel, 1996) ist eine Studie über den von Gauquelin festgestellten astrologi­schen Effekt des Planeten Mars (147).

142a Andreas Eschbach (1998): Das Jesus-Video  Schneekluth im Weltbild-Verlag Augsburg

Sehr gut geschriebener Religions-Krimi mit einem so lebendigen "kerygmatischen Jesus", dass er in der (auch sonst miserablen) Verfilmung gleich wieder ins Grab gebracht werden musste, damit das verquere christliche Weltbild wieder stimmt.

Lest dieses Buch und helft damit, Jesus vom Kreuz herunterzuholen! Oder schaut euch zumindest die darin gegebene Leben-Jesu-Interpretation an, von der die christlichen Theologen sich etliche dicke Scheiben abschneiden sollten! Den hochintressanten Streit um das Leben Jesu können sie dann beruhigt den Bibelhistorikern überlassen.

143 C. Evans (1976): Kulte des Irrationalen. Sekten, Schwindler, Seelen­fänger  Rowohlt Frankfurt
144 G. Ewald (1998): Die Physik und das Jenseits. Spurensuche zwi­schen Philosophie und Naturwissenschaft  Pattloch-Verlag Augs­burg
145 C.F. Eschenröder (1986): Hier irrte Freud. Zur Kritik der psychoanaly­tischen Theorie und Praxis  Piper Frankfurt
146 H.J. Eysenck: Schießen Sie nicht auf den Verhaltensforscher; er tut sein Bestes

Eysenck preist die Strategie, Tests so zu skalieren, dass sie reproduzierbare Verteilungen liefern. Das allein ergibt bestenfalls abstrakte, nur fürs Ensem­ble definierte Parameter, schlimmstenfalls methodisch kontingente Artefak­te. Es ist fragwürdig, von der Existenz von Schar-Attributen auf die Existenz entsprechender elementarer Attribute des Einzelnen (IQ, Neurotizismus usw.) zu schließen.

Wer Menschen zu statistischen Gesamtheiten zusammenfasst, findet immer Invarianzen der Gesamtheiten. Aus diesen kann man nicht entsprechende ele­mentare Züge beim einzelnen Menschen herauslesen. Nur wo man elementare Züge voraussetzen kann, ist Statistik sinnvoll. Statistik ist für extrem einfache physikalische Objekte gemacht: Moleküle, Fermionen, Bosonen, Fließband­produkte.

Die Sozialwissenschaftler sollen gefälligst ihre eigene Mathematik entwi­ckeln, statt dieselbe nebst dranklebender Autorität bei den Physikern zu klauen. Das darf nicht toleriert werden! Eingehende Kritik bei Ziman, Kap. 7 (302p130f)

147 H.J. Eysenck, D. Nias (1982): Astrologie - Wissenschaft oder Aber­glaube  List München
148 V. Falin (1995): Die zweite Front. Die Interessenkonflikte in der Anti-Hitler-Koalition  Droemer Knaur München
152 M.J. Feigenbaum (1978): Quantitative Universality for a Class of Non­linear  Transformations J. Stat. Phys. 19, 25

Klassischer Aufsatz zur Chaostheorie: die "Feigenbaum"-Route ins Chaos.

152a N. Ferguson (2001): Politik ohne Macht. Das fatale Vertrauen in die Wirtschaft.  dtb München
152b L. Ferrand, J. Segui (2002): Das unterschwellige Gedächtnis. Auch Wahrnehmungen, die nicht in das Bewusstsein gelangen, beeinflus­sen unser Verhalten. Kauf- oder Wahlentscheidungen auf diesem Wege zu manipulieren, ist jedoch unmöglich  Spektrum der Wissen­schaft Spezial "Gedächtnis" 112002
153 R. Fester (1974): Protokolle der Steinzeit - Kindheit der Sprache  Her­big, München

Außenseiter und Begründer des neuen Forschungszweigs der Paläolinguistik. Sie wirft überraschendes Licht auf die Vor- und Frühgeschichte und lässt ah­nen, wohin der Hase bisher nicht lief: systematische Unterschätzung der Frau tauchte alles in schiefes Licht!

154 R. Fester (1980): Sprache der Eiszeit. Die ersten sechs Worte der Menschheit  Herbig, München

Die offizielle Linguistik musste zu eigener Verwunderung lernen, den Pa­läolinguisten Fester ernstzunehmen. Zusätzlich bekommt er Schützenhilfe seitens der Anthropologie und Soziobiologie (261), und Bachofen erscheint in neuem - ziemlich guten - Licht! (11)

154a Lion Feuchtwanger (1957): Jefta und seine Tochter  Aufbau Taschen­buch Verlag Berlin 1996

Eine hervorragende Studie zu Entstehung und Wesen des Jahwe-Bildes in der Richterzeit.

155 L. Feuerbach (1848): Das Wesen des Christentums. Ausgabe in 2 Bänden. Herausgegeben von Werner Schuffenhauer  Akademie-Ver­lag, Berlin 1956
156 P. Feyerabend (1975): Wider den Methodenzwang. Der wissen­schaftliche Realismus und die Autorität der Wissenschaften: Versuch einer anarchistischen Erkenntnistheorie  Suhrkamp Frankfurt/M 1976

Voll bitterer Frivolität und weniger frivoler historischer Fallstudien: "DerGedanke einer festgelegten Methode oder einer feststehenden Theorie der Vernünftigkeit [beruht] auf einer allzu naiven Anschauung vom Menschen und seinen sozialen Verhältnissen. Wer sich dem reichen, von der Geschichte gelieferten Material zuwendet und es nicht darauf abgesehen hat, es zu ver­dünnen, um seine niedrigen Instinkte zu befriedigen, nämlich die Sucht nach geistiger Sicherheit in Form von Klarheit, Präzision, 'Objektivität', 'Wahr­heit', der wird einsehen, dass es nur einen Grundsatz gibt, der sich unter allen Umständen und in allen Stadien der menschlichen Entwicklung vertreten lässt. Es ist der Grundsatz: Anything goes. " p45

Bis zu seinem Tode betont Feyerabend immer wieder, nicht er, sondern die empiristisch-rationalistischen Wissenschaftstheoretiker hätten diesen 'Grundsatz' zu vertre­ten, und bringt dafür immer neue Argumente. Im Wissenschaftsklatsch kur­sieren entstellte Sekundär- und Tertiärzitate, die ungeprüft kolportiert wer­den.(139) Es wäre auch zu anstrengend, Feyerabends Material wegzudisku­tieren. Wer ihm folgt und die Geschichte der Wissenschaft studiert, statt welt­fremde Kopfgeburten auszutragen, kommt zum gleichen Ergebnis - wie etwa Hübner. (248)

Der wissenschaftliche Fortschritt verläuft oft kontrainduktiv, zuerst einmal in meist ideologisch oder politisch begründetem Widerspruch zu bekannten Fakten und Theorien. Feyerabend zeigt dies ausführlich am "propagandisti­schen" Vorgehen Galileis.

157 P. Feyerabend (1979): Erkenntnis für freie Menschen  Suhrkamp Frankfurt/M 1976

Feyerabend verlangt die Abschaffung unbegründbarer, erkenntnisfeindli­cher Privilegien der Wissenschaftler. Er untermauert das mit zahlreichen, bis­her nicht widerlegten Argumenten und zog sich damit den Hass vieler um ihre Pfründe fürchtenden Wissenschafts-Pfaffen zu.

"Dasselbe Unternehmen, das einst den Menschen die Kraft gab, sich von den Ängsten und Vorurteilen einer tyrannischen Religion zu befreien, macht sie nun zu Sklaven seiner eigenen Interessen".

158 P. Feyerabend (1986): Irrwege der Vernunft  Suhrkamp Frankfurt/M 1989

Der späte Feyerabend nähert sich langsam dem Niveau seiner Gegner und wird richtig fies. Die Wut all der auf die Fresse geflogenen Krüppel, deren geistige Krücken er so unkollegial weggeschlagen hat, ist nachvollziehbar. Andererseits: darf man die politische Korrektheit soweit treiben, dass man geistig Behinderte und Zurückgebliebene mit Professuren versieht?

159 P. Feyerabend (1986): Die Trivialisierung der Erkenntnis: Bemerkun­gen zu Poppers Ausflügen in die Philosophie  in (158pp236-376)

Philosophischer Vatermord muss auch mal sein.

160 P. Feyerabend (1986): Galilei und die Tyrannei der Wahrheit  in (158 p357-380)

Galilei hätte vor dem Tribunal moderner Wissenschaft genauso wenig Chan­cen gehabt wie vor der Inquisition. Nach strengen Maßstäben "objektiver Er­kennntnis" war er ja im Unrecht: eine plausible Spekulation darf man nicht als erwiesene Wahrheit ausgeben!

161 R. P. Feynman (1985,1988): QED - Die seltsame Theorie des Lichts und der Materie  Piper München

Für Laien und Fachleute gleich verständliche, exakte Einführung in die Quantenelektrodynamik. Ein Muster verständlicher, nicht-mystifizierender Wissenschaftserklärung, präsentiert vom Erfinder persönlich: Feynman be­kam für die Arbeit an der QED den Nobelpreis.

163 Fick (1968): Einführung in die Grundlagen der Quantentheorie  Aula Wiesbaden
162 H.E. Figgie, G.J. Swanson (1992): Bankrott '95 - Schuldenkata­strophe der USA und das Ende des 'American way of life'

Die USA wandelten sich innerhalb zweier Dekaden vom größten Gläubiger zum größten Schuldner. Was wir dem Großunternehmer Figgie und dem Ökonom Swanson, die sich eine Dekade lang mit Staatsfinanzen beschäftig­ten, besser glauben sollten: "Im Verlauf der gesamten Menschheitsgeschichte waren die großen Weltmächte Exporteure von Kapital - Spanien im 16., Hol­land im 17., Großbritannien im 19. Jahrhundert ... Als diese Staaten jedoch zu Schuldnern wurden, verloren sie ihre Fähigkeiten. das Weltgeschehen zu ih­rem Vorteil zu beeinflussen. Das heißt, in Handel und Diplomatie mussten sie dann nach den Regeln anderer spielen, und sie gewannen dann nicht mehr so oft." Der Westen verliert die magische Definitionsgewalt der Realität an den fernen Osten.

Der Zusammenbruch des Kommunismus und eine besonders langlebige Spekulationsblase haben die U.S.A. bis ins dritte Jahrtausend gerettet. Die realen Wachstumsprobleme werden aber immer offensichtlicher, das Rasseln mit dem Säbel immer lauter. Der 11. September 2001 wird vielleicht für spätere Historiker der Wendepunkt sein, an dem sich die reale Verwundbarkeit des einstigen Wirtschaftsriesen für alle offen manifestierte.

163a I. Finkelstein, N.A. Silberman (2001): Keine Posaunen vor Jericho   deutsch C.H.Beck, München 2002

Eine zusammenhängende Darstellung der Geschichte des alten Israel im Lichte der Ausgrabungen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Noch heute dient den Historikern hier das Alte Testament als zumindest grobe Grundlage; aber dessen Entstehung (zum Großteil etwa sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung) ist selber Teil der jüdischen Geschichte.

Nicht sehr viel anders als heute dienen Gründungsmythen (Verheißung des Gelobten Landes, Auszug aus Ägypten, Landnahme in Palästina) als quasireligöse Untermauerung territorialer Expansionswünsche. Dabei wird in orwellscher Manier die Vorgeschichte rückwirkend erfunden.

163b I. Finkelstein, N.A. Silberman (2006): David und Salomon. Archäologen entschlüsseln einen Mythos   deutsch C.H.Beck, München

Die beiden prototypischen Königsgestalten waren wohl eher Lokalmatadoren, je nach Perspektive Terroristen oder Kriegsherrn.

163c M. Fini (1993): Nero. Zweitausend Jahre Verleumdung.   Bastei-Lübbe-TB 61384 Bastei-Verlag Bergisch-Gladbach 1994

Nein, Nero hat NICHT Rom in Brand gesteckt und war KEIN durchgeknallter Tyrann, sondern ein progressiver Politiker und kluger Verwaltungsreformer, aus gutem Grund beliebt beim Volk, das lange nicht an seinen Tod glauben wollte und seine Wiederkehr erhoffte, also ein "Popular". Durch seine (notwendige) Sozial- und Bodenpolitik und seine progriechische Kulturpolitik machte er sich bei der betonköpfigen Senatorenpartei, den "Optimaten", so verhasst, dass die schließlich seinen Sturz bewerkstelligte. Aus denselben Gründen fällt das Urteil des Optimaten Tacitus verheerend aus, ganz cum ira et studio. Sogar F.J. Strauß hätte Willy Brandts Biografie wohl fairer geschrieben!

Ja, Nero war ein sensibler, durchaus begabter und geübter Künstler, vom Ehrgeiz der Mutter auf den ungeliebten Thron gehievt. Und er konnte durchaus Kritik einstecken, verlangte nicht grundsätzlich den Siegespreis für sich, obwohl er natürlich den Beifall liebte und brauchte, wie jeder Künstler.

Und wenn es einen Schurken in dem Stück gibt, so war dies Seneca, der raffgierige Stoiker ...

164 K. Fischer (1983): Galileo Galilei  C.H.Beck, München
165 E.P. Fischer (1987): Niels Bohr. Die Lektion der Atome  Piper München
166 V. Flusser (1972): Kommunikologie  Bollmann Mannheim 1996
149 A. Fölsing: Der Mogelfaktor. Die Wissenschaftler und die Wahrheit

Von Newton, der nicht zu seiner Theorie passende Messdaten trickreich um­mogelte (und dem die Natur dann recht gab), bis zur Zwillingsforschung, die sich mitsamt eines ganzen Zitations-Karussells wissenschaftlicher Publikatio­nen als heute noch geglaubte Totalfälschung erwies. Von der Menschlichkeit der Forscher im Alltag, und der Auch-Nicht-Übermenschlichkeitkeit des Wis­senschaftsgemeinde als Kollektiv. Vgl. auch (470)

150 A. Fölsing (1986); Albert Einstein. Eine Biographie  Suhrkamp, Frank­fürt/M

Mehr human interest, weniger aufs Wissenschaftliche abstellend wie Pais (384), historisch genauer und umfassender als Herrmann (230).

151 A. Fölsing (1996): Galileo Galilei. Prozess ohne Ende. Überarbeitete Neuausgabe  bei Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbek bei Hamburg

Das Bild des Gründungshelden der "modernen Wissenschaft" schwankt in der Tat wild: vom Star der barocken Kulturzene zum gefallenen Favoriten des römischen Hofes (24), dann zur Lichtgestalt des methodisch unbeugsamen Wissenschaftsmärtyrers. Dann schwang das Pendel dekonstruktivistisch zurück, und man entdeckte Galilei, den ruhmsüchtigen Ideologen und geschickten Propagandisten, der genauso trixt wie seine Gegner und dem mit der Verurteilung durch die Inquisition irgendwie recht geschah.

Fölsing will das richtigstellen, schießt aber wieder übers Ziel hinaus, vielleicht verführt durch das geheime Anliegen, Galilei mit einigen vorsichtigen Abstri­chen wieder als scientific superhero zu installieren und so die Gründungsle­gende der Naturwissenschaft zu reparieren.

Man kann sich einigen, dass Galilei ein Mensch war, seinen diversen Gegnern ähnlich, und dass sämtliche Kämpfer an den unübersichtlichen Fronten in der Hitze des Gefechts zwar nicht immer die Anstandsregeln einhielten, aber ern­ste Argumente vorbrachten, von denen viele ihrerzeit nicht zu entscheiden waren. Zum Verständnis der Wissenschaft ist es aber schädlich, Galileis - sicher hohe - Verdienste notorisch zu überzeichnen.

So nennt Fölsing Galileis Traktat über schwimmende Körper "die erste defini­tive Darstellung eines Teilbereichs der Physik, die noch heute und für alle Zu­kunft Anspruch auf Gültigkeit erheben kann".p252 Dabei ist das Traktat eher ein lehrreiches Beispiel dafür, wie formschön man sich verrennen kann. Die Palme für die Entdeckung des Auftriebs als erstem bis heute unrevidierten Naturgesetz gebührt dem Archimedes; Galilei hat dessen Hydrostatik durch überzogene Analogien zu den Hebelgesetzen nur verschlimmbessert; er verstieg sich zur Folgerung, ein großes Schiff würde auch im Eimerchen schwimmen, wenn dieses nur die rechte Form habe. Zu groß war sein Eifer, sich als der bessere Peripatetiker zu beweisen; so sah er sich nämlich gerne: als wahren Erben des Aristoteles.

Weiter behauptet Fölsing: Die "in den Discorsi geschilderten Experimente mit der schiefen Ebene einschließlich der durch die Wägung in der Präzision verbesserten Wasseruhr wurden 1960 von dem amerikanischen Wissen­schaftshistoriker Thomas B. Settle rekonstruiert; sie funktionieren prächtig und bestätigten Galileis Ausführungen in den Discorsi." Fölsing erwähnt nicht, dass Settle als Führung für die Kugeln Schienen verwendete; denn mit der von Galilei akribisch genau beschriebenen Laufrinne kommen nicht die richtigen Zahlen heraus, worüber sich schon Galileis Zeitgenosse Mersenne beklagte. Wie Ronald Naylor in einem exakten Reproduktionsversuch 1973 feststellte, treten bei Galileis Anordnung so hohe Reibungsverluste auf, dass die Daten nicht mit der Genauigkeit zu erhalten sind, wie in Galileis umfangreichen Protokollen niedergelegt. Er kann das Experiment unmöglich so durchgeführt haben, wie er es beschrieben hat. (114p22) Arthur Koestler - den Fölsing mehrfach scharf attackiert - beschreibt die Entstehung der Wissenschaft in seinen Nachtwandlern (284) im Großen und Ganzen korrekt. Es ist wohl "die ganze Richtung", die Fölsing überhaupt nicht passt, dass nämlich Wissenschaft nie à la Galilei funktioniert hat und auch nie funktionieren wird, sondern ein typischer moderner Mythos ist.

167 V. Forrester (1996): Der Terror der Ökonomie  Goldmann München 1997
168 C. Fort (1919): Das Buch der Verdammten  2001 Frankfurt/M 1995
169 C. Fort (1923): Neuland  2001 Frankfurt/M 1996
170 M. Foucault (1961): Wahnsinn und Gesellschaft  Suhrkamp Frank­furt/M taschenbuch wissenschaft 39
171 M. Foucault (1966): Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften  Suhrkamp Frankfurt/M 1971
172 M. Foucault (1974): Von der Subversion des Wissens  Ullstein Frankfurt/M
173 P. Frank (1932,1988): Das Kausalgesetz und seine Grenzen. Hrsg. v. Anne J. Kox  suhrkamp taschenbuch wissenschaft 734, Frankfurt/M

Ärgerlich, wenn man sich auf Suche nach brauchbaren Ideen zu diesem wich­tigen Thema durch all das tautologische Geschwafel quält. Frank ist wie viele logische Empiristen des Wiener Kreises (446) ein steriler Denker, der gerne die anderen auch sterilisieren tät'vor Frust. Selbstherrlich in der Definition dessen, was als metaphysisch-also-Ouatsch gelte und was erlaubter 'Physika­lismus' (sic!) sei.

Von der Promotion bei Boltzmann zum praxisfernen Papierstaub - oder Nachtgedanken eines klassischen Physikers? (348) Den Weg der Wissen­schaft trifft Koestler in den Nachtwandlern (284) besser. Wo die Franks den Ton angeben, stockt die Wissenschaft!

174 J. T. Fraser (1987): Die Zeit. Auf den Spuren eines vertrauten und doch fremden Phänomens  dtv
175 S. Freud: Die Psychopathologie des Alltagslebens  Fischer
176 S. Friedländer (1998): Das dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933 - 1939 Beck, München
177 G. Fritzsche (1973) Theoretische Grundlagen der Nachrichtentech­nik (2 Bände)  Verlag Dokumentation,Pullach b.München UTB235

Für Ingenieure, die nachrechnen wollen: Systemanalyse, Systemsynthese, Systemheorie, Informationstheorie

178 E. Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität
179 J. K. Galbraith (1988): Der große Crash 1929. Ursachen - Verlauf -Folgen  Heyne München
180 J. K. Galbraith (1992): Die Herrschaft der Bankrotteure - Der wirtschaftliche Niedergang Amerikas  Hoffmann und Campe Hamburg
181 Daniel F. Galouye, SIMULACRON 3  GOLDMANN SF-Reihe
182 M. Gardner: Das Kabarett der Täuschungen -Unter dem Deckmantel der Wissenschaft
183 H.Gebelein (1991): Alchemie  Eugen Diederichs Verlag, München

Die Alchemie als ganzheitliche Wissenschaft, aus der Sicht eines Chemikers und Wissenschaftshistorikers.

184 M. Gell-Mann (1994): Das Quark und der Jaguar. Vom Einfachen zum Komplexen - die Suche nach einer neuen Erklärung der Weit.  Piper München
185 E. Gellner (1997): Nationalismus. Kultur und Macht  Siedler Berlin 1999
186 W. Giegerich (1988): Die Atombombe als seelische Wirklichkeit - Ver­such über den Geist des christlichen Abendlandes  Schweizer Spiegel Verlag
187 A. Gierer (1985): Die Physik, das Leben und die Seele - Anspruch und Grenzen der Naturwissenschaft  Piper

Anspruchsvoll, lesbar, lesenswert. Die "finitistische Erkenntnistheorie" lie­fert des klassischen Naturwissenschaftlers beste Lösung des Leib-Seele-Pro­blem: "Unentscheidbar!"

Plädoyer gegen Vulgär-Rationalismus, stellt der imperialistischen Analyti­schen Wissenschaftstheorie Poppers eine pragmatische, liberale Erkenntnis­theorie entgegen, wie sie dem Alltag des praktizierenden Forschers viel eher entspricht.

188 C. Ginzburg (1976): Der Käse und die Würmer. Die Weit eines Müllers um 1600  Wagenbach Berlin 1996 Taschenbuch 223
189 R. Giordano (1987): Die zweite Schuld oder von der Last, ein Deutscher zu sein.  Knaur
190 J. Gleick (1987): CHAOS - die Ordnung des Universums. Vorstoß in Grenzbereiche der modernen Physik  Droemer Knaur
191 A. Glucksmann (1987,1989): Die cartesianische Revolution. Von der Herkunft Frankreichs aus dem Geist der Philosophie  Rowohlt, Rein­bek bei Hamburg
192 D.J. Goldhagen (1996): Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnli­che Deutsche und der Holocaust  Siedler Berlin

Entgegen dem Eindruck, den manche Kritiker zu erwecken versuchten ("einfach ein schlechtes Buch"), ist dies ein gutes, notwendiges und auf jedenfalls lesenswertes Buch. Der Verdacht drängt sich auf, dass wenigsten Kritiker das Buch wirklich gelesen haben.

Goldhagen gibt viele Belege dafür, dass die wichtigste Vorbedingung für den Holocaust eine allgemeiner, bei den Deutschen besonders vorherrschende "eliminatorischer Antisemitismus" war, der die Ausrottung der Juden notwendig und wünschenswert erscheinen ließ. Diese allgemeine Zustimmung reiche weit bis in die Kreise der Gegner Hitlers hinein.

192a D.J. Goldhagen Hrsg. (1997): Briefe an Goldhagen. Eingeleitet und beantwortet von Daniel Jonah Goldhagen  Siedler Berlin
193 E. Goldman (1922): Niedergang der russischen Revolution  Karin Kramer Verlag 1987
194 B. Goodwin (1994): Der Leopard, der seine Flecken verliert. Evolu­tion und Komplexität  Piper München 1997

Wieso die neue Synthese - d.h. Neodarwinismus und Genetik - die Evolution nicht vollständig erklären. Ergänzung aus der Komplexitätstheorie.

194a J.R. Gott (2001): Zeitreisen in Einsteins Universum  rowohlt Reinbek 2002
195 S. J. Gould (1980): Der Daumen des Panda. Betrachtungen zur Naturgeschichte  Birkhäuser Basel 1987
196 H. Gumin, A. Mohler Hrsg. (1985): Einführung in den Konstruktivis­mus  Oldenbourg München

"Die Wirklichkeit wird von uns nicht gefunden, sondern erfunden, behaupten die Vertreter des Konstruktivismus. Sie gehen davon aus, dass dem Menschen die Erkenntnis einer absoluten Wahrheit nicht möglich ist. Sie zeigen uns je­doch auch, dass dies kein Grund zur Resignation ist, sondern ein Ansporn, das Leben aktiv zu gestalten."

197 K. Gödel (1931): Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica und verwandter Systeme  Monatshefte für Mathematik und Physik 38: 173-198

Beweis der Unvollständigkeit eines auf einer "formalen Sprache" aufgebau­ten logischen Systems: Todesstoß für den Formalismus in der Mathematik (David Hilbert).

198 Günter Grass (1995): Ein weites Feld  Steidl Göttingen

Klarer Spiegel, in den zu blicken das deutsche Großkritikertum mit Recht entsetzte. Soziokulturell äußerst prägnante "Rezeptionspsychose" (Her­mann Glaser im PLÄRRER). Heimatlose Intellektuelle projizieren ihre mit der Mauer jäh ins Tabu gefallenen linksmoralischen Schuldgefühle auf den Roman und fantasieren eine Rechtfertigung des DDR-Regimes hinein, die irgendwer Kompetentes ja endlich mal liefern muss, verdammt soll er sein! Pflichtlektüre für deutsche Denker zur anliegenden, hochnotpeinlichen Wie­dervereinigung des nationalen Selbstbewusstseins mit der bis '89 im Osten sicher gebunkerten Hälfte: Vorbedingung für "ein Geistesleben in Deutsch­land". (217)

Im ersten Halbjahr nach Erscheinen setzte es 10000 Artikel über den Roman. Gut.

199 H. Grassmann (1999): Sperrt das Desy zu!  DER SPIEGEL 1.11.99 p232-235

"Der Teilchenbeschleuniger Desy bei Hamburg, der jedes Jahr 250 Millionen Mark verschlingt, liefert nur langweilige und irrelevante Ergebnisse - ein Musterbeispiel dafür, wie die moderne Physik den Laien für dumm verkauft. - Grassmann lehrt Physik an der Universität Udine in Italien. Mehrere Jahre arbeitete er unter der Leitung des Nobelpreisträgers Carlo Rubbia am For­schungszentrum CERN bei Genf. 1994 war er im Fermilab bei Chicago an der Entdeckung des Top-Quarks beteiligt. In Büchern ('Das Top-Quark, Picasso und Mercedes-Benz') versucht er, sein Fach einem breiten Publikum schmackhaft zu machen." . Schade! In verständlichem Zorn über das Chaos-Geschwafel lässt sich Grass­mann leider gehen: Trotz Herumgelese in über "einem Dutzend Bücher" wisse er "bis heute nicht, was das eigentlich sein soll; die Chaostheorie. Ich glaube, es gibt sie gar nicht."

Die Chaostheorie, die in den Köpfen sehr vieler Intellektueller spukt, gibt es sicher nicht. Aber Physiker sollten den Spuk dingfest machen, statt mit Un­wissen zu kokettieren.

Grassmanns zwei 'Argumente' sind federleicht. Das macht ihn in den Augen derer, die es nur etwas besser wissen, leider ebenso leicht angreifbar. Aber als ausgewiesener Teilchenphysiker urteilt er über Desy mit ganz anderem Ge­wicht, und was er über den Allgemeinzustand der Physik sagt, werden enga­gierte Physiker schwungvoll unterschreiben.

Wer die Physik rein mathematisch versteht, versteht sie wenig bis gar nicht. Physik und Mathematik trennen Welten. Aber wer etwas über die Grenzen der Physik wissen will, sollte schon etwas über Mathematik wissen. Nicht viel von, sondern etwas über, wohl gemerkt. Da haperts auch bei manchen Fach­leuten.

200 S. Grof (1976): Topographie des Unbewussten
201 S. Grof, H. Z. Bennett (1992): Die Welt der Psyche - Die neuen Er­kenntnisse der Bewusstseinsforschung  Rowohlt Frankfurt/M 1996 rororo 1690
202 J.R. Grigulevicv (1976): Ketzer - Hexen - Inquisitoren. Geschichte der Inquisition. Zwei Bände.  das europäische buch, Westberlin 1987
203 J. Guitton, G.u.l. Bogdanov (1991): Gott und die Wissenschaft  deutsch bei Artemis & Winkler, München 92

Ein Philosoph + zwei Physiker = drei Bauchdenker. →A19 Ein spektakuläres The­ma in Misskredit gebracht. Sülze in luft'gen Höhen: Man will nichts klären, nichts in Neue Frage stellen - man will bloß alles irgendwie wunderbar finden. Missbrauch von Kosmologie und Quantenmechanik.Ich empfehle stattdes­sen John Updikes "Gottesprogramm" (515) oder Beschäftigung mit dem anthropichen Prinzip (46).

204 H. Haarmann (1992): Die Gegenwart der Magie. Kulturgeschichtli­che und zeitkritische Betrachtungen  Campe Frankfurt/M
205 J. Habermas (1974): Technik und Wissenschaft als Ideologie  Suhr­kamp Frankfurt/M
206 J. Habermas (1981): Theorie des kommunikativen Handelns. Band 2: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung  Suhr­kamp Frankfurt/M
207 H. Haken (1978): Synergetics. An Introduction. Nonequilibrium ph­ase transitions in physics, chemistry and biology  Springer Berlin
208 H. Haken (1984): Erfolgsgeheimnisse der Natur. Synergetik: Die Lehre vom Zusammenwirken  Ullstein Frankfurt
209 S. Haffner: Anmerkungen zu Hitler
210 J. Halifax (1981): Die andere Wirklichkeit des Schamanen  Bern
211 B. Hamann (1996): Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators  Piper TB 1998
212 M. Hammes (1987): Hexenwahn und Hexenprozesse  Fischer Frankfurt/M
213 G. H. Hardy and E.M. Wright (1938): The Theory of Numbers  Oxford University Press, Oxford.

Standardtext mit dem zentralen Theorem von der Irregularität fast aller reel­ler Zahlen.

214 S.W. Hawking (1988): Eine kurze Geschichte der Zeit: Die Suche nach der Urkraft des Universums  Rowohlt, Reinbek

Es drängt sich der Verdacht auf, der ungewöhnliche Erfolg des Buches sei der Spektakularität von Thema und Autor geschuldet. Hawking bedient weniger den Bedarf nach Information, sondern eher nach autoritativen Antworten auf letzte Fragen. Mich stört der aufzählende Stil immer dort, wo's interessant wird; Hawking erklärt gerade genug, um Ehrfurcht zu wecken, bringt den Le­ser aber um den Spass des mitdenkenden Nachvollzugs.

Es gibt handwerklich und inhaltlich bessere Bücher fürs große Publikum, sorgfältig geschrieben, tiefgründig, informativ, gut verständlich, unterhal­tend; etwa alles von Isaac Asimov. Ferner etwa (95,265,313,515,578). Für Fachleute und schwer erschreckbare Laien: (13,36,161,391,393)

215 J. W. Hayward (1987): Die Erforschung der Innenwelt. Neue Wege zum wissenschaftlichen Verständnis von Wahrnehmung, Erkennen und Bewusstsein deutsch  Scherz Bern 1990

Pflichtlektüre für alle, welche jede Art Introspektion methodisch verbannen. Der durch buddhistische Meditationstechnik gewonnene, intersubjektive Er­fahrungsfundus wird mit Befunden der Wahrnehmungspychologie und Psy­chophysik verglichen; die Lehre von den Dharmas erweist sich als millisekun­diöses Protokoll komplexer Perzeptions- und Apperzeptionsvorgänge, die immer noch als nicht bewusstseinfähig gelten.

215a J. Heath, A. Potter (2005): Konsumrebellen. Der Mythos der Gegenkultur  Rogner & Bernhard bei 2001, Frankfurt/Main

Wie die "Alternativen" jedweder Glaubensrichtung den Kapitalismus immer wieder retten.

216 F. Heer (1967): Gottes erste Liebe. Die Juden im Spannungsfeld der Geschichte  Ullstein Sachbuch

Für Christen, Atheisten, Juden, Deutsche oder historisch Interessierte. Die nach 1500 Jahren christlicher Geschichtsklitterung notwendige Korrektur und Ergänzung zu Verständnis und Rettung unserer abendländischen Kultur "zwischen zwei Buchdeckeln gebundene Atombombe" (Rudolf Augstein)

217 F. Heer (1972): Warum gibt es kein Geistesleben in Deutschland?  List München

"Es gibt keine wirkliche Geschichte der deutschen Wissenschaften bis heute, da das Abschlachten von Ketzern und Nonkonformisten im Großdeutschen Reich des Heiligen Geistes, der reinen deutschen Wissenschaft, nicht er­forscht ist."

"Erblindung, Selbstverblendung, ein schier unersättliches Rachebedürfnis, die Vernichtungswut und der Kannibalismus der Reinen stehen in erlauchtes­ten Traditionen europäischer amtlicher Geistverwaltung, der Herrschaft über den reinen Geist. Es ist die rabies theologica, die Vernichtungswut 'or­thodoxer' Theologen, die ihre Gegner bis zur Vernichtung niederkämpfen, bis zur Verbrennung auf dem Scheiterhaufen..."

"Wer die Geschichte, also seine eigene Geschichte als Person, Volk, Nation, politische und religiöse Gesellschaft verneint, dem sitzt sie oft so tief im Na­cken, dass er zwar ihren Druck spürt, jedoch nicht mehr weiß, woher ein ge­wisses Unbehagen und jene Unsicherheit, sich frei auszudrücken, stammt."

218 F. Heer: Der Glaube des Adolf Hitler

Folgt die Wurzeln von Hitlers Weltanschauung in den österreichischen Ka­tholizismus.

219 G. Heinsohn, H. Illig (1990): Wann lebten die Pharaonen? Archäolo­gische und technologische Grundlagen für eine Neuschreibung der Geschichte Ägyptens und der übrigen Welt  Scarabäus bei Eichbom Frankfurt/Main
220 Heinsohn: Warum Auschwitz?

Um mit den Juden auch den von ihnen in Schwang gebrachten Humanismus und das Prinzip der Nächstenliebe zu erledigen. Mit der christlich verwässerten Form hatten die Nazis weniger Probleme.

221 Heinsohn, Steiger (1985/89): Die Vernichtung der weisen Frauen. He­xenverfolgung - Kinderwelten - Bevölkerungswissenschaft - Men­schenproduktion  Heyne
222 W. Heisenberg (1969): Der Teil und das Ganze. Gespräche im Um­kreis der Atomphysik  München
223 W. Heisenberg (1992): Deutsche und jüdische Physik. Hrsg. v. H. Rechenberg  Piper Frankfurt
224 A. Heller (1977): Instinkt, Aggression und Charakter. Einleitung zu einer marxistischen Sozialanthropologie

Lesenswert wegen der sauberen Kritik biologistischer Interpretationen der Vergleichenden Verhaltensforschung (Ethologie), wie sie gerade für Konrad Lorenz nur allzu typisch sind, und auch teilweise seine Jünger umtreiben.

224a H. Hellman (1998): Zoff im Elfenbeinturm. Große Wissenschaftsdis­pute  Wiley-VCH Weinheim 2000
225 J. Hemleben (1978): Das haben wir nicht gewollt - Sinn und Tragik der Naturwissenschaft  Urachhaus Stuttgart

Wissenschaftsgeschichte aus der Sicht einer christlichen Gnosis: Von den Gründern Bacon, Descartes, Kepler, Galilei, Newton, Leibniz und von Hum­boldt sicher "nicht gewollt", besiegeln Epigonen wie duBois-Reymond, Hae­ckel, Helmholtz, Virchow einen weltgeschichtlich penetranten, so genannten "Materialismus". Hemleben empfiehlt als Korrektiv den "Goetheanismus", wie exemplifiziert in Goethes Farbenlehre.

Ich sehe wenig Potenzial in der realen Anthroposophie oder einem ima­ginären Christentum. "Goethe und die Wissenschaft" bleibt ein Thema, aber nicht zu vergessen: Goethe war ein ungewöhnlich einflussreicher Schrift­steller, ein "großer Kommunikator", der zudem in Steiner einen kongenialen Zeitgeistlichen fand. Der Goetheanismus scheitert also weder an mangelnder Vermittlung noch am Zeitgeist, sondern hat schwere innere Mängel, über die nur Schwärmer hinwegsehen. Freundlicher Rat an Anthroposophen: In­standsetzen!

225a E. Hennevin-Dubois (2002): Lernen im Schlaf. Schlaf ist notwendig, damit wir uns besser erinnern. Denn sowohl der Traumschlaf als auch der Tiefschlaf festigen Gedächtnisinhalte  Spektrum der Wissen­schaft Spezial "Gedächtnis" 112002
226 J. Herbig, R. Hohlfeld (Hg.) (1990): Die zweite Schöpfung - Geist und Ungeist in der Biologie des 20. Jahrhunderts  Hanser München
227 A. Herman (1997): Propheten des Niedergangs. Der Endzeitymthos im westlichen Denken.  Propyläen bei Ullstein Berlin 1998
228 A. Hermann (1982): Wie die Wissenschaft ihre Unschuld verlor. Macht und Missbrauch der Forscher  Deutsche Verlags-Anstalt, Stutt­gart

Sehr lesenswert - bis auf das letzte Kapitel; das Gefahrenpotenzial von Kern­kraftwerken und andere Umweltbedrohungen fallen leider auf des Autors blinden Fleck.

229 A. Hermann (1986): Der Weg in das Atomzeitalter: Physik wird Weltgeschichte  München, Moos Verlag
230 A. Hermann (1994): Einstein - Der Weltweise und sein Jahrhundert. Eine Biographie  Piper München
231 H. Hermes (1961): Aufzählbarkeit, Entscheidbarkeit, Berechenbar­keit. Einführung in die Theorie der berechenbaren Funktionen  UTB Berlin
232 D. B. Herrmann (1978): Geschichte der Astronomie - Von Herrschel bis Hertzsprung  VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin
233 J. Hermand, F. Trommler (1978): Die Kultur der Weimarer Republik  nymphenburger München
234 Hermann Hesse, Der Steppenwolf
235 T. Heuss (1932,1968): Hitlers Weg. Eine Schrift aus dem Jahre 1932 neu hrsg. und mit einer Einleitung versehen von Eberhard Jäckel  Wunderlich, Tübingen
236 A. Himmelrath, M. Finetti (1999): Der Sündenfall. Betrug und Fälschung in der deutschen Wissenschaft  Raabe Verlag Bonn
236a R. Hirsch, R. Schuder (1999): Der gelbe Fleck. Wurzeln und Wirkun­gen des Judenhasses in der deutschen Geschichte  PapyRossa Köln
237 A. Hitler (1925): Mein Kampf

"Nie ist ein Lehrbuch des Priestertrugs - nur sagt die LTI statt Priestertrug: Propaganda - mit schamloserer Offenheit geschrieben worden ... Es wird mit immer das größte Rätsel des Dritten Reichs bleiben, wie dieses Buch in voller Öffentlichkeit verbreitet werden durfte, ja musste,und wie es dennoch zur Herrschaft Hitlers ... kommen konnte, obwohl die Bibel des Nationalsozialis­mus schon Jahre vor der Machtübernahme kursierte" Victor Kemperer (274) Man hätte damals "Mein Kampf' aufmerksam lesen und ernst nehmen sol­len; und auch heute wäre das keineswegs falsch! Statt es zu verbieten, sollte man es mit einem guten und verständlichen wissenschaftlichen Apparat ver­sehen herausgeben und in der Schule sorgfältig durchnehmen. Oder fühlen sich unsere Pädagogen Hitler geistig nicht gewachsen? Das könnte schon sein.

Hitler ist der Praktiker und Theoretiker der Demagogik; er erläutert seine Methoden unverblümt und detailliert, die Harmlosigkeit geschmäcklerischer Kritik kühl einkalkulierend. Mitnichten halbgebildet, war er der Wissenschaft seiner und unserer Zeit voraus! Le Bon hatte wohl Einiges an theoretischer Ahnung; Hitler hat alles wie angekündigt in Praxis übersetzt. Er schrieb "Mein Kampf' vor den großen propagandistischen Erfolgen, und vor allen Dingen schätzte er die nützliche Idiotie seiner Gegner richtig ein, die vor lau­ter Bildungsdünkel blind für seine tatsächliche Virulenz waren.

Hitler schreibt blütenreich, überladen, stilbrüchig, aber verständlich. Was tät' mancher Scribent abliefern ohne Lektor im Kreuz! Angesichts der erwiesenen Sprach­macht Hitlers ist es weltfremd, sich Aug' und Ohr mit Stilbetrachtung zu ver­kleistern! So sehr ich Feuchtwanger verehre - die von ihm gestützte Banditen-­Theorie über "Hitler und seine Spießgesellen" (Der Zweite Nero, Die Brüder Hackensack) ist eine Sackgasse und Verharmlosung. Wir Deutsche müssen Hitler sehr viel ernster nehmen, um uns selber zu verstehen.

238 A. Hitler (1928,1961): Hitlers zweites Buch. Ein Dokument aus dem Jahr 1928. Eingeleitet u. kommentiert v. Gerhard L. Weinberg. Mit einem Geleitwort v. Hans Rothfels  dva Stuttgart

Deutlicher als in "Mein Kampf' Hitlers antihumane Ideologie: kein singu­lärer Antijudaismus - ein nützliches Propaganda-Vehikel, das im Volke breite Resonanz erzielte - sondern biologis­tisch zeitgemäßer, explizit sich auf angeblich objektive Erkenntnis stützender Sozialdarwinismus. Vgl. (239p67) Hierin irrt Hitler so tödlich, wie er in der De­magogik tödlich recht bekam. Dieser mörderische Aberglauben feiert in der Soziobiologie (99) fröhliche Urständ ('kin selection")! Immer finden sich "Wissenschaftler", die plausible Gründe liefern und diejenigen als jüdisch bzw. irrational verbellen, welche sich mit bitter nötiger Skepsis panzern, so­bald eiskalte bzw. objektive Erkenntnis gegen schlappen Humanismus bzw. So­zialromantik aufgeprotzt wird und der bedrohten Führungsschicht signali­siert: "Bring seine Schäfchen ins Trockne, wer kann!"

239 A. Hitler (1980): Monologe im Führerhauptquartier 1941-1944. Die Aufzeichnungen Heinrich Heims hrsg. v. Werner Jochmann  Gon­drom, Bindlach
240 W. Hoegner (1958): Die verratene Republik. Deutsche Geschichte 1919-1933  Ullstein Frankfurt/M Nr.33124
241 D.E. Hofstadter (1979): Gödel, Escher, Bach - Ein endloses gefloch­tenes Band  Klett Cotta Stuttgart 1988

Üppige Mathematik-Geistreicheleien; der Autor (be-)wundert sich dauernd, wie ihm das alles einfallen konnte. Spaßig verkleidet ein kompletter Beweis des Satzes von Gödel. Wirkliches Verständnis erfordert harte (teils überflüssige) Arbeit: im mathematischen Original ist der Beweis beinahe besser zu verste­hen (197). Als Gegengift Penrose. (393)

Anliegen Hofstadters ist, der Gödelschen Aporie →A4 zu entkommen und den formalistischen Ansatz der Mathematik in Sicherheit zu bringen. Dies misslingt! Das grundsätzliche Problem bleibt; und vor allem: Leben, Geist und Seele entziehen sich einem formalen und "universalistischen" Ansatz! Klügeres zum Thema bei Alfred Gierer (187).

Hofstadters "Lösung" all der kategorialen Widersprüche, von ihm als "selt­same Schleifen" verschlaumeiert: falls ein Widerspruch auftritt, hüpf eine Ebene höher und Ätsch! Mach aus Ballungen eine Super-Ballung, und alles ist wieder o.k. Ad infinitum!

242 B. Hoppe (1976): Biologie - Wissenschaft von der belebten Materie von der Antike bis zur Neuzeit  Franz Steiner Verlag Wiesbaden
243 J. Horgan (1993): An den Grenzen unseres Wissens. Siegeszug und Dilemma der Naturwissenschaften  Luchterhand München 1997

Enthält ein sehr schönes Interview mit Paul Feyerabend, vielleicht das letzte vor seinem Tod.

244 H. Höhne (1983): Die Machtergreifung. Deutschlands Weg in die Hit­ler-Diktatur  SPIEGEL-Buch bei Rowohlt, Hamburg
245 G. Holton (1984): Themata. Zur Ideengeschichte der Physik  Vieweg Braunschweig
246 W. Hörmann (1998): Gnosis. das Buch der verborgenen Evangelien  Bechtermünz
247 E. Howe (1984): Uranias Kinder: Die seltsame Welt der Astrologen und das Dritte Reich  Beitz Athenäum Weinheim 1995
248 K. Hübner (1978): Kritik der wissenschaftlichen Vernunft  Alber Frei­burg

Eine Radikalisierung von Duhems historistischer Wissenschaftstheorie. Hübner argumentiert weniger provokativ als Feyerabend, stimmt mit diesem aber darin überein, dass das Studium der Geschichte den Glauben an feste methodische Regeln der Wissenschaft widerlege, es sei denn eben, anything goes, wie Feyerabend spöttisch meint. Im (oft ignorierten) Kontext sagen Hübner und Feyerabend: Leut', hört's auf, immer neue Unsterbliche Systeme auszubrüten, studiert lieber Geschichte!

249 F. Hund (1984): Geschichte der Quantentheorie 3. Aufl.  BI Zürich
250 W. Huth (1984): Glaube, Ideologie und Wahn. Das Ich zwischen Realität und Illusion  nymphenburger München (Taschenbuch: Ullstein Sachbuch 34445)

"Wie es bis heute nicht gelungen ist, den Wahn als Gesamtphänomen zu defi­nieren, weil die dabei auftretenden Symptome in irgendeiner Form auch bei Nicht-Wahnkranken auftreten könnten, so lassen sich speziell auch bei Wahngewissheit alle möglichen Übergänge zwischen 'normal' und 'patholo­gisch' feststellen." Das Ziehen von konkreten Grenzlinien bleibe dem psy­chiatrischen Einzelgutachten vorbehalten; dennoch gebe es "bestimmte Eigenschaften .... die sich eindeutig im Bereich des Pathologischen registrieren lassen. Dazu gehört, dass es für ein schwer gestörtes Verhältnis zur Realität spricht, wenn ein Mensch meint, in einer Gewissheit zu stehen, in der er nicht mehr angefochten ist."(p110)

250a A.P. Hüttermann, A.H. Hüttermann (2004): Am Anfang war die Ökologie. Naturverständnis im Alten Testament Herder Freiburg 2004

Das Alte Testament versetzt auch den heutigen Leser noch in Erstaunen. Ob in seinen Speisegesetzen oder Reinheitsgeboten – erkennbar wird ein bemerkenswertes ökologisches Know-how. Hat die Bibel etwa bereits die Mendelschen Vererbungsgesetze gekannt? ... Der Leser wird entführt in das Land, wo Milch und Honig fließen. Doch anstatt dies mit Fülle und Überfluss zu assoziieren, sollte die bekannte Stelle im Gegenteil als Ausdruck karger ökologischer Überlebensbedingungen interpretiert werden. Bedingungen, die das Volk Israel dazu zwangen, "nachhaltig" zu wirtschaften. Und wo ließen sich die gewonnenen Erkenntnisse besser niederlegen als in den Heiligen Schriften?

Spannend und in "verblüffender Weise" (SZ) weisen die Autoren das immense ökologische Wissen des Volkes Israel nach. Sie eröffnen einen neuen, einen "überraschenden Blick auf das Alte Testament als höchst modernes ökologisches Buch" (natur & kosmos). Sie wagen den "ungewöhnlichen, modernen Versuch einer neuen Deutung ohne theologische Eiferei” (Rheinischer Merkur). Und en passant geben sie eine kluge Einführung in das viel diskutierte Prinzip der Nachhaltigkeit.

251 G. Iber Hrs. (1984): Neues Testament. Einführungen, Texte, Kommentare. Herausgegeben von Gerhard Iber in Verbindung mit Her­mann Timm. Mit einer Einführung von Günther Bornkamm  Piper München 1993
252 J. Illies (1983): Im Wunderwald der Stammbäume. Dendrologie einer Illusion  in (315pp 97-14)

Stammbäume beschreiben korrekt die Mikro-Evolution, die gut nachgewie­sene evolutionäre Anpassung durch Mutation und Selektion innerhalb einer Art. Für die Makro-Evolution - Entwicklung und Differenzierung der Arten - konnten keine Stammbäume verifiziert werden. Hier bleibt die Evolutions­theorie unvollständig.

Molekularbiologisch und populationsdynamisch bestehen noch ungelöste theoretische Probleme für artschrankenüberwindende Mutation. Bisherige künstliche Mutationen sind innerartlich, also Varietäten. Auch paläontolo­gisch gibt es weder Befunde noch Indizien. (433)

Nicht der vorsichtige Darwin, sondern Haeckel entwarf evolutionäre Stammbäume anhand der morphologischen Ähnlichkeiten heute lebenden (rezenter) Arten; Fossilien berücksichtigte er nicht: mit Recht, weil die sich als zunehmend störender erwiesen.

Stammbäume sind gerichtete Graphen morphologischer und genomischer Verwandtschaft. Entwicklungsgeschichtliche Interpretation wird mit jedem Fossilienfund schwerer. Nirgends fanden sich die vom "gradualistischen" Neodarwinismus in großer Zahl und steter Abstufung vorhergesagten gemeinsamen Vorformen zweier Arten, sondern immer nur die über geologi­sche Zeiträume hinweg erstaunlich beständigen Arten.

Um die Phänomen zu retten, verlegt man die geforderten gemeinsamen Vor­fahren - die Verzweigungen - immer weiter nach unten: der Stammbaum wird zum Wunderwald der Stammbäume, dann zum Buschwerk und ver­steppt mit wachsender paläontologischer Evidenz teilweise zu Grasbüscheln. Vgl. auch (485)

253 H. Illig (1994): Das gefälschte Mittelalter  Econ Düsseldorf

Kühne These: Karl der Große eine Propaganda-Erfindung? 300 Jahre Ge­schichte zwischen 650 und 950 erstunden und erlogen? Bei näherer Sichtung der 'harten' Beweislage - Bau-Archäologie, C-14-Datierung, Astronomie, Dendrologie, sowie der geschichtlichen Beweislage wird man schon nachdenklich. Ob die These stimmt oder nicht: Illigs Vorgehen verdient das Prädikat 'wis­senschaftlich seriös', das seiner Gegner, der 'Diplomatiker', nicht. Zentrale Gegenargumente: "Ein ganzes Zeitalter kann man nicht erfinden" und "Die angeführten Beweise können wir nicht kompetent beurteilen, darum gelten sie nicht." - vgl. (254)

254 H. Illig (1999): Wer hat an der Uhr gedreht?  Econ Düsseldorf

Weitere detaillierte Evidenz für Illigs These der chronologischen Fälschung. Seine Gegner, die herrschende Strömung der 'Diplomatiker', erklären sich angesichts seiner Beweise für inkompetent, was - wie so oft in den Sozialwis­senschaften - bedeuten soll: schlimm für die Beweise! Wissenschaftliche Se­riosität dürfen nämlich nur Beweise beanspruchen, die auf Dokumenten be­ruhen, denn die lassen sich ja bekanntlich unmöglich fälschen. Hierin liegt der Skandal, nicht in Illigs provozierender These.

254a H. Illig (2002): "Erfundenes Mittelalter": Vergebliche Abwehr durch Stephan Matthiesen  Skeptiker-Forum; www.lelarge.de

Nach dem vergeblichen Versuch, gute Argumente gegen Illigs Thesen zu fin­den, versucht man ihn als "Sektengründer" zu marginalisieren. Aber die Fan­tomzeit-These steht fundierter denn je!

255 R. Italiaander Hrsg. (1982): Wir erlebten das Ende der Weimarer Republik. Zeitgenossen berichten  Droste Düsseldorf
256 F. Janka (1997): Die braune Gesellschaft. Ein Volk wird formatiert  Quell Stuttgart

Der erste und bisher einzige genuine wissenschaftliche Beitrag der Soziologie zum Nationalsozialismus. Kernthese: der fruchtbarste Baugrund der Nazi sei die Idee der 'Volksgemeinschaft' gewesen.

257 G. Jasper (1986): Die gescheiterte Zähmung. Wege zur Machtergre­ifung Hitlers 1930-1934.  Suhrkamp, Frankfurt/M
258 K. Jaspers (1953): Allgemeine Psychopathologie  Berlin
259 J. Jaynes (1976): Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusam­menbruch der bikameralen Psyche  Rowohlt 88

Kühne Thesen über die relative Neuheit unseres bewussten Selbst. Interes­santer Ansatz zur Erklärung früherer Glaubenssysteme als Kommunikations- ­und Traditionstechnik. Zusammenfassung und Kritik verschiedener Be­wusstseinstheorien. Interessante Überlegungen zur Entstehung der Sprache. Unbedingt lesenwert, auch wenn man nicht all seinen Thesen folgt.

260 Johnson (1887): Antiqua Mater: A Study of Christian Origins London  Trübner & Co und unter www.radikalkritik.de
261 D.F. Jonas, A.D. Jonas (1979): Das erste Wort. Wie die Menschen sprechen lernten  Hoffmann und Campe, Hamburg

Anthropologin Doris und Psychiater David im Vorwort: "Ein neues Buch über den Sprachbeginn?, so mag sich mancher fragen, was kann das wohl an Erkenntnissen bringen, nachdem doch schon einmal feierlich beschlossen worden ist, diesen Gegenstand aus dem Repertoire der wissenschaftlich ernst zu nehmenden Themen zu streichen?"

Das Erkenntnishindernis war Unterschätzung der Frau. Wir sollten lernen, Bachofen (11) ernst zu nehmen. Vgl. auch die Ergebnisse der Paläolinguistik (153,154).

Leider immunisieren die Autoren sich und den Leser oft gegen neodarwinisti­sche Angriffe und verschwenden dabei viel Platz an "biologisch korrekte" Spekulationen der frommen Denkungsart. Diese Knierutscherei vor der herrschenden Meinung hindert die Autoren daran, das Erklärungspotenzial ihres Ansatzes objektiv auszuschöpfen. Das neodarwinistische Korsett blo­ckiert den Fortschritt der Humanwissenschaften!

262 K-P. Jörns (1997): Die neuen Gesichter Gottes. Was die Menschen heute wirklich glauben  Beck München
263 C.G. Jung: Die Archetypen des kollektiven Unbewussten

Eine wenig bekannte Stellungnahme zur Archetypenlehre stammt von dem mit Jung befreundeten Ouantentheoretiker Wolfgang Pauli (388).

264 C.G. Jung, W. Pauli: Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusam­menhänge. GW 8; oder C. G. Jung (1990): Synchronizität, Akausalität und Okkultismus  München, dtv

Der klassische Aufsatz über Synchronizität.

265 M. Kaku, J. Trainer (1987): Jenseits von Einstein. Die Suche nach der Theorie des Universums Insel  Frankfurt/M
266 T. J. Kalikow (1980): Die ethologische Theorie von Konrad Lorenz: Erklärung und Ideologie 1938 bis 1943  in (356)

Schon vor 1933 verficht der junge Lorenz einen Biologismus haeckelscher Prägung:

1. Die Gesetze der Natur seien die Gesetze der Gesellschaft. Ungleichheit der Rassen und Individuen sei nur natürlich. Natürlicher als Demokratie sei insbesondere Herrschaft der Besten im Kampfe ums Dasein (Sozialdarwinis­mus).

2. Die bis dato geradlinige Evolution sei plötzlich umstellt von Gefahren zivi­lisationsbedingter Domestikation: Übervölkerung, Verweichlichung, Trieb­schwäche - alles genetischer Verfall. Dagegen schütze Eugenik.

3. Menschliche Qualität zeige sich in der äußeren Gestalt; die klassischen Griechen seien die Urahnen der Arier. Vorliebe für brekersche Edelformen und Ablehnung entarteter Kunst seien sinnvolle, biologisch begründete ästhetische Urteile.

4. Die Evolution sei die alleinige schöpferische Weltkraft. (Der einzige Punkt, der den Nazis nicht ins Weltbild passte. Schöpferisch durften nur die Arier sein!)

Lorenz wünschte der "neuen Wissenschaft öffentliche Anerkennung" und unterstrich "Jene Aspekte seiner Forschung..., die ihm die Gunst der Macht­haber sichern". Mit dem Anschluss Österreichs trat er der NSDAP bei und blies dem Regime seine Kernthese ins offene Ohr: "Die Bedingungen der Zivilisation führen zu Domestizierung und Degeneration des Menschen, so dass schließlich erkrankte Individuen mit defektem Instinktverhalten die Gesell­schaft wie ein Krebs überwuchern und sie vernichten."

Als Opportunismus wertet Kalikow nur die Überbetonung der NS-Interessen. Die Vermeidung des Nazi-Jargons nach 1945 bedeute nicht, dass es sich nun um reine Wissenschaft handele und die NS-Zeit Lorenz nicht beeinflusst habe. Lorenz vergleiche die Zivilisation mit der Domestikation der Tiere, "als ob es einen edlen Wilden gebe, der den wahren Menschen repräsentiere, so wie die Felsentaube das Original ist, das wir in der Stadttaube nur noch schwach wi­dergespiegelt sehen." In (318) bewege er sich auf soziologische Teilerklärun­gen kulturellen Verfalls hin.

"Wir [schließen] mit der Beobachtung, dass die grundlegenden ideologischen Elemente ... immer noch in Lorenz' Arbeiten vorhanden sind, soweit sie sich auf Tier-Mensch-Vergleiche beziehen. Somit haben jene Ethologen, Soziolo­gen und populärwissenschaftlichen Autoren [mit Lorenz' Biologismus] auch - bewusst oder unbewusst - [die] totalitaristischen Implikationen akzeptiert, dass nämlich die erfolgreiche Gesellschaft genetisch und politisch manipu­liert werden muss[, wie im Dritten Reich geschehen]."

Vgl. dazu das von einem langjährigen Mitarbeiter Lorenz' erstellte Psycho­gramm (26), welches die Gründe für die auch unter seinen Schülern und Kollegen offen­sichtlichen Obsessionen von Lorenz untersucht.

267 I. Kant (1787): Kritik der reinen Vernunft  Wiss. Buchges. Darmstadt 1983

"Ob die Bearbeitung der Erkenntnisse, die zum Vernunftgeschäfte gehören, den sicheren Gang der Wissenschaft gehen oder nicht, das lässt sich bald aus dem Erfolg beurteilen." p20

Zum Thema Projektion: "So ging allen Naturforschern ein Licht auf. Sie be­griffen, dass die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt, dass sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen müsse auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen müsste; denn sonst hängen zufällige, nach keinem vorher entworfenen Plane gemachten Beobachtungen gar nicht in einem notwendigen Gesetze zusammen, welches doch die Vernunft sucht und bedarf."p23

268 I.Kant (1994):Was ist Aufklärung? Aufsätze zur Geschichte und Philo­sophie Hrsg. u. eingeleitet von J. Zehbe 4. Aufl.  Vandenhoeck & Rup­precht Göttingen

Die bündigste Projektbeschreibung derAufklärung: "Aufklärung ist der Aus­gang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmün­digkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines ande­ren zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung."p55

269 Dzevad Karahasan (1995): Prinzipien der mechanischen Metaphy­sik. Hans Magnus Enzensberger und Peter Glotz als Beispiele für eine Art des europäischen Denkens  in J. Vollmer Hrsg: "Daß wir in Bosnien zur Weit gehören" Benziger 1995

Der Schriftsteller Dzevad Karahasan ist geboren im bosnischen Duvno und wohnte bis 1993 in Sarajevo. Er kommt nach Deutschland und reibt sich ver­wundert die Augen; er hat ein Leben lang geträumt.

270 Dzevad Karahasan (1996): Bürger Handke, Serbenvolk  DIE ZEIT Nr. 8, 16.2.96 p44; auch enthalten in (579)

ZEIT-Redaktion: "Am Sonntag [dem 18.2.961 beginnt Peter Handke eine Lesereise mit seinem gefeierten und geschmähten Pamphlet Gerechtigkeitfür Serbien, das gerade auch als Buch erschienen ist. Unser Autor wendet ein: Handke hat über ein Land geschrieben, das er nicht kennt, sein Text handelt von nichts anderem als Peter Handke - ein Dokument des ethischen Nihilismus

271 S. Kauffman (1995): Der Öltropfen im Wasser. Chaos, Komplexität, Selbstorganisation in Natur und Gesellschaft  Piper Frankfurt 1101996

Mittlerweile schon klassischer Text, dessen Hauptanliegen die Vervollständi­gung von Darwins Evolutionstheorie ist: auch und gerade in der Biologie wir­ken z.T. mathematisch nachvollziehbare Gesetze der Formgebung, die der natürlichen Auslese erst den Ansatz­punkt liefern. Die Entstehung des Lebens als solcher sei Notwendigkeit; 'his­torisch' kontingent - also Zufall - sei nur die konkrete Ausgestaltung der De­tails.

272 E. V. Keller (1985): Liebe. Macht und Erkenntnis. Männliche oder weibliche Wissenschaft?  Fischer 12377 1998 Frankfurt/M
273 P. Kennedy (198?): Aufstieg und Fall der großen Mächte
274 V. Kemprerer(1957): LTI. Notizbuch eines Philologen  Reclam Leipzig 1996
275 C. Kerner (1979): Lise, Atomphysikerin. Die Lebensgeschichte der Lise Meitner  Beitz und Gelber, Weinheim

Man hätte den Nobelpreis für die Kernspaltung zwischen Hahn, Strasser und Meitner teilen müssen. Die Meitner gilt heute als Mitarbeiter des Hahn, ohne dass der Hahn als Mitarbeiter der Meitner gilt. Unabhängig vom Chemiker Hahn brachte Physiker Meitner - die deutsche Madame Curie (Einstein) -bedeutende Beiträge zur Radioaktivität. Wär sie nicht immer so frauenmäßig bescheiden gewesen - oder war das der Preis für männliche Duldung?

276 I. Kershaw (1998): Hitler 1889 - 1936 ("Hybris")  DVA Stuttgart

Die "Biografie eines Antibiografen". "Die nicht unwesentliche Ironie" von Kershaws Werk bestehe darin, sich dem Genre aus der falschen - nämlich strukturalistischen - Richtung zu nähern. Der britische Zeitgeschichtler, ursprünglich Mediävist, mehr interessiert an Sozialgeschichte als an "hoher Politik', Sympathisant "antibiografischer Strömungen der deutschen Geschichtswissenschaft" in den Siebziger Jahren, forschte über "das Verhalten und die Einstellung gewöhnlicher Deutscher" im Dritten Reich. Im Rahmen des Bayern-Projekts untersuchte er "die Volksmeinung und den politischen Dissens unter der NS-Herrschaft" sowie "das Image Hitlers in der Bevölkerung".

Die Studie verbindet "personale und strukturelle Elemente im Entwicklungsprozess einer der wichtigsten Epochen der Menschheitsgeschichte" und fragt weniger nach dem "merkwürdigen Charakter" Hitlers, sondern nach seinen Erfolgsbedingungen. Die Antwort liege "vornehmlich in der deutschen Gesellschaft". Kershaw will "die sozialen und politischen Motivationen, die Hitler möglich gemacht haben", freilegen "und sie mit Hitlers persönlichem Beitrag zur Erringung und Ausdehnung der Macht" verknüpfen.

276a I. Kershaw (2000): Hitler 1936 - 1945 ("Nemesis")  DVA Stuttgart, dtv 2002

Diesen und den vorigen Band etwa alle 3 Jahre anwenden.

277 J. Kingdon (1993): Und der Mensch schuf sich selbst. Das Wagnis der menschlichen Evolution  Insel Frankfurt/M 1997 insei taschenbuch 1936
278 G. S. Kirk (1974): Griechische Mythen. Ihre Funktion und Bedeutung  Rowohlt Frankfurt/M Taschenbuch 1880
278a S. Klein (2000): Die Zukunft des Hirns  SPIEGEL reporter 1012000
279 F.J. Koch (1913): Katholische Apologetik. Nach der oberhirtlichen In­struktion für die Oberklassen der höheren Lehranstalten in Bayern  R.Oldenbourg München
280 T. Koebner Hrsg. (1982): Weimars Ende. Prognosen und Diagnosen in der deutschen Literatur und politischen Publizistik 1930-1933  Suhrkamp, Frankfurt/M
281 T. Koebner Hrsg. (1982): "Bruder Hitler" (Thomas Mann) - Autoren des Exils und des Widerstands sehen den Führer des Dritten Reichs  Heyne München
282 A. Koestler (1963): Das Gespenst in der Maschine  Molden Wien
283 A. Koestler (1980): Die Armut der Psychologie: Der Mensch als Opfer des Versuchs, irrationalem Verhalten mit rationalem Verhalten beizu­kommen
284 A. Koestler (1959): Die Nachtwandier: Die Entstehungsgeschichte unserer Welterkenntnis  suhrkamp taschenbuch 579

"Da sind erstens die Zwillingsströme der Wissenschaft und der Religion, die der unauflöslichen Einheit von Mystikern und Gelehrten in der pythagorei­schen Bruderschaft entsprangen, sich trennten und wieder vereinigten, bald ineinander verschlangen, bald nebeneinander herliefen und in der tragisch 'getrennten Wohnung des Glaubens und der Vernunft' unserer Zeit endeten - der Wohnung, in der auf beiden Seiten Symbole zu Dogmen erstarrten und die gemeinsame Quelle der Eingebung dem Blick entschwand... Zweitens ... die Psychologie des Entdeckungsprozesses als der schlüssigen Äußerung menschlicher Schöpferkraft, die den Menschen für Wahrheiten blind macht, die, sobald sie einmal entdeckt sind, uns selbstverständlich er­scheinen. Diese Scheuklappen finden wir aber nicht nur in den Köpfen der 'unwissenden und abergläubischen Massen', wie Galilei sie nannte, sondern noch viel auffälliger in seinem eigenen Kopf oder dem eines Genies wie Aris­toteles, Ptolemäus und Kepler. ...

... Von der Physik bis zur Psychologie kann weder ein alter noch ein neuer Zweig der Wissenschaft sich rühmen, von metaphysischen Vorurteilen frei zu sein. Die Entwicklung der Naturwissenschaft wird gewöhnlich als ein sau­berer, rationaler Fortschritt in geradlinig ansteigender Kurve hingestellt. In Wirklichkeit jedoch ist es ein Zickzackweg ... Speziell die Geschichte der kos­mischen Theorien kann ohne Übertreibung eine Geschichte kollektiver Wahnideen und Bewusstseinsspaltungen genannt werden."

285 M.Koestler (1982):Stirbt Jesus im Christentum? Ein Plädoyer für die ursprüngliche Verkündigung Jesu  Verlagshaus Gert Mohn Gütersloh
286 E. Kogon: Der SS-Staat
286a J. Kollbrunner (2001): Der kranke Freud.  Klett-Cotta, Stuttgart

S. 9: "Noch immer staune ich über die Verwegenheit, als Nicht-Psychoanalytiker ein Buch über den Begründer der Psychoanalyse zu schreiben."

Nein, keine der in letzter Zeit aus der Mode gekommenen "Erledigt-Freud"-Tiraden, sondern ein für das rechte Verständnis der Psychoanalyse notwendiges, ausführliches argumentum ad hominem, verfasst von einem Psychosomatiker und Krebsspezialisten.

Bei einem Screening zur psychosozialen Situation von Patienten mit einem größeren Karzinom der Mundhöhle ergaben sich signifikante Variablen. Nichts lag näher, als auch einmal in die Biografie des prominentesten Patienten zu schauen: Sigmund Freud litt 16 Jahre lang an einem Karzinom der Mundhöhle. "Voller Enthusiasmus ging ich auf die Suche." Aber in den dickleibigen Standardbiografien von Ernest Jones, Max Schur und Peter Gay fand sich "nichts. Unglaublich. Verschiedene Ausflüge in Teile von Freuds eigenen Werken und in seine Korrespondenz führten auch nicht weiter."

Die Idee für das hier vorgelegte Werk war geboren, und so konnte eine klaffende und unbegreifliche Lücke in der psychoanalytischen Forschung geschlossen werden. Kollbrunner zeigt Freud als tragischen Pionier und erläutert die zweischneidige Rolle, die Freuds eigenes Krankheitsbild in der Entwicklung seiner Lehre gespielt hat - notwendige Voraussetzung für die schwierige Scheidung derjenigen Teile des psychoanalytischen Lehrgebäudes, die bis heute Geltung beanspruchen können, und derjenigen, die als falsche Generalisierung der eigenen Lebensgeschichte zu relativieren sind.

287 W. Knappich (1988): Geschichte der Astrologie. 2., erg. Aufl.  Kloster­mann Frankfurt/M
287a J. Krakauer (2003): Mord im Auftrag Gottes. Eine Reportage über religiösen Fundamentalismus  Piper München
288 S.N. Kramer (1967): Mesopotamien. Frühe Staaten an Euphrat und Tigris  Rowohlt Frankfurt 1971
289 R. Krämer-Badoni (1983): Galileo Galilei: Wissenschaftler und Revo­lutionär  Ullstein 34844
290 Karl Kraus (1933,1934,1989): Dritte Walpurgisnacht. Neue Ausgabe mit allen Textvarianten  suhrkamp taschenbuch 1322, Frankfurt/M 1989

"Mir fällt zu Hitler nichts ein. Ich bin mir bewusst, dass ich mit diesem Resul­tat längeren Nachdenkens und vielfacher Versuche, das Ereignis und die be­wegende Kraft zu erfassen, beträchtlich hinter den Erwartungen zurückblei­be. Denn sie waren vielleicht höher gespannt als jemals gegenüber dem Zeit­polemiker, von dem ein populäres Missverständnis die Leistung verlangt, die als Stellungnahme bezeichnet wird, und der ja, sooft ein Übel nur einiger­maßen seiner Anregbarkeit entgegenkam, auch das getan hat, was man die Stirn bieten nennt. Aber es gibt Übel, vor denen sie nicht bloß aufhört eine Metapher zu sein, sondern das Gehirn hinter ihr, das doch an solchen Handlungen seinen Anteil hat, sich keines Gedankens mehr fähig dächte. Ich fühle mich wie vor den Kopf geschlagen, und wenn ich, bevor ich es wäre, mich gleichwohl nicht begnügen möchte, so sprachlos zu scheinen, wie ich bin, so gehorche ich dem Zwang, auch über ein Versagen Rechenschaft zu geben."

291 W. Kraus (1978): Kultur und Macht

"Wie erfolgreich Kunst und Kultur ... missbraucht werden können, lassen die Geschehnisse der Zeit Adolf Hitlers, aber auch [in] der SU erkennen: [geziel­ter] 'Einsatz'... einer von vornherein bestimmten Art von Kultur und Kunst, gleichzeitig mit dem Bannfluch für alle anderen Arten...

Die Haltung der westlichen Demokratien, ... deren staatliche Stellen und wichtige Institutionen sich... um Kunst und Kultur meist nur mit Alibigesten kümmern, stellt das andere, freilich sympathischere Extrem dar. Immerhin verbleibt hier im kulturellen Bereich ein Freiraum, so resonanzlos und dürftig er sein mag. Auch dieses Extrem ist gefährlich, weil die Resonanzlosigkeit nach Resonanz verlangt, und Resonanz wird von den Diktaturen im positiven und negativen Sinn reichlich geboten...

Die Verantwortlichen der westlichen Demokratien sind sich der entscheiden­den Bedeutung dieses kulturellen Freiraums nicht bewusst: hier ... bildet sich die Ordnung der Werte, hier entspringen die Wunschvorstellungen der Men­schen. Hier formen sich das Gewissen, die Sinngebung, das Gefühl der Sinn­haftigkeit - hier entstehen die Träume. Die Wendung der Aufmerksamkeit sowohl der öffentlichen Stellen als auch einer breiteren Allgemeinheit von der wirtschaftlichen Progression, die deutlich genug in schwere Krisen führt, zum kulturellen Bereichen hin wäre die einzige Chance, unabsehbare Zukunftsprobleme zu verhindern."

292 T.S.Kuhn (1957): Die kopernikanische Revolution  deutsch bei Vieweg, 1981
293 T.S. Kuhn (1969): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen  Suhr­kamp Frankfurt/M 1975
294 H. Küng (1978): Existiert Gott? Antwort auf die Gottesfrage der Neu­zeit  Piper München

Als Querschnitt durch die Philosophie gar nicht übel. Aber Gott verschwindet im Theologen-Smog von der allerätzendsten Art.

295 B.-O.Küppers Hrsg. (1987): Ordnung aus dem Chaos: Prinzipien der Selbstorganisation des Lebens  Serie Piper München.
296 B.-O. Küppers (1986): Der Ursprung biologischer Information: Zur Na­turphilosophie der Lebensenstehung; Vorwort von C.F.v.Weizsäcker  Piper München -
300 O. Lafontaine (1999): Das Herz schlägt links  Econ Düsseldorf

Kassandra hat einen üblen Ruf. Denn der schlimmste Rechthaber ist be­kanntlich der, der tatsächlich Recht hat. Das ist unverzeihlich.

297 I. Lakatos (1982): Die Methodologie der wissenschaftlichen For­schungsprogramme  Vieweg Braunschweig

Mehr, als Lakatos umreißt, kann Wissenschaftstheorie vermutlich nicht leisten. Ihm gelingt es nebenbei, Sir Karl Popper vor sich selber zu retten.

301 H.H.Lamb (1982): Klima und Kulturgeschichte. Der Einfluß des Wetters auf den Gang der Geschichte  Rowohlt Frankfurt/M 1989 rororo 3490
298 A. Landé (1965): New Foundations of Quantum Mechanics  Cam­bridge at the University Press
299 Lao-Tse (1985): Tao-te-king. Aus dem chinesischen Urtext übertra­gen von Erwin Rousselle  Insel Frankfurt 1995
302 W. Laqueur (1974,1976): Weimar. Die Kultur der Republik  Ullstein, Frankfurt/M
303 K. Lärmer, H.-J. Rook (1990): Dampfmaschine - Oldtimer der Tech­nik  Urania Leipzig
303a M. Latif (2003): Hitzerekorde und Jahrhundertflut. Herausforderung Klimawandel. Was wir jetzt tun müssen.  Heyne, München

Vielleicht sollte man die Befunde besser geheimhalten, denn wenn die Leut' erst mal draufkommen, dass der vielbesung'ne Klimawandel keineswegs nur ein wohlig-schauerlicher Medienhype ist, sondern peinliche Realität: dann bricht hier eine Hysterie ohnegleichen aus, Hexenjagd inklusive.

Psst, nicht weitersagen: von den 12 Jahren von 1995 bis 2006 waren 10 heißer als jedes Jahr zuvor "seit Beginn der Wetteraufzeichnungen" (1880). Nur zwei waren also normal --- ausgesprochene Ausreißer in einem dramatisch deutlichen Trend.

304 R. Lay (1995): Nachkirchliches Christentum. Der lebende Jesus und die sterbende Kirche  Econ Düsseldorf

Die Form von hoch gestochener Dummheit, die wirklich weh tut: Der Anhang ist ein umwerfendes Beispiel für exoterisches Wissenschaftsgeraune - oder doch bloß lauter halbverstandene Fremdwörter und schwülstiger Stil? Man muss wohl doch mindestens 6000 Euro abdrücken, um das an einem Wochen­ende in gehobenem Ambiente verständlich geklickert zu kriegen.

305 J. Lehmann (1993): Das Geheimnis des Rabbi Jesus. Die Wahrheit von Qumran und was Urchristen und Kirche daraus machten  Rasch und Röhring Hamburg

Wen interessiert denn schon der in der jüdischen und wohl auch essenischen Tradition stehende Rabbi J.? Die "Paulaner" ließen ihn hinter dem wunder­wirkenden Kreuzestod verschwinden; wie heutige "Christen" kreuzigen sie ihn damit ein weiteres Mal. Wir könnten vom Menschensohn Einiges-aber-­nicht-Alles lernen; doch die Christen verraten ihn für ihre törichte und egois­tische Hoffnung auf ein unverdientes, ja geradezu unverdienbares Ewiges Le­ben. Christliche Lehre: nur echt mit Auferstehungsglauben und Heilsauto­matik!

306 Leibniz(1611?): Die Theodicee
307 W. Lenders, G. Wille (1986): Linguistische Datenverarbeitung. Ein Lehrbuch  Westdeutscher Verl. Opladen
307a W.I. Lenin (1909): Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie  Dietz Verlag Berlin 1981

Aus marxistischer Ecke kommt manchmal richtig erleuchtende Wissenschaftstheorie.(425) Und Lenin persönlich hat einmal geäußert, Wissenschaft sei wahr, weil Autos fahren. Das schien mir ein prägnanter Grundsatz, und ich war bereit, Lenin als interessanten Wissenschaftstheoretiker zu entdecken, nachdem er als Staatsmann leider doch nur der logische Vorgänger Stalins war. Also griff ich erwartungsfroh nach o.g. Klassiker der marxistisch-leninistischem Philosophie.

Darinnen entdeckte ich leider einen fahrlässigen, undialektischen Kästchendenker, einen nur dürftig verhüllten, rüden Dogmatiker, einen jener bornierten "Meisterdenker", von denen man sich wünscht, sie möchten nie, nie, nie politischen Einfluss gewinnen oder gar versuchen, ihre halbgaren Ideen zu realisieren.

Lenin war kein philosophischerer Kopf als Hitler oder Stalin, und das ist schlecht so.

308 H. Lenk Hrsg. (1986): Zur Kritik der wissenschaftlichen Rationalität  Karl Alber Freiburg
309 R.Levin (1993): Die Komplexitätstheorie. Wissenschaft nach der Chaosforschung  Hoffmann und Campe Hamburg

Ein populärer Überblick über neu entstehende, erst im Zeitalter reich verfüg­barer guter Computer mögliche Modellansätze zur Erklärung komplexer Sys­teme. Vor allem Medizinern, Biologen und Evolutionstheoretikern unbe­dingt zuzumuten, damit sie mal endlich aus ihren diversen neodarwinistischen und pangenetischen Sackgassen rauskommen. Nur Mut! Computer beißen nicht! Und dass die Erkenntnisbäume nicht in den Himmel wuchern, dafür sorgen sie auch gleich ... go ahead! Vgl. auch (271)

310 R. Leviné (1997): Eine Landkarte der Zeit. Wie Kulturen mit der Zeit umgehen  Piper München Zürich 1998
311 J.C. Levinson (1989): Guerilla-Marketing. Offensives Werben und Verkaufen für kleine Unternehmen  Heyne Campus 2001

Für wirklich Selbständige - und nur für die. Warum zwei Drittel aller Market­ing-Tipps für die vielbesungenen Startups so tödlich waren, dass nur wenige überlebten:

"Oft zielen Großunternehmen auf die Führung in einer Branche oder die Be­herrschung eines Marktes oder eines großen Marktsegments... Aber kleine Firmen ... können schon florieren, wenn sie nur einen winzigen Bruchteil einer Branche gewinnen, einen Bruchteil des Marktes...

Während Großunternehmen erkannt haben, dass sie von Anfang an werben und die Werbung buchstäblich ohne Unterbrechung fortsetzen müssen, kann es bei kleinen Firmen möglich sein, nur anfangs tätig zu werden und sich dann völlig auf die Mundpropaganda zu verlassen. Können Sie sich vorstellen, was geschehen würde, wenn Persil von Mundpropaganda abhängig wäre? Der Weiße Riese würde noch Tausende Meter Wäscheleine zusätzlich mit Wäsche behängen."

Als Kleinunternehmer stellte ich die Ohren auf. Aber als Wissenschaftler wünscht' ich mir einen Anthropologen, Ethnologen oder Soziologen, der hier einhakt und eine groß angelegte Untersuchung durchführt: "Potlatsch im Spätkapitalismus" Damit wir genauer wissen, in was für einer wirklich irren Gesellschaft wir zur Zeit leben.

312 C. Lévi-Strauss (1973): Das wilde Denken  Suhrkamp Frankfurt/M
313 D. Lindley (1994): Das Ende der Physik. Vom Mythos der großen Ver­einheitlichenden Theorie  Birkhäuser Basel
313a D. B. Linke (2003): Religion als Risiko. Geist, Glaube und Gehirn  rororo science, Reinbek bei Hamburg
314 I. Lissner (1966): Wir sind das Abendland. Gestalten, Mächte und Schicksale Europas durch 7000 Jahre  Gondrom Bindlach 1993 (Original Walter Verlag Olten)

Lissner sagt, dass die abendländische Kultur heute darum eine dominierende Stellung auf der Welt einnehme, weil sie es verdient habe. Und bevor man ihn als Kulturchauvinisten anprangert, mache man sich klar, was abendländische Kultur eigentlich ist - zum Beispiel, indem man den fesselnd geschriebenen Streifzug eines Kulturoptimisten durch die europäische Geschichte liest. Und gleich am Anfang wird klar: das Abendland glänzte vor allem durch seine un­erschöpfliche Kraft zur Integration und Vermittlung - seine Fähigkeit zu "Multikulti", wie die saloppe Verschreiung lautet.

315 A. Locker Hrsg. (1983): Evolution - kritisch gesehen  Anton Pustet, Salzburg

Des Biophysikers Locker eigener Beitrag - Sprachkritik in der Tradition von Karl Kraus - ist meines Geschmacks zu esoterisch. Er enthüllt die eskamotierenden Sprachspiele der Evolutionisten. Weitere lesenswerte Beiträge: (67,252, 433,503)

315a W.-E. Lönnig (2004): INTERNET LIBRARY  

Eine Reihe von Beiträgen allgemeiner und spezieller Natur zur modernen Evolutionsbiologie, einschließlich einer ausführlichen Dokumentation, was deutschen Forscher erleben kann, wenn er nicht im wissenschaftlichen Mainstream mitschwimmt, wenn dieser, um mit Imre Lakatos (297) zu sprechen, langsam den Charakter eines "degenerierenden Forschungsprogramms" anzunehmen beginnt.

316 K. Lorenz (1965): Über tierisches und menschliches Verhalten (2 Bände)  Piper München

Lorenz erhielt für seine Pionierarbeit in vergleichender Verhaltensforschung den Nobelpreis. Diese klassischen Arbeiten zur Ethologie sind nach wie vor lesenswert.

Im rationalistischen Alter von 16 - 23 Jahren habe ich neben Freud, Reich, Adler die Arbeiten von Lorenz, Eibl-Eibesfeld, Plack u.a. verschlungen, ein wenig herumprobiert und ein bisschen daraus und darüber hinaus gelernt. Es hat meine Einstellung zu Wissenschaft und Aberglauben mitgeprägt und mich erst einmal der Physik in die Arme getrieben.

317 K. Lorenz (1963): Das sogenannte Böse  Borotha-Schröder Wien

Eindringlich warnt Lorenz vor Schlüssen von einer Art auf die andere, erst recht vom Tier auf den Menschen, und mahnt zu methodischer Korrektheit. Doch seine privaten Obsessionen (26) überwuchern alles, wenn er beim Men­schen endogene Aggression behauptet, nach dem überholten Dampfkessel­modell des Appetenz- und Leerlaufverhaltens, wo der Mensch sich im tiefsten Frieden triebhaft Gelegenheit zum Kampf verschaffen muss. Hier äußert sich intransigenter Biologismus.

In klassischer Projektion wird er nicht müde, objektive Erkenntnis zu bean­spruchen; das sei doch mal die Realität, ergo jeder abweichende Standpunkt gefährliche Ideologie. Selten ist es derart gut dokumentiert, dass es anders herum ein Schuh wird: seine Arbeiten aus der Nazi-Zeit liegen noch alle vor! (266) Wenn allerdings Schüler von ihm immer noch solche Töne anschlagen, kann das (biologisch bedingten) Ekel erregen. (364,569)

Wissenschaftlich und weniger ideologisch begründete Studien über mensch­lichen Aggression findet sich bei seinem Schüler Eibl-Eibesfeld. (125,126, 127) Diffenzierte, theoretisch und empirisch fundierte Tiervergleiche bildet de Waal. (110)

318 K. Lorenz (1973): Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Natur­geschichte menschlichen Erkennens  Piper München

Der Pionier der Ethologie und Neokantianer begründet hier die evolutionäre Er­kenntnistheorie. Epigonen wie Mohr (364), Wuketits (568,569), am geist­reichsten Riedl (423, 424) kreisen seitdem ohne Fortschritt im hermeneuti­schen Zirkel. Gute Wissenskritik, anregende Neoscholastik und Neorenais­sance, (noch) wenig Wissenschaft. Ein weniger nachahmend-homologer, sondern mehr eigenständig-konvergenter Standpunkt bei Maturana und Varela. (344, 344a)

319 K. Lorenz (1974): Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit  Piper München

Auch wenn Lorenz seinen antihumanistischen Biologismus im Alter ein we­nig relativiert, hier kommt er doch wieder durch. Kultur und Zivilisation, ge­rade das explizit und spezifisch Menschliche, ist für ihn über weite Strecken hin­weg die Not, nicht die Tugend. Er nimmt in diesem Buch praktisch alle (richtigen und falschen) Argumente der Ökologiebewegung vorweg.

Lorenz hat Biologie und Erkenntnistheorie entscheidend befruchtet; doch bleibt der Graugansvater trotz weißem Bart und gütiger Diktion bekennen­der Antihumanist: das Menschliche ist für ihn das Verderbte, Kultur ist De­kadenz, Biologie ist Schicksal. Lorenz sieht sich gern als der Unglücksbote, der den ideologisch widerstrebenden Menschlein die objektiv wissenschaftlich erkannte, leider schlechte Nachricht überbringt. Was er verständlicherweise verhehlt: seinerzeit wurde er ebenso objektiv wissenschaftlich und streng rational zum kongenialen Gesinnungsgenossen Hitlers - nicht nur zum Nazi­Liebäugler oder gar nur Mitläufer. (266) Seine Mitarbeiter Bischof müht sich um eine psychologische Erklärung für Lorenz' blinde Flecke.(26)

320 K. Lorenz, P. Leyhausen (1968): Antriebe tierischen und menschli­chen Verhaltens. Gesammelte Abhandlungen  Piper München
321 J. Lovelock (1988): Das Gaia-Prinzip. Die Biographie unseres Plane­ten  Artemis & Winkler Zürich 1991
322 G. Lüdemann (1996): Ketzer. Die andere Seite des frühen Christen­tums. Studienausgabe  Radius Stuttgart

Konservative, um die Kirchenlehre noch erkennbar bemühte historische In­terpretation. Was allerdings Lüdemann als ernstzunehmenden "professor" (=Bekenner) auszeichnet, ist seine unüberhörbar laut an die Kirche herange­tragene Forderung, den jahrhundertalten Fachkonsens historischer Bibelkri­tik homiletisch unverbrämt dem Laienpublikum weiterzugeben, also den his­torisch und kerygmatisch unbequemen, evangelischen Jesus zu verkündigen statt der tröstlichen paulinischen Legende vom leicht erschwinglichen ewigen Leben allein durch den Glauben an irgendeine Form tatsächlicher Auferste­hung (Jesus light). Wenn er der evangelischen Kirche Schizophrenie vorwirft, ist das kaum übertrieben. "Kognitive Dissonanz" ist sicher der rechte Aus­druck: und wie das schrillte!

323 G.Lüdemann (1996): Das Unheilige in der heiligen Schrift. Die andere Seite der Bibel  radius Verlag Stuttgart
324 G.Lüdemann (1998): Der große Betrug. Was Jesus wirklich sagte und tat  zu Klampen, Lüneburg
325 J. Lukacs (1992): Die Geschichte geht weiter. Das Ende des 20. Jahrhunderts und die Wiederkehr des Nationalismus  List München 1994
326 G. Lüling (1981): Die Wiederentdeckung des Propheten Muhammad. Eine Kritik am "christlichen" Abendland  Verlagsbuchhandlung Han­nelore Lüling Erlangen

Wie die Folge-Veröffentlichungen (327) und (328) echte Samisdat-Litera­tur. Lüling ist vermutlich einer der weltweit führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Islamwissenschaft, aber das ist ihm beruflich schlecht bekom­men. Er deckte nämlich die unangenehme Nähe zwischen den feindlichen Brüdern Islam und Christentum auf. So enge Verwandtschaft ist beiden Reli­gionen - allen modernen Lippenbekenntnis zum Trotz - mehr als nur pein­lich. Vgl. Mike Conley (80)

327 G. Lüling (1985): Sprache und archaisches Denken  Verlagsbuchhandlung Han­nelore Lüling Erlangen
328 G. Lüling (1993): Über den Urkoran: Ansätze zur Rekonstruktion vorislamisch-christlicher Strophenlieder im Koran  Verlagsbuchhandlung Han­nelore Lüling Erlangen

328a H. Lüllmann, K. Mohr, M. Wehling (1999): Pharmakologie und Toxi­kologie. Arzneimittelwirkungen verstehen - Medikamente gezielt ein­setzen; 14. komplett überarbeitete u. neu gestaltete Auflage; 1. Aufla­ge begründet von G. Kuschinsky und H. Lüllmann  Georg Thieme Verlag, Stuttgart New York
329 P. Lüth (1983): Der Mensch ist kein Zufall. Umrisse einer modernen Anthropologie  dva Stuttgart
330 H. Lüthy: Die Mathematisierung der Sozialwissenschaften  Verlag der Arche, Zürich
331 Lykken (1968): Statistical Significance in Psychological Research  Psychological Bulletin 70 p151-159
331 F. Mackenzie(o.J.): Dschingis Khan. Der Fürst, der aus der Wüste kam, das größte Reich der Welt gründete und zum Schrecken des Abendlandes wurde  Scherz Verlag Bern
332 L. Marder (1979): Reisen durch die Raum-Zeit; das Zwillingsparado­xon  Vieweg, Braunschweig

Oft zu hören: das Symmetrie-Argument, die berüchtigten relativistischen Zwillinge erlebten relativ zueinander dasselbe, also gebe es keinen realen Ef­fekt. H. Dingle und andere füllten damit ganze Bücher. Auch ich nervte als Schuljunge meine Physiklehrer damit, aber keiner wusste, worin für die Zwil­linge der Unterschied besteht. Heute weiß ich, dass meine Physiklehrer und ich damals "Relativität" falsch verstanden. In den einschlägigen Beispielen gibt es Asymmetrie, und daraus leitet sich das unterschiedliche Verstreichen der Zeit her: ein realer Effekt, heute vielfach praktisch nachgewiesen.

334 M. Mann (1986,1994): Geschichte der Macht. Vom römischen Reich bis zum Vorabend der Industrialisierung  Campus, Frankfurt/M

Der Soziologe Mann nennt vier Quellen der Macht: Verfügung über ökonomische, ideologische, militärische und politische Ressourcen. Ihn interessiert das Christentum nicht aus der marginalen Perspektive der Religionswissen­schaft oder aus klerikalem oder antiklerikalem Interesse, sondern in seiner welthistorischen Rolle. Aus der Einleitung zu Kap. 10 p89f:

"Im späten Römischen Reich [kam es] zu einem 'Wettstreit' zwischen den beiden Konfigurationen ideologischer Macht... Hier die Ideologie [als Ver­stärker] der immanenten Moral der römischen herrschenden Klasse, dort die Ideologie als die transzendente Macht des Christentums - die christliche Ökumene ... insofern eine Neuerung..., als sie extensive und intensive Macht­komponenten zu einer Macht verschmelzen ließ, die eher diffus als autoritativ war und die alle bedeutsameren Klassen jener extensiven Gesellschaft durch­drang. Eine solche, wenn auch partielle Klassentranszendenz war Zwangs­läufig von welthistorischer Bedeutung.

... das dramatische Hervortreten einer mächtigen transzendenten Religion war kein singuläres Ereignis. In den tausend Jahren zwischen der Geburt Buddhas und dem Tod Mohammeds entstanden vier große 'Buchreligionen', die den Erdball noch heute beherrschen: das Christentum, der Hinduismus, der Buddhismus und der Islam ... [Diese Religionen] interessieren sich ... für das Seelenheil des je einzelnen Menschen ..." das ... für alle gleichermaßen zu haben ist.

Die Macht des Christentums [war] ursprünglich in der Konvergenz zwischen der christlichen Botschaft und den Motivationen und Bedürfnissen der Be­kehrten begründet ... [die christliche Botschaft] zu rekonstruieren, ist nicht allzu schwer; ... Die andere Seite der Gleichung, die Bedürfnisse und Motiva­tionen der Bekehrten,... bereitet sehr viel mehr Schwierigkeiten, ist dunkler. Zudem haben die Gelehrten sie über anderen Aspekten der Geschichte des Christentums, die die Geschichte eines großen, ja eines fast unglaublichen Er­folges war, auch schlichtweg vernachlässigt. ... Tatsächlich haben auch die Skeptiker der letzten Jahrhunderte ... die Spuren nicht aufgenommen.... son­dern sie haben die Kirchengeschichte ignoriert und den Klerikern überlas­sen."

335 Thomas Mann (1924): Der Zauberberg  Fischer Frankfurt/M
336 Thomas Mann (1927-1948): Joseph und seine Brüder. Band 1 - 4  Fischer Frankfurt/M

Thomas Mann ist und bleibt ein ganz Großer; aber mir persönlich wäre es lieber gewesen, diesen Roman hätte Lion Feuchtwanger geschrieben; dieser ist historisch und judaistisch wahrscheinlich kompetenter, und vor allem: er ließ sich niemals sprachlich gehen, sondern formuliert bis ins Alter präzise und treffend, wogegen Mann sich in der Joseph-Tetralogie mehr als gut tut MANNierismen und Weitschweifigkeiten hingibt. Oder hat sich kein Lektor mehr getraut? Zu sakrosankt?

337 R.K.Massie (1991):Die Schalen des Zorns. Großbritannien, Deutsch­land und das Heraufziehen des ersten Weltkriegs  Fischer Frankfurt/M
338 P. C. Martin (1985): Cash - Strategie gegen den Crash  Wirtschafts­verlag Langen-Müller/Herbig

Wie sieht ein glühender Anhänger des Kapitalismus unser Wirtschafts- und Finanzsystem? Vgl. auch (482). Martin weist darauf hin, dass die Ökonomen sich bisher noch über keine einheitliche Definition ihres grundlegenden Mediums geeinigt haben: sie wissen nicht, was Geld ist. Martin definiert Geld vor allem als etwas Relatives: Geld sind glaubwürdig übertragbare Schulden, die ein Anonymus seinem Inhaber gegenüber hat.

339 K. Marx: Die mathematischen Manuskripte
340 W.Maser, P. Devrient (1975): Mein Schüler Hitler. Das Tagebuch sei­nes Lehrers Paul Devrient. Bearbeitet und hrsg. v. W. Maser  Ilmgau ­Verlag Pfaffenhofen

Vor dem Reichspräsidenten-Wahlkampf riet Hitlers Arzt aus medizini­schen Gründen zu professioneller Stimmausbildung.Der Fachmann Hitler beugte sich dem widerstrebend; immerhin nannte ihn die TIMES damals schon den größten lebenden Redner! Er sah aber schnell ein, dass er von einem Bühnenprofi mehr lernen konnte als nur Atemtechnik und erwies sich als gelehriger Schüler mit hoher Auffassungs- und Umsetzungsgabe.

Es heißt oft, Hitler hätte in einem visuellen Medium wie dem Fernsehen keine Chance bei den Massen gehabt. Ich halte das für Humbug. Hitler hätte dieses Medium schnell begriffen und für sich zu nutzen gelernt; ein besonderes Indiz dafür ist, dass er auch im kleinem, intimen Kreis hervorragend wirken konnte. Er war dann eben anders als in der Massenversammlung - zur großen Über­raschung seiner Gegenüber übrigens, die einen trampeligen Schreihals erwartet hatten.

341 W.Maser (1976): Adolf Hitler - Mein Kampf: Geschichte - Auszüge -Kommentare
342 W. Maser: Das Ende der Führer-Legende
343 S. F. Mason (1974): Geschichte der Naturwissenschaft  V.f.Ge­schichte der Naturwissenschaften und Technik Stuttgart 1991
344 H.R. Maturana, F.J. Varela (1984): Der Baum der Erkenntnis: Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens  deutsch als Goldmann tb 11460

Maturana und Varela muss man wohl lesen, wenn das Thema "Biologie und Erkenntnis" einen interessiert. Ich brauchte drei Anläufe, um durchzukommen. Vielleicht, weil mich der pädagogisierende Stil so anödete: der unbedarfte Leser wird gluckenhaft behütet vorm jähen Sturz in allseits gähnende Abgründe, während die erleuchteten Autoren ihn betulich zum Gipfel unerhörter Einsicht geleiten.

Man wird das Gefühl nicht los, das sie mit ihrem penetranten Zeigefingerfuchteln Schwachstellen der Argumentation verdecken: sie drücken sich deutlicher aus, als sie denken!

344a H.R. Maturana (1998): Biologie der Realität  suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1502, Suhrkamp, Frankfurt/M
345 R.M. May (1976): Simple Mathematical Models with very Compli­cated Dynamics  Nature 261, 459
346 E. Mayr (1982,1984): Die Entwicklung der biologischen Gedanken­welt. Vielfalt, Evolution und Vererbung  Springer Berlin
347 E. Mayr (1991): ... und Darwin hat doch recht. Charles Darwin, seine Lehre und die moderne Evolutionstheorie  Piper München
348 R. McCormick (1984): Nachtgedanken eines klassischen Physikers  Insel, Frankfurt/M
349 Colleen McCullough (): Credo
350 D. McNeill, P. Freiberger (1993): Fuzzy Logic. Die 'unscharfe' Logik erobert die Technik  Droemer/Knaur TB77202 München

Schönes Beispiel dafür, wie sehr die zu Unrecht als Pragmatiker verschrienen West-Ingenieure längst einem kleinkarierten puritanischen Methodismus ver­fallen sind. Erst viele Jahre, nachdem ihnen die weniger fundamentalistischen Japaner die besten Patente weggeschnappt hatten, begannen sie die Fuzzy-­Methodik ernst zu nehmen.

351 M. McLuhan: Die Gutenberg-Galaxis

McLuhan ist lange außer Mode - warum? Er bietet mehr als "Das Medium ist die Botschaft". Überragend die geschichtliche Betrachtung zum Aufkommen neuer Medien, hier am Exempel des Buchdrucks, welcher buchstäblich ein Universum schuf - die Gutenberg-Galaxis. Die allgemeine Alphabetisierung prägt Denken und Wahrnehmen; wer lesen kann, denkt, sieht und hört anders als der, der nicht kann. Kulturwissenschaftler siedeln diesen Unterscheid eher auf einer "höheren" symbolischen Ebene an; aber nach heutigem Wissen könnte er "tief' in der neurobiologischen Organisa­tion verankert sein. Vor allem die ständig jammernden Kulturpessimisten sollten die in diesem Buch dargelegten fundierten Betrachtungen zur Kennt­nis nehmen, etwa Postman (414), Roszack (430) oder Rehfus (420).

352 M. McLuhan: Die magischen Kanäle: Understanding Media.

Wie recht doch MacLuhan in den fünfziger Jahren hatte, zeigt sich erst heute langsam. Was McLuhan für die neuen elektronischen Medien untersuchte, studiert Turkle für den noch nicht zu Ende erfundenen Computer (513). Sehr lehrreich dazu auch (467).

353 L. Mecacci (1984): Das einzigartige Gehirn. Über den Zusammen­hang von Hirnstruktur und Individualität  Campus Frankfurt/M
354 Meehl (1967): Theory Testing in Psychology and Physics: a Me­thodological Approach  Philosophy of Science 34 p103-115
355 I. Meichsner (1996): Die Seele verschütteln - Wieso wirkt Homöopathie? Wissenschaftliche Erklärungen einer verfemten Wis­senschaft  DIE WOCHE 4.10.96
356 H. Mertens, S. Richter Hrsg. (1980): Naturwissenschaft, Technik und NS-Ideologie. Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte des Dritten Rei­ches  Suhrkamp Frankfurt/M tb wissenschaft 303
357 G. Mensching (1992): Das Allgemeine und das Besondere. Der Ursprung des modernen Denkens im Mittelalter  Metzler Stuttgart
358 H. Meschkowski (1984): Was wir wirklich wissen. Die exakten Wissenschaften und ihr Beitrag zur Erkenntnis  Piper

Allgemeinverständlich, lesenswert. Die Tragweite der Mathematik. Keine hohen Ansprüche an mathematisches Verständnis; Schreckhafte können rein Mathematisches "diagonal" lesen, ohne dass der Gedanken­gang dadurch ins Stolpern gerät. Grenzen und Chancen mathematischer Forma­lisierung. Die offenen Wunden der Mathematik als Ansatzpunkt der exakten Fantasie. Leider übergeht Meschkowski einige wichtige chaostheoretische Punkte; er meint, "Chaos" fuße immer auf Kompliziertheit (pp 139-141). Zur Ergänzung lies. (135)

359 A. Messiah (1976): Quantenmechanik. Band 1. deutsch bei de Gruyter,  Berlin

Gut aufgebautes Standard-Lehrbuch. Setzt nicht zuviel physikalische Vorbil­dung voraus.

360 J. Meya, H.0. Sibum (1987): Das fünfte Element. Wirkungen und Deutungen der Elektrizität  rororo Sachbuch, Hamburg

Schöne, sehr lehrreiche Fallstudie zu Wissenschaftsgeschichte und Wissens­soziologie.

361 T. Meyer (1989): Fundamentalismus. Aufstand gegen die Moderne.  rowohlt

Lesenswert; doch Wichtiges erschließt sich nur einfühlender orthogonaler Deutung. Den virulentesten Fundamentalismus übergeht Meyer: den szien­tistisch verbogenen Rationalismus und seine Immunisierungsstrategien, denn er scheint ihm verfallen.

Einige Modernitäts-Rebellen schimpft Meyer nur darum fundamentalistisch, weil er sie nicht widerlegen kann. "Ich kann dich nicht widerlegen, du musst Unrecht haben" - eine seltsame, aber typische Denkfigur. In ihrer Festung heben sie den Finger und definieren: "Hier ist draußen! ". Dann tappen sie fal­sifikationistisch an der Mauer entlang und werfen dem Gegenüber vor, er lebe in einem geschlossenen Weltbild.

Viele halbherzige Widerlegungsversuche scheitern an methodischer oder hysterischer Blindheit. Wagten sie nur hinzuschauen, statt sich im schlechten, doch vertrauten Wissen einzugraben! Sie fordern Argumentation heraus nicht um der Wahrheit willen, sondern zwecks Rettung des schütteren Welt­bildes vor dem Angstgegner, nach dem Motto: säge solange an den Nerven des Gegners, bis der den Diskurs verächtlich abbricht, bleibe so im Recht und behalt' deine Ruh'.

'Man wird zu dem, was man bekämpft!' sei das Koan des Polemikers. Darum we­ise die Herausforderung ideologischer Angstbeißer ab, wenn du nur harmlose Windmühle bist und kein bedrohlicher Riese! Es lohnt nicht.

362 Gustav Meyrink (1916,1989): Das grüne Gesicht  Bauer Freiburg

Alles Wissenswerte über Esoterik, Okkultismus, Spiritismus und Spiritualität und womit das alles zu tun hat und womit nicht.

363 Walter M. Miller (1959): Lobgesang für Leibowitz  Heyne München 06149

Klassischer Vertreter des Lange-nach-dem-Atomkrieg-Genres. Postmittelalterliche Mönche rekonstruieren aus Reliquien wie dem "Schaltplan des Hl. Leibowitz" und eigenen Experimenten die moderne Wissen­schaft. Bis zum nächsten Atomkrieg.

364 H. Mohr (1990): Die biologischen Grenzen des Menschen  in (226)

Ein ganz harter Bursche versucht sich an einem ganz weichen Thema und kleckert sich ziemlich voll.

365 J. Monod (1971): Zufall und Notwendigkeit. Philosophische Fragen der modernen Biologie  Piper München

Vor flachem Existenzialismus modisch inszenierte Biologie. Der Astrophy­siker Arthur Eddington bringts lapidarer auf den Punkt: "Infolge einer winzigen Störung der Maschine - völlig belanglos für die Entwicklung des Weltalls - wurden aus dem Sternenstoff, der seinem Schicksal versehentlich entging, einige Stück­chen Materie von falscher Größe gebildet. Ihnen ermangelte der reinigende Schutz einer hohen Temperatur oder der gleich wirkende ungeheuren Kälte des Raumes. Der Mensch ist eines der grauenvollsten Ergebnisse dieses Ver­sagens der antiseptischen Vorsichtsmaßnahmen."

Inhaltlich erbringt Monod die Kapitulation des modernen Darwinismus: Leben sei einmaliger Zufall. In Millionen Universen passiere das nie wieder. Da könnte die Welt inklusive TOTALER ERINNERUNG an kindliche Höllenängste, stürmische Herbstnächte, Frühstücks-Weicheier und rückgratlos opportunistischer Ersatzreligionen ebenso unwahrscheinlich vor 23 Sekunden aus einem riesigen Klumpen Erd­beermarmelade entstanden sein. Neben dem Zufall sei dann allerdings auch ein Stück Notwendigkeit dahergekommen - weil, wir sind Wissenschaftler.

Morowitz (366) weist darauf hin, dass Neodarwinist und Kreationist der Wunsch eine, nicht am Fundament zu rütteln. So wisse der Kreationist Morris ganz genau, "was die zukünftige Naturwissenschaft nicht tun wird: 'Aus der Biochemie und der Untersuchung der irdischen Umwelt lässt sich der Ur­sprung des Lebens unter keinen Umständen erklären.' Das kommt nahe an Monods Behauptung heran, die Biosphäre sein ein einmaliges, aus den ersten Prinzipien nicht ableitbares Ergebnis. Die Erzfeinde [kommen] zum selben Ergebnis"(366): Die Erklärung des Lebens sei prinzipiell undenkbar. Auf der einen Denkverbotstafel steht DAS WAR ZUFALL! auf der anderen DAS WAR GOTT!

Erst in den 90ern des vorigen Jahrhunderts begann die Biologie zögernd, Al­ternativen zu diesem wissenschaftlichen Holzweg zu ventilieren. (271)

365a M. Moore (2002): Stupid White Men. Eine Abrechnung mit dem Amerika unter George W. Bush  Piper München

Moore bat die UN, Blauhelme nach Washington zu entsenden. Alle Freunde Amerikas schließen sich dieser humanitären Forderung an. Der Verlag merkt an:"Der amerikanische Text wurde vor dem 11. September 2001 abgeschlossen". Sollte spätestens ab George "Dubja" Bushs durchgeknallten Golfkriegstreibereien Pflichtlektüre der freien Welt sein: Ohne Widerpart driftet Amerikas Führung ins Wahnhafte. Das musste ja so kommen.

366 H. J. Morowitz (1987,1988): Die Schöpfung ist kein Zufall. Eine neue Naturgeschichte unseres Planeten  Econ Düsseldorf

Der Molekularphysiker und Biochemiker Morowitz gibt eine interdiszipli­näre Antwort auf Monod (365) und die Kreationisten.

"Monod bestreitet den Zweck nicht rein methodologisch, sondern geht da­rüber hinaus und kennzeichnet jeden Versuch, in der naturwissenschaftlichen Untersuchung des Universums einen Sinn zu finden, als Animismus. Diese gewollte Herabsetzung ... zeigt, wie tief er Menschen verachtet, die sich mit seiner Philosophie nicht einverstanden erklären. Damit richtet er sein schwe­res Geschütz in einem tückischen und gehässigen Angriff gegen Teilhard (495)... In seinem letzten Versuch, Menschen davon zu überzeugen, dass das Universum keinen Zweck verfolgt, behauptet Monod, alles, was wir in der le­benden Welt sehen, sei zufällig entstanden und das Auftreten von Leben lasse sich nach den Gesetzen der Physik nicht voraussagen... Die Theorie der Nicht-Gleichgewichts-Thermodynamik (408,410), der dissipativen Struktu­ren (407,271), der Synergetik (207) und anderer Theorien selbstorganisie­render Systeme [waren noch nicht] formuliert ..., als Monod seine Monografie verfasste... So sehr lag ihm daran, alles als das Ergebnis des Zufalls dar­zustellen, dass er die Vorsicht in den Wind schlug, die einen Naturwis­senschaftler üblicherweise davon abhält, Vorhersagen machen, wozu die spätere Wissenschaft imstande sein wird. "

367 H. Mosell (1974): Sprache im Computer - ein Weg zur Gesellschafts­analyse? Eine Untersuchung der Möglichkeiten automatischer In­haltsanalyse anhand der Wahlhirtenbriefe des deutschen Episkopats seit 1945  Wiss. Buchges. Darmstadt

Im Wesentlichen ein Bericht darüber, wieso die Analyse nicht zustandekam, noch mit Ausrede mangelnder Mittel - trotz schrittweiser Reduktion des Projektumfangs. Solche ehrgeizigen Ziele wurden später gar nicht mehr erst angegangen.

368 W. Mückenheim (1983): Das EPR-Paradoxon und die Unbestimmt­heit der Realität  Phys. Bi. 39 p331-336

Welche Konsequenzen ist ein halbes Jahrhundert nach Aufstellung des EPR-Paradoxons zu ziehen? Vgl. (2, 95,129,461,572)

333 S.Müller-Markus (1986): Der Gott der Physiker  Birkhäuser, Basel

Die Gründer unseres wissenschaftlichen Weltbildes waren theologisch moti­viert, und bis heute wird die Physik von Glaubenssätzen geleitet.

Aber auch verleitet. Dies schließt der Autor für die Neuzeit aus und versucht, uns zu verführen, diese Glaubenssätze seien absolut wahr. Er leitet so allen Ernstes die Existenz Gottes ab.

Anzumelden sind schärfste Bedenken gegen ein solches Projekt - überragend arti­kuliert in (284) und (515). Den erfolgreichen Modellen der Physik korrespon­dieren bestimmt Aspekte der irdischen Wirklichkeit; sie sind darum aber keine göttliche Wahrheiten. Dies zu glauben ist Hybris, wissenschaftlich un­fruchtbar und theologisch gesehen Sünde, nämlich ein Verstoß gegen das 2. Gebot, welches in moderner Sprache lautet: Bete kein von Menschen gemach­tes Bild der Wirklichkeit an! →A4

Der neuerliche, wissenschaftlich begründete Verstoß gegen dieses Gebot führt zu einer neuen Inquisition (561), mit allen unerfreulichen Begleiter­scheinungen.

369 L. Mumford (1956,1981): Hoffnung oder Barbarei - Die Verwandlun­gen des Menschen  Eichbom Frankfurt/M

Die "künstliche Blockierung des Weges der Menschheit kann überwunden werden. Dass der Lebensstil des sogenannten zivilisierten Menschen die ungeheuren Möglichkeiten, die ihm bereits erschlossen sind, noch nicht widerspiegelt, hat seinen Grund darin, dass seine 'expansive Wirtschaft', die auf Verschwendung und Krieg basiert, nur zwei Endprodukte kennt, Abfallhau­fen und Stadtruinen. Wir werden nicht eher in den vollen Genuss unserer menschlichen Erbschaft treten, bis wir die Pläne und Ziele unseres Lebens in uns selber suchen, anstatt sie uns, wie bisher, von der Maschine diktieren zu lassen."

370 L. Mumford (1967,1970): Mythos der Maschine: Kultur, Technik und Macht  Europaverlag

Eines meiner dicksten Lieblingsbücher!

371 Robert Musil (): Der Mann ohne Eigenschaften. 2 Bände  Rowohlt Ham­burg 1981

Noch eines meiner dicksten Lieblingsbücher!

372 Sten Nadolny (1994): Ein Gott der Frechheit  Piper München
372a S. Nasar (1998): Genie und Wahnsinn. Das Leben des genialen Mathematikers John Nash: 'A Beautiful Mind'  Piper München 2002 3674
373 W. J. H. Nauta, M. Feirtag (1986): Neuroanatomie. Eine Einführung  Spektrum der Wissenschaft Heidelberg 1990
374 V. F. Nekrassow (1991): Berija - Henker in Stalins Diensten. Ende einer Karriere  Bechtermünz Augsburg 1997
375 T. Nipperdey (1992): Deutsche Geschichte 1866-1918 Band 11 Machtstaat vor der Demokratie  Beck Münschen
376 E. Nolde: Der Faschismus in seiner Epoche
377 T. Nørretranders (1991): Spüre die Welt! Die Wissenschaft des Bewusstseins  Rowohlt Taschenbuch Reinbek 1997 rororo 60251

Das lesbarste, informativste und aktuellste Buch über 'Geist und Gehirn', das ich kenne, und ich kenne Hunderte. Gut verständlich für mutige Leser auch ohne physikalische Vorkenntnisse. Im Zentrum steht die Unweiterführbarkeit des egozentrischen Zeitalters.

Nørretanders hält den verdrehten Mythen des Informationszeitalters entgegen: je mehr Daten wir wegwerfen, umso wertvoller die verbleibende Information.

Leider huldigt der Autor bei diesem verdienstvollen Unternehmen Claude Shannons exkulpierenden Verschleierungen, und versteht Information als et­was objektiv Gegebenes, von Bedeutung Unabhängiges, was es aber dem Techniker ganz unmöglich machen würde, die erforderlichen Kapazitäten zu berechnen und danach die Dicke der Telefonkabel zu bestimmen.

Meistens ist in diesem Buch statt 'Information' 'Daten' oder 'Informationskapazität' zu lesen, denn dies sind die objektiv definierten Größen, wogegen der shannonsche Informationsbegriff Bedeutung einschließt. Schade. Würde man die Techniker konsequent bei ihren Formeln nehmen, bekäme der Angriff auf die grassierende Informations­scharlatanerie richtig Biss. Vgl. (430)

377a T. Nørretranders (2004): Homo Generosus. Warum wir Schönes lieben und Gutes tun.  Rowohlt, Reinbek 1997

Und warum der Homo Oeconomicus, das Menschenbild des Kapitalismus, eine ideologische Verzerrung der Natur des Menschen ist, weder mit den Befunden der Evolutionsbiologie noch der Humanethologie verträglich. Und warum Darwins zweites Buch erst in allerjüngster Zeit ernstgenommen wird.

378 E. Oeser (1987): Psychozoikum. Evolution und Mechanismus der menschlichen Erkenntnisfähigkeit  Paul Parey Berlin

Wissenschaftstheoretiker und Philosoph Oeser, Mitglied im 'Altenburger Kreis', versucht eine Gesamtdarstellung der evolutionären Erkenntnistheo­rie. (318,424,569) "Die Rückanwendung der naturwissenschaftlichen Er­kenntnis auf die Erkenntnistheorie, die erst mit dem Auftreten der Evolutionstheorie gerechtfertigt war, [ermöglicht] einen neuen Zugang zu alten Problemen..., den es vorher nicht gegeben hat und der auch nicht mehr rückgängig zu machen ist. Das aber bedeutet, dass die gesamte Philosophie nach dem Auftreten der Evolutionstheorie niemals mehr sein kann, was sie vorher war. Das betrifft alle Probleme und Grundbegriffe der Philosophie, nicht nur die erkenntnistheoretischen, sondern auch die praktischen Probleme der Moral und Ethik."

Wohl wahr, doch will Oeser dem "Zirkelverdacht" entgehen durch "strikte Darstellungsweise der evolutionären Erkenntnistheorie als einer zweistufi­gen Theorie", und beansprucht nicht weniger, als könne er biologisch Ererb­tes methodisch klar trennen vom kulturell Tradierten. Spätestens bei diesem misslungenen Fluchtversuch aus dem hermeneutischen Zirkel sollten die Philosophen hellwach werden und den schweren Verdacht der biologistischen Immunisierung erheben, und auch Biologenfreund Riedl würde vielleicht ge­wisse Bedenken anmelden. (423p155)

378a G. Ogger (1999): Macher im Machtrausch. Deutschlands Manager auf gefährlichem Kurs  Droemer München

Das ist die Wirtschaft, gegen die auch ein Herr Bundeskanzler nicht regieren kann... Geben wir uns nicht länger der Illusion hin, das Einkommen deutscher Manager sei in der Mehrzahl der Fälle wenigstens noch schwach korreliert mit ihrer Kompetenz.

Der Fisch stinkt halt immer vom Kopf her.

379 K.-H. Ohlig (1974): Jesus, Entwurf zum Menschsein. Überlegungen zu einer Fundamental-Christologie  KBW Verlag Stuttgart
380 C. Orlock (1995): Die innere Uhr. In natürlichen Rhythmen leben  Thieme Stuttgart

Jeder, der mich auch nur ein bisschen kennt, wird mir hier großes Spezialistentum bescheinigen ...

380a C.P. Ortlieb (2001): Mathematische Modelle und Naturerkenntnis  www.math.uni-hamburg.de/home/ortlieb/
381 W. Ostwald(?): Große Männer  Akad.Verlagsanstalt, Leipzig

Die in →A3 eingeführte "katholische" Phase der Wissenschaft geht auf meine Rechnung. Sie ist inspiriert durch die bekannte Religionsgemeinschaft glei­chen Namens (Wissenschaft und Religion sind die beiden Seiten ein und des selben wissenssoziologischen Aggregats). Ostwald nimmt (p371-388) eine zy­klische Typisierung der Protagonisten der Wissenschaft vor; er unterscheidet den romantischen und der klassischen Typus.

381a D. Ovason (1997): Der Nostradamus-Code. Der Schlüssel zu den Prophezeiungen des großen Sehers  Heyne München

Meine Empfehlung für die, die sich mit Nostradamus beschäftigen wollen. Große Anforderungen an die intellektuelle Geduld!

381b E. Pagels (2003): Das Geheimnis des fünften Evangeliums. Warum die Bibel nur die halbe Wahrheit sagt.  dtv 2006

Konsequenzen der Funde von Nag Hammadi für die Literargeschichte des Neuen Testaments. Das - obsiegende - Johannis-Evangelium als Gegenschrift zum Thomasevangelium: Gottmensch versus Prophet Jesus, Erlösung nur über Christus versus über die Entdeckung der eigenen Göttlichkeit.

382 B.Pascal (1977): Pensées I,II; édition présentée, établie et annotée par Michel Le Guern  Gallimard Paris
383 C. Paglia (1992): Sexualität und Gewalt oder: Natur und Kunst  Deutscher Taschenbuchverlag München 1996 dtv8333

Camille Paglias atemberaubend schwanzlutschendes Manifest des sexualkulturellen Manichäis­mus oder: Schwanzträger sind die wahren Kulturträger.

384 A. Pais (1982): 'Raffiniert ist der Herrgott...': Albert Einstein. Eine wissenschaftliche Biographie  Vieweg Braunschweig 1986

Klassische Biographie mit einer detaillierten Nachzeichnung der physikali­schen Wege und Irrwege Einsteins. Der nichtmathematische Teil ist auch für Laien interessant.

385 D.L. Parnas (1987): Warum ich an SDI nicht mitarbeite: Eine Auffas­sung beruflicher Verantwortung  Informatik-Spektrum (1987)10:3-10

Nicht aus Pazifismus, sondern weil er nicht verantworten wollte, für teures Geld absehbaren Mist zu liefern. Sowas gibts auch nur in den U.S. of A.; bei uns wird eisern kassiert und flauschig berichtet. Verantwortung? Bist du verrückt, solang' die Kohle rüberschieben!

386 L.Pauwels, J. Bergier (1962): Aufbruch ins dritte Jahrtausend  Bern
387 W. Pauli (1955-1958): Physik und Erkenntnistheorie. Mit einleiten­den Bemerkungen von Karl von Meyenn  unv. Nachdruck bei Vieweg, Braunschweig 1984

von Meyenn: "Max von Laue bezeichnete Wolfgang Pauli einst als einen der größten Physiker des zwanzigsten Jahrhunderts, und Albert Einstein sprach von seinem geistigen Nachfolger, als der Nobelpreis für das Jahr 1945 an Pauli verliehen wurde. Ein Leben lang hatte Pauli wie kaum ein anderer stets an der Front der Forschung gestanden und die Physik durch seine Ideen belebt."

Einem weiten Kreis dürfte Pauli durch sein "Ausschließungs-Prinzip" bekannt sein; unter Göttinger Physikern zirkuliert noch der Pauli-Effekt (418). So gut wie niemand kennt die erkenntnistheoreti­schen und philosophischen Arbeiten, obwohl die viel spannender sind als die vor klassischer Bildung nur so strotzenden heisenbergschen Erörterungen. Wo "Der Teil und das Ganze" steht, gehört dieser schmale, unscheinbare Paperback daneben. Pflichtlektüre für jeden, der Grundkenntnisse der Physik vor­schützen will!

388 W. Pauli (1954): Naturwissenschaftliche und erkenntnistheoretische Aspekte der Ideen vom Unbewussten  in (387pp113-128)

Pauli verfasste mit Jung den halbberühmten Artikel "Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge" (264). Hier ein weiteren Beitrag zur jungschen Archetypenlehre.

389 R. Payne (1965): Stalin. Macht und Tyrannei  Heyne München SACHBUCH 19/412
390 F.D. Peat (1987): Synchronizität - Die verborgene Ordnung. Das sinnvolle Zusammentreffen kausal nicht verbundener Geschehnisse - und die moderne Wissenschaft auf der Suche nach dem zeitlosen universalen Ordungsprinzip jenseits von Zufall und Notwendigkeit.

Peat bietet keine Erklärung, auch kein Erklärungsmodell, sondern versucht, das Phänomen vor der geltenden vulgärmaterialistischen Wissenschaftsreli­gion zu retten. Er weist nach, dass und wie dieser fundamentalistische Szien­tismus mit dem eigentlichen naturwissenschaftlichen Anspruch und mit naturwissenschaftlichen Ergebnissen kollidiert. Plädoyer gegen Monismus und für Pluralismus der Methoden und Erklärungsebenen.

391 F. D. Peat (1988): Superstrings - Kosmische Fäden. Die Suche nach der Theorie, die alles erklärt  Hoffmann und Campe, Hamburg

Gut verständlicher Wegweiser zur vordersten Front der Grundlagenphysik.

392 N. Pennick (1988): Spiele der Götter. Ursprünge der Weissagung  Walter Freiburg 1992
393 R. Penrose (1989): Computerdenken. Des Kaisers neue Kleider oder Die Debatte um Künstliche Intelligenz, Bewusstsein und die Gesetze der Physik  Spektrum der Wissenschaft Heidelberg

Der Originaltitel The Emperors New Mind triffts besser.

Penrose kritisiert algorithmische Deutungen des Bewusstseins längs vieler Argumentationslinien: der menschliche Geist sei etwas prinzipiell anderes als Software in einem Computer. Eine gut ausgebaute Gegenposition zu Hof­stadter. (241) Pflichtlektüre für Wissenschaftsinteressierte - für den Fach­mann und für den Laien!

Penrose entschuldigt sich dafür, Formeln in den Text einzuführen, die man getrost übergehen könne. Besser als panische Formelfreiheit. Lektüre nicht immer ganz einfach; manchmal verfällt Penrose in seinen Jargon oder reitet ein Hobby, aber auch da lohnt die Investition geistiger Arbeit.

Penrose verwirft die auch unter ordentlichen Theoretikern gängigen spekulativen Interpretationen der Quantenmechanik und präsentiert ein physikalisch robustes Modell zur Reduktion des Wellenfunktion ohne Mitwirkung des Bewusstseins und erlöst so endlich Schrödingers Katze.

Er zeigt, wie neuronale Vorgängen in entscheidender Weise der Quantenkohärenz unterliegen können und skizziert eine "Physik des Geistes" mit quantenmechanischen Modellansätzen für bisher systematisch übersehene physikalische Felder, die von der Anordnung der beteiligten Elemente abhängen, und nicht vom raum­zeitlichen Abstand.

Ein Schelm, wer hier ein mögliches physikalisches Korrelat zu Sheldrakes berüchtigten morphischen Feldern sieht! (468)

394 R. Penrose (1994): Die Schatten des Geistes. Wege zu einer neuen Physik des Bewußtseins  Spektrum Heidelberg 1995
395 N. Perrin (1972): Was lehrte Jesus wirklich? Rekonstruktion und Deu­tung.  Vandenhoeck & Rupprecht Göttingen
396 G. Pfirrmann (1994): Die Nazareth-Tafel. Das letzte Rätsel der Jünger Jesu  Herbig. München

Der reißerische Titel zielt auf den Jesus-Enthüllungsmarkt. Aber Pfirrman bietet keine sensationellen Offenbarungen, sondern eine Geschichte der Jesus-Bewegung, auf die sich das spätere Christentum beruft. Neuere Forschungsergebnisse werden einbezo­gen, um die verschiedenen Entstehungslinien des Christentums nachzuzeich­nen: Zarathustra, Essener, Nazoräer (bedeutet um die Zeitenwende herum etwa dasselbe wie heute 'Esoteriker'), die Johannesbewegung, die Gnostiker und die di­versen Mysterienreligionen (etwa Mithras- und Attiskult).

Akademische Historiker verkennen notorisch die wirkliche Geschichtsmacht des Christentums, und die Theologen sind ideologisch oder anti-ideologisch ge­bunden. Die wenigen Aufrechten sind leicht totzuschwiegen (z.B. Hermann Detering, Günter Lüling, Werner Martin). Pfirrmann ist Journalist und Filmemacher mit Interesse an Philosophie- und Religionsgeschichte. Das kommt dem kenntnisreichen und lesbaren Werk zugute; es zeigt weder klerikale noch antiklerikale Tendenzen, sondern ist schlicht der historischen Wahrheit verpflichtet. Allerdings bringt er viel Material, das sich gut zu dem des Antiklerikers Deschner (106) und zu Lehmanns Klassiker (305) fügt.

397 J. Piaget (1926, 1978): Das Weltbild des Kindes  Klett-Cotta Stuttgart
397a J. Pilger (2004): Bewegliche Ziele. Über den modernen Imperialismus  2001 Frankfurt/M

Pflichtlektüre, wenn man die Zeitgeschichte halbwegs nachvollziehen oder gar verstehen will.

398 S. Pinker (1997): Wie das Denken im Kopf entsteht  Kindler München 1998

Ein Kognitionswissenschaftler, Kognitivist und engagierter Apologet eines extrem mechanistischen Fundamentalismus.

398a P. Piolino, B. Desgranges und F. Eustache (2002): Wenn die Vergangenheit verschwindet. Aus der Erforschung schwerer Erinnerungs­störungen geht hervor, wie unser autobiografisches Gedächtnis funktionieren könnte. Sein Verlust macht Zeitreisen durch die per­sönliche Vergangenheit unmöglich.  Spektrum der Wissenschaft Spe­zial "Gedächtnis" 112002
399 Robert M. Pirsig (1974,1978): Zen und die Kunst ein Motorrad zu war­ten. Ein Versuch über Werte  Fischer, Frankfurt/M

Ein Brückenschlag zwischen naturwissenschaftlich-technischer und geisteswissenschaftlicher Kultur, über den immer bedrohlicher gähnenden Abgrund des "durch die Wissenschaft verursachten wissenschaftsfeindlichen Chaos": "Die Ursache unserer gegenwärtigen sozialen Krise ... ist ein genetischer De­fekt in der Natur der Rationalität. Und solange dieser genetische Defekt nicht beseitigt ist, werden die Krisen andauern. Unsere gegenwärtigen rationalen Denkweisen bringen die Gesellschaft nicht weiter, einer besseren Welt entge­gen. Seit der Renaissance sind diese Denkweisen in Gebrauch. Solange das Bedürfnis nach Nahrung, Kleidung und Unterkunft im Vordergrund stehen, werden sie auch künftig Anwendung finden. Aber nun, da für große Teile der Menschheit diese Bedürfnisse nicht mehr alle anderen überwiegen, ist die ganze Struktur der Rationalität, wie sie alter Zeit auf uns gekommen ist, nicht mehr angemessen."

400 A. Plack: Die Gesellschaft und das Böse
401 M. Planck (1923,1933,1975,1994): Kausalgesetz und Willensfreiheit in (530) und M. Planck Vorträge und Erinnerungen  Wiss. Buchges., 10. Aufl Darmstadt 1933
402 C.L. Playfair, S. Hill (1979): Die Zyklen des Himmels. Die kosmischen Kräfte und wir  Paul Zsolnay
403 M. Pohlen, M. Bautz-Holzherr (1995): Psychoanalyse - Das Ende einer Deutungsmacht  Rowohlt Frankfurt/M rororo2290
404 U.Pörksen (1989): Plastikwörter -Die Sprache einer internationalen Diktatur  Klett-Cotta, Stuttgart
404a W. Poundstone (1988): Im Labyrinth des Denkens. Wenn Logik nicht weiterkommt: Paradoxien, Zwickmühlen und die Hinfälligkeit unseres Denkens  rororo reinbek bei Hamburg 2002

Rationalitätskritik tut nach wie vor Not; hier aber ist hauptsächlich von der "Hinfälligkeit" der Erkenntnistheorie des sterbenden 20. Jahrhunderts die Rede, die selber gerne als "Bestätigungstheorie" firmiert. Viele der aufgeführten "Paradoxien" sind eher Beispiele schlampigen und laienhaften Denkens, ignorant gegenüber bereits im 19. Jahrhundert erreichten diversen Erkenntnisständen. Ärgerlich.

404a R. Prätorius (2003): In God We Trust: Religion und Politik in den USA  Beck, München
405 G. Prause (1986): Niemand hat Kolumbus ausgelacht. Fälschungen und Legenden der Geschichte richtiggestellt  dtv Geschichte, München

Kolumbus war und blieb im Unrecht, denn er ging von einem viel zu kleinen Erdradius aus. Die Gegner rechneten ihm vor, wie unrealistisch lang der west­liche Seeweg nach Indien ist. Läg nicht da, wo Kolumbus Indien erwartet, zufällig Amerika, wär's ihm schlecht ergangen. Sein Lebtag lang hielt Kolumbus Kuba für eine chinesische Halbinsel. Als Scheibe sah damals niemand die Erde; diese These wurde seit der Antike unter Gebildeten nicht mehr ver­treten.

Ähnlich widerlegt Prause die Legende vom "Märtyrer" Galilei. Artikel in der ZEIT stießen seinerzeit auf gewaltige Empörung ob dieses ketzerischen Angriffs auf den Gründungshelden der Naturwissenschaften; die ungewöhnliche Resonanz wurde zum Anlass zur Abfassung von (44).

406 H.D.Preuß,K.Berger (1993): Bibelkunde des Alten und Neuen Testa­ments  Quelle & Meyer Heidelberg UTB 887, UTB 972
407 K.H.Pribram (1977): The Languages of the Brain  Wadsworth Publishing, Monterey, U.S.A.

Rufer in der Wüste - gegen die Neuro-Algorithmiker und Zell-Kardinäle -nur echt mit der Großmutter-Zelle®. Holografischer Ansatz zur Erklärung der Hirnfunktion. Bleibt zu sehr im Theoretischen stecken, wenig Berührung mit neurophysikalischer Realität - vgl. Definition p20. Heute eröffnet sich eine Möglichkeit, solche Ansatzgründe mit neuronalen Netzen abzufischen; weil da etwas mehr Gelder fließen, gehts langsam meist voran; vgl. (524).

Spektakuläre Ergebnisse gibt es inzwischen auf dem Gebiet der optischen Erkennung von Gesichtern - ein Problem, das sich algorithmischer Programmierung hartnäckig verschließt. (von der Malsburg, Ruhruniversität Bochum).

408 I. Prigogine (1979): Vom Sein zum Werden. Zeit und Komplexität in den Naturwissenschaften  Piper München

Prigogine betrachtet offene Systeme fern vom thermodynamischen Gleichgewicht, die von ihm so genannten "dissipativen Systeme", die ständig von Energie aus einer externen Quelle durchströmt werden. Unter Umständen entwickeln solche Systeme durch "Selbstorganisation" Ordnungsmuster, und die Entro­pie nimmt ab. Dies steht nicht im Gegensatz zum zweiten Hauptsatz der Ther­modynamik, wonach in adiabatischen oder isothermischen Systemen die Entropie immer zu - und die Ordnung abnimmt, weil es sich hier um offene Systeme handelt.

Das Leben verletzt also keine physikalischen Gesetze, wie man manchmal immer noch zu lesen bekommt. Die Theorie der dissipativen Systeme ist ein Schritt auf dem langen Weg zu einer wissenschaftli­chen Theorie der präbiotischen Evolution. Siehe auch (84,85,86,128,207,295).

409 I.Prigogine,I.Stengers (1981): Dialog mit der Natur - Neue Wege naturwissenschaftlichen Denkens  Piper München

Gutes Beispiel für konstruktive neoscholastische Spekulationen, die (vielleicht, vielleicht) ein radikales Neudurchdenken alter Dogmen vorbereiten.

Philosophie über "Aktionen eines Ganzen" satt, aber wenig Erhellendes über das zugrundezulegende Wirkungsgefüge: was ist Postulat, was ist akzeptierte Physik, was ist Metaphysik? Dem Leser. der über dissispative Prozesse nichts weiß, erscheint alles reichlich weit hergeholt. Viele Gedanken sind wegen ihrer unvermittelten Abstraktheit weder für den Laien noch den Fachmann nachvollziehbar. Man halte sich be­sser an das folgende Werk der Autoren! (410)

410 I. Prigogine, I. Stengers (1993): Das Paradox der Zeit. Zeit, Chaos und Quanten  Piper München

"In der herkömmlichen Formulierung der Naturgesetze kommen Ereignisse ... nicht vor. Trajektorien und Wellenfunktionen haben kein Anfang und kein Ende."

"Die Formulierung der großen zeitlich symmetrischen Naturgesetze schien [das] Streben [nach Verständlichkeit] zu befriedigen, allerdings um einen enormen Preis - eine grundlegende Kluft zwischen den Menschen und der ­Welt, die die Menschen zu beschreiben und zu verstehen lernten. Die Kluft zwischen einem Universum, das als ein Automat beschrieben wird, und den Menschen mit seiner Geschichte und Kreativität ist durch nichts zu über­brücken. "

"Ein beträchtlicher Teil der wissenschaftlichen Gemeinschaft hat sich ... die neuen Perspektiven, welche die Physik des Nichtgleichgewichts eröffnet, noch nicht zu eigen gemacht."

411 H. Primas und W.Gans (1979): Quantenmechanik, Biologie und Theoriereduktion  in: B. Kanitscheider Hrsg., Materie - Leben - Geist. Zum Problem der Reduktion der Wissenschaften. Duncker und Humblot, Berlin 1979

Allgemeinverständlich, aber hörbar an die lieben Fachkollegen gerichtet. Philosophisches Wörterbuch oder gutes Fremdwörterlexikon empfohlen.

412 K. Popper (1934): Logik der Forschung Tübingen  1966

Der Wissenschaftshistoriker Fölsing: (150p541) "Man wird Popper wohl kein allzu großes Unrecht tun, wenn man seine 1934 veröffentlichte Logik der Forschung als eine lange und komplizierte Fußnote zur der 'kleinen, objektiven und leidenschaftslosen Betrachtung' Einsteins aus dem Jahre 1919 versteht", nämlich Einsteins Weihnachtsbeilagen-Beitrag Induktion und Deduktion in der Physik, Berliner Tageblatt, 25.12.1919, 4. Beiblatt Seite 1

413 K. Popper, J. C. Eccles (1982): Das Ich und sein Gehirn  Piper München

Der Papst des kritischen Rationalismus und der Doyen der Neurowissen­schaften zeigen sich beide überzeugt, dass Materie und Psyche in getrennten, jedoch über bestimmte Gehirnpartien wechselwirkenden Welten residieren ('interaktionistischer Dualismus", Descartes lässt grüßen). Inhalte des Langzeitgedächtnisses, die Seele, das Bewusstsein sind demnach immateriell und bilden eine Wirklichkeit für sich. Eine wegen ihrer ketzerischen Peinlichkeit kaum zur Kenntnis genommene Auffassung. Vgl. (123).

414 N. Postman: Wir amüsieren uns zu Tode

Schrecklicher Tod! Aber es sollen sich auch manche schon zu Tode gejam­mert haben. Fernsehen führt weder zu Analphabetisierung noch zu Gehirner­weichung. Wahrscheinlich guckt Postman nie MTV; da wäre er perzeptiv, ap­perzeptiv und natürlich auch kognitiv überfordert und würde noch viel mehr jammern. Jedes Medium neigt dazu, eine immer dichtere und nur dem Ge­übten verständliche Sprache zu entwickeln, die es voll ausreizt. Video-Clips werden immer rasanter und komplexer - klar, sonst wird es langweilig, und die Kids zappen weg. So steigt ungewollt der Anspruch an Wahrnehmung und Verständnis. Über Reizüberflutung jammert nur, wer nie schwimmen oder surfen gelernt hat. Gemütlich Bücher und Zeitungen lesen ist dagegen das reine Elternspiel! Redet halt wieder mit den Kids, statt das Video zum Sündenbock zu machen! Haltet das Tempo, das hält jung!

Wer sich mehr für die Wirklichkeit interessiert - im Guten wie im Bösen -statt für die Projektionen geistig Zurückbleibender, lese (513) oder (467).

415 N. Postman (1988): Die Verweigerung der Hörigkeit  Fischer Frankfurt/M
416 B. Rambeck (1996): Mythos Tierversuch. Eine wissenschaftliche Untersuchung  2001 Frankfurt/Main
417 H. Rauschning (1940,1973): Gespräche mit Hitler  Europaverlag Wien
418 Reeh (1976): Quantenmechanik, Vorlesung an der Univ. Göttingen

"Das Pauli-Prinzip kennen Sie - aber kennen Sie den Pauli-Effekt?" (betret'nes Schweigen) "Das ist was Experimentelles. Auf die Minute genau, als Pauli auf dem Weg zu Bohr in Kopenhagen mit dem Zug in Göttingen hielt, versagten hier in der Bunsenstraße den Atomphysikern die Geräte. Das nannte man den Pauli-Effekt."

Die Anekdote ist wohl Nachhall kollegialen Spotts über das experimentelle Ungeschick und die späteren okkulte Eskapaden, in denen sich der Säulenheilige der damals noch als "Knabenphysik" verschrienen Quantentheorie ergingen; bei Pauli warens Synchronizität und Archtetypenlehre, über die er mit Jung eine Abhandlung schrieb (264). Der Pauli-Effekt wird übrigens in (494) ganz ernsthaft als Beleg für Telekinese zitiert. Auch ernsthafte Wissenschaftshistoriker pflegen die Sage von des Theoretikers Pauli experimental destruktiven Koinzidenzen.

418a E. Regis (1989): Einstein, Gödel & Co. Genialität und Exzentrik - Die Princeton-Geschichte  Birkhäuser Basel
419 G. Reichel-Dolmatoff (1976): Kosmologie als ökologische Analyse -ein Blick aus dem Regenwald  in (226)
420 W.D. Rehfus (1990): Die Vernunft frißt ihre Kinder. Zeitgeist und Zer­fall des modernen Weltbilds  Hoffmann und Campe

Der professionelle Philosoph Rehfus präsentiert eine gute Material- und Argumentsammlung zur Dialektik der Aufklärung. Starke Polemiken, aber viel Querulanz. Tonfall wechselt: von gemessen ("keine Panik Leute, bloß ein kleiner totaler Untergang") bis zu larmoyant ("oh die Zeiten oh die Sitten, masturbierende Frauen in der Bundeswehr"). Pluralismus als Schimpfwort; mal ist "X-Beliebigkeit" der Vorwurf, dann aber wieder engstirniger Fundamentalismus. Wenn er schimpft, dann wie die Oberlehrer sämtlicher Jahrtausende. Me­dienkritik auf der Linie von Postman; mit McLuhan hat sich der Autor an­scheinend nicht befasst. Auf Frauen und Anthroposophen besonders schlecht zu sprechen.

421 Walter E. Richards (1980): Reiters Westliche Wissenschaft  Diogenes Zürich

"Wissenschaftlich heißt: mach was du willst, dagegen wirst du nichts ausrichten. Es heißt: hier hilft nur glauben. Es heißt: naturwidrig. Es heißt: von kalten Seelen ausgebrütet. Mit Kenntnis oder Unkenntnis hat es nichts zu tun. Es hat zu tun mit dem Vorurteil. Es hat zu tun mit Wünschen und mit Ängsten."

422 J. Rifkin (1987): Uhrwerk Universum. Die Zeit als Grundkonflikt des Menschen  Kindler
423 R. Riedl (1980): Biologie der Erkenntnis. Die stammesgeschichtli­chen Grundlagen der Vernunft  Paul Parey, Berlin

Riedl verspricht die "Lösung ungelöster Grundfragen der Erkenntnis" im "Rahmen der Theorie ihrer Evolution." Für den Kenner nennt er "das Pro­blem der Realität, das Problem des induktiven Schließens, unsere Haltung zu Kausalität, Raum und Zeit, die kantschen Apriori der reinen Vernunft und das Apriori der Zwecke unserer Urteilskraft. Dem Noch-Nicht-Kenner wer­den wir sie sorglich erklären. Diese offenen Fragen haben aber nicht nur die Wissenschaft verunsichert und die biologische Strukturforschung an den Rand des Ruins gebracht. In ihrer Konsequenz haben sie unser Weltbild ge­spalten, von der Antike bis auf den heutigen Tag. Sie haben die Grundlage unseres Wissens und damit uns selber manipulierbar gemacht.

Wir werden also auch den Konsequenzen folgen. Wir werden zeigen, dass Vernunft und Erfahrung, Idee und Realität, Geist und Materie zu Unrecht und zu unserem Schaden gespalten wurden. Und wir werden warnen vor den Fallgruben der Vernunft. Und wir werden warnen vor jenen, die diese mit ih­rer Vernunft gegen jede Vernunft verwenden; gegen die Humanität und ge­gen den Menschen."

Riedl ist emanzipiert vom Biologismus des geistigen Vaters Konrad Lorenz (266, 318). Seine evolutionäre Erkenntnistheorie regt mehr an als die thema­tisch ähnlich engagierten Künstlichen Intelligenzler, Physiker, Linguisten, Wissenschaftstheoretiker oder Philosophen. Denn Biologen kennen viel­leicht Haus-und-Küche und Labor aus eigener Erfahrung - auch wenn sie am Ende wieder in der Bibliothek sitzen, Abt. Altphilologie und kantsche Trans­zendentalphilosophie, und dort wieder reichlich spekulieren.

424 R. Riedl (1985): Die Spaltung des Weltbildes. Biologische Grundla­gen des Erklärens und Verstehens  Paul Parey Berlin

Vertieft (423): Lockerungsübungen und Streifzüge durch die Epistemologie.

424a K. Riggenmann (2002): Kruzifix und Holocaust - Über die erfolg­reichste Gewaltdarstellung der Weltgeschichte  Espresso Berlin
424b N. Rodenbach (1999): Nur zornig ist er echt? Eine dialogische Einführungmin die Jesusforschung  Selbstverlag des Autors Dinslaken

"Alles, was fundamentalistische Fromme schon immer nicht über Jesus wissen wollten." Jochen Hensel, Religionslehrer

425 U. Röseberg (1978): Quantenmechanik und Philosophie  Vieweg Braunschweig

Das Zentralinstitut für Philosophie in der Akademie der Wissenschaften der DDR ist leider abgewickelt. Vielleicht war der dialektische Materialismus als politische Lehre nicht viel wert - als Wissenschaftsphilosophie leistet er Enor­mes: eine konkurrenzlos gut durchdachte Darstellung der Deutungen und Fehldeutungen der Quantenmechanik. Um letztere hat sich der Marxismus hoch verdient gemacht!

425a B. Röthlein (2004): Die Quantenrevolution. Neue Nachrichten aus der Teilchenphysik  dtv Köln

Nur vom Titel her das Buch, das ich einschlägig interessierten Nichtphysiker-Freunden empfehlen kann, ohne Schläge zu riskieren. Zu wenig und zu Unklares über das Neue, und vor allem wieder die abgeschmackten, z.T. von Quantengurus wie Wigner oder Wheeler verschuldeten Unklarheiten über die Rolle des Beobachters oder Schrödingers arme Katze.

Auf die fällige Erlösung dieses metaphysischen Viechs hofft man bei Frau Röthlein vergebens. Denn kein Quantenmechaniker glaubte je ernsthaft, Schrödingers Katze existiere solange als Überlagerung einer toten und einer lebendigen Katze, wie keiner in die Kiste schaut. Die Fachwelt ist sich einig: Die Katze ist zu jedem Zeitpunkt mit Sicherheit entweder völlig lebendig oder völlig tot, egal ob jemand hinschaut oder nicht. Man kann - womöglich prinzipiell - nicht bestimmen, wann der Übergang vom einen in den anderen Zustand erfolgt, aber er findet zu einem objektiven, also beobachterunabhängigen Zeitpunkt statt. Der Quantenfachmann - egal welcher Schule - möge sich melden, der mir hierin nicht zustimmt. Auch in der abgefahrensten Viele-Welten-Interpretation ist der Beobachter nie zu 50% in der Katze-tot-Welt und zu 50% in der Katze-lebt-Welt, sondern immer zu 100% in der einen oder zu 100% in der anderen, mit objektivem Übergang, unabhängig davon, ob er ihn mitkriegt oder nicht. Dieser Übergang erfolgt nicht dadurch, dass er die Kiste öffnet. Anders - und wiederum in allen Interpretationen - ist dies im "mikroskopischen" Fall, wo es eine tatsächliche Überlagerung von Welten (oder Zuständen) gibt, heute als "Kohärenz" oder "Verschränkung" viel besungen.

Schrödinger konstruierte seine Katze, um eine (bis heute klaffende) Theorielücke der Quantenmechanik zu verdeutlichen: dass es - modern gesprochen - kein theoretisches Kriterium dafür gibt, wann und wielange ein quantenmechanisches System kohärent bleibt; praktisch weiß jeder, dass es "klein genug" sein muss, dass es also nicht "makroskopisch" sein darf, und eine Katze ist mit unfehlbarer empirischer Sicherheit "makroskopisch". Dass man dies leider nicht theoretisch begründen kann, wollte Schrödinger herausstellen.

Um die hier übliche Konfusion zu vermeiden, sei klargestellt: Das Ergebnis einer quantenmechanischen Messung ist im Regelfall nicht vorhersagbar. Die Fachwelt huldigt nach wie vor dem Konsens, hierin bestehe keine theoretische Lücke (Unvollständigkeit), auch wenn bedeutende minority reports (etwa von Einstein) vorliegen. Schrödingers wollte mit seiner Katze aber auf ein anderes Problem deuten: dass nämlich die Quantentheorie keine Aussage darüber machen kann, was nun eine Messung ist und was nicht. Das ist eine eklatantes, seit von Neumanns "Grundlagen" (531) klar definiertes theoretisches Defizit, an das sich die Quantenmechaniker halt gewöhnt haben, weil es lange Jahrzehnte von der Gnade der Messungenauigkeit verdeckt wurde.

Eine der "neuen Nachrichten" aus der Quantenmechanik besteht nun darin, dass wir messtechnisch in Bereiche vorstoßen, wo die Grenzen zwischen "mikroskopisch" und "makroskopisch" experimentell auslotbar werden. Wir können den Zusammenbruch der Wellenfunktion in gewisser Weise ein Stück weit indirekt verfolgen. Und da sollten sich auch die Theoretiker mal wieder zu regen beginnen.

Das wird im Buche überhaupt nicht klar, stattdessen fördert der Autor so manches leidige alte Missverständnis. Zwar ist sie daran nicht allein schuld, aber ein wenig kritische Eigenanalyse wünsche ich mir doch vom "studierten Physiker", der an akademische Stammesriten nicht gebunden ist.

426 H. Röttgen, F.Rabe (1978): Vulkantänze. Linke und alternative Aus­gänge  Trikont München

Leider haben die Linken und Alternativen damals nicht auf die beiden gehört und keinen dieser Ausgänge genommen. So sind sie elendiglich erstickt und alle umgekommen.

427 S. Rose (1997): Darwins gefährliche Erben. Biologie jenseits der egoistischen Gene  Beck München 2000

Die Stimme eines Biologen gegen den unter den Gebildeten heute so verbrei­teten Biologismus und Physikalismus, wie z.B. von Richard Dawkins (99,100) mit großem Erfolg vorgebracht.

428 T. Rosenberg (1995): Die Rache der Geschichte. Erkundungen im neuen Europa  Hanser München

Eine Amerikanerin sieht sich im postkommunistischen Berlin, Warschau und Prag um. Wie gehen die Menschen dort mit der eigenen, notwendig machtverstrickten Vergangenheit um? Pflichtlektüre für Wessis.

429 W. Ross (1994): Der wilde Nietzsche oder Die Rückkehr des Dionysos  DVA Stuttgart
430 T. Roszack (1986): Der Verlust des Denkens. Über die Mythen des Computer-Zeitalters  Droemer-Knaur

Eine Verharmlosung des Aberglaubens von der Informationsgesellschaft. Lebenswichtige Kritik verfehlt ihr Thema wegen zu starker Berührungsängste - ähnlich wie bei Postman. (414) Roszack versteht den shannonschen Informa­tionsbegriff so pappkameradschaftlich miss, wie seinem vorgefassten Horror­bild entspricht: klassische und weitverbreitete Verwechslung von Information und Informationskapazität (beide in bit gemessen). Kann man ihm zugutehalten, dass Shannon, der Erfinder persönlich, hier einen klassischen Selbstmissverständnis erliegt?

Eine lesenswertere, regelrecht anthropologische Studie über dieses Thema findet sich bei Sherry Turkle (513). Auch (467) bewgt sich näher an der Wirklichkeit entlang.

430a G. Roth (2001): Fühlen, Denken, Handeln - Die neurobiologischen Grundlagen des menschlichen Verhaltens  Suhrkamp Frankfurt/M
430b J. Roth (2004): Ermitteln verboten! Warum die Polizei den Kampf gegen die Kriminalität aufgegeben hat  Eichborn Frankfurt/M

Weil das in Deutschland politisch nicht mehr gewollt ist, denn zuviele Wahre Verantwortliche haben enge Beziehungen zur (organisierten) Kriminalität. "Organisiert" darf man hier folgerichtig lesen als "gut eingebettet in die herrschenden Strukturen". Die neuen scharfen Gesetze, die sich gegen die OK wenden, werden gerne mal angenwendet, nur eben nicht gegen die OK.

431 D. Ruelle (1991): Zufall und Chaos  Springer Berlin
432 H. Ruesch (1978): Nackte Herrscherin. Entkleidung der medizini­schen Wissenschaft  Edition Hirtmann

Ruesch zielt auf Tierversuch und "naturwissenschaftliche" Medizin und trifft. Eindrucksvolle Beispiele tödlicher Medizin-Legenden, Klitterungen der Medizin-Geschichte von Hippokrates, Galenus, Paracelsus, Semmelweiß bis in unsere Tage. Ruesch fordert den Primat der klinischen Beobachtung über das wissenschaftlich-analytische Vorgehen (Tierversuch, Abstraktion, Übertragung auf den Menschen). Dem kann man sich im Interesse der eige­nen Gesundheit nur anschließen, denn allzu leicht überschreiten die Medizi­ner die Schwelle zu "experimenteller" Pseudowissenschaft.

433 E. Rutte (1983): Bioemergenz - Befunde der Paläontologie zur Entwicklungsgeschichte  in (315pp 73-96)

"... das biologisch Neue, die Erstprägung: der Trilobit, der Fisch, der Mensch, der erste Mahlzahn, die erste Feder, das erste Sapiensgehirn, das erste charakteristische Merkmal [taucht] ohne einleitende Übergangsformen unver­mittelt-sprunghaft (zu allen geologischen Zeiten) [auf]."

In der "kambrischen Explosion"(vor 580 Megajahren) zeigen sich plötzlich eine Fülle komplexer Arten; von den wacker postulierten (100) vielen Abstu­fungen keine fossile Spur. Die notorische Ausrede von der Unvollständigkeit der Fossilienfunde zieht nicht, denn "die im Übergang Präkambrium/Kam­brium an mehreren Stellen der Erde kontinuierlich abgelagerten Schicht­serien unter den ersten Fossilien-führenden Schichten [hätten] eine Überlie­ferung gestattet - wenn Fossilien vorhanden gewesen wären." Der Neodarwi­nismus sagt hier viele fossile Zwischenformen voraus. Ihr komplettes Fehlen ist nicht, wie der Sprachgebrauch 'missing link' suggeriert, nicht Ausnahme, sondern Regel. Die Evolutionsforscher müssen sich mit mystischer Komple­xitätstheorie (309) oder gar Sheldrakes 'vitalistischen' (468) Thesen befassen. Vgl. auch (485)

434 G. Sachs (1997): Die Akte Astrologie. Wissenschaftlicher Nachweis eines Zusammenhangs zwischen den Sternzeichen und dem menschlichen Verhalten  Goldmann München
435 H.J. Sandkühler (1991): Die Wirklichkeit des Wissens, Geschicht­liche Einführung in die Epistemologie und Theorie der Erkenntnis  Suhrkamp Frankfurt/M
436 P.A. Schilpp Hrsg. (1983), Albert Einstein als Philosoph und Naturfor­scher. Eine Auswahl  Vieweg Braunschweig gekürzte Ausgabe von A.E. - Philosopher-Scientist
437 O. Schatz, H. Spatenegger Hrsg (1986): Wovon werden wir morgen geistig leben? Mythos, Religion und Wissenschaft in der "Postmo­derne"  Pustet Salzburg
438 E. Scheibe (1973): The logical structure of quantum mechanics  Per­gamon Press, Oxford
439 U. Schmitz (1992): Computerlingustik - Eine Einführung  Westdeut­scher Verlag Opladen
440 H. Schnädelbach (2000): Der Fluch des Christentums. Die sieben Geburtsfehler einer alt gewordenen Weltreligion. Eine kulturelle Bilanz nach 2000 Jahren  Die Zeit 2000 Nr. 20, (als PDF)
441 C. Schnauber (1972): Wie Hitler sprach und schrieb - Zur Psycho­logie und Psychopathologie der faschistischen Rhetorik
442 W. Schneider (1986): Anwendung der Korrelationstheorie der Hirn­funktion auf das akustische Figur-Hintergrund-Problern (Cocktail­party-Effekt)  Dissertation MPI f. Biophys. Chemie, Abt. Neurobiolo­gie und im III. Phys. Inst. d. Univ. Göttingen

Beim Cocktailparty-Effekt filtern wir aus vielen Stimmen einzelne heraus. Dies wird mit einem hypothetischen, neurophysiologisch und psychoakus­tisch plausiblen kortikalen Neuralnetz demonstriert, das von früh gehörtem Schall geprägt ist. Komplexe Schallmuster werden durch ihre Zeitstruktur verzerrungsfrei getrennt und gebunden; dies erlaubt Kooperation mit weite­ren Netzen - auch vom Perzeptron-Typ. So wird beim Unterscheiden er­kannt, und beim Erkennen unterschieden: eine Lösung des Figur-Hinter­grund-Problems. Zur "Segmentierung" dienen physikalische Merkmale, wie Position und Eigenheiten des Sprechers; dies kann von"zentralen" Modellen des Stimmverlaufs kooperativ gestützt werden - völlig unbewusst. Dies ge­stattet genau die Art verwickelter Fehl-Leistung, die Freud beschreibt, bis hin zu hysterischer Taubheit. Wahrnehmungsexperimente und direkte Beobach­tung legen nahe (215), dass Perzeption, Apperzeption und Kognition nicht als getrennte Verarbeitungsphasen nacheinander ablaufen, sondern wechsel­wirken. Vgl. (524,525)

443 W. Schneiders (1995): Lexikon der Aufklärung  Beck, München
444 M.R. Schroeder (1991): Fraktale, Chaos und Selbstähnlichkeit. Noti­zen aus dem Paradies der Unendlichkeit  Spektrum Heidelberg 1994
444a C. Schubert-Weller (2006) Die Astrologie. Entstehung, Schulen und Entwicklungen  marixverlag Wiesbaden

Einer Überblick über die Entwicklung des Astrologie im 20. Jahrhundert - ein sehr verdienstvolles Werk

445 G. Schulte (2000): Neuromythen. Das Gehirn als Mind Machine des Geistes  Zweitausendeins Frankfurt/M
446 J. Schulte, B. McGuiness (1992): Einheitswissenschaft. Mit einer Ein­leitung von R Hegelmann: Einheitswissenschaft - das positive Para­digma des Logischen Empirismus  suhrkamp taschenbuch wissen­schaft 963

Ich finde das Paradigma wenig positiv: engagiertes Streben nach Einheitswissenschaft liefe hinaus auf wissenschaftliche Dünnbrettbohrerei. Weil man ja hängt an dem, was man bekämpft, wuchern abergläubische metaphysische Vorstellungen und oberflächliche Interpretationen (etwa der Transzenden­talphilosophie).

Den Unterschied zwischen "ontisch" und "epistemisch" nimmt der Wiener Kreis nicht zur Kenntnis. Was an der Analyse gut ist, ist nicht neu; und was neu ist, ist nicht gut.

447 P. Schulz (1977): Ist Gott eine mathernatische Formel? Ein Pastor im Glaubensprozeß seiner Kirche  Rowohlt

Schulz fürchtet, die von ihm unkritisch bewunderte Naturwissenschaft könnte Gott durch sukzessives Schließen von Erkenntnislücken schrittweis' aus der Realität vertreiben; vgl. Ditfurths Rückzugs-Argumentation in (111). Darum bringt er ihn durch Abstraktion zur Bedeutungsleere in Sicherheit vor kriti­schem Zugriff. Gott ist natürlich kein Lückenbüßer für Unerklärliches, son­dern ist überhaupt nirgendwo zu 'lokalisieren', genausowenig wie Geist, Seele oder Bewusstsein.

Aber Gott als Person ist nach wie vor eine gute und fruchtbare Metapher - fruchtbarer etwa als quietistische Meta­phern wie 'Gott ist die Liebe' (ein Abstraktum durch ein anderes ersetzt). - Wir halten solchen Autoren entgegen: Die Theologie soll der Naturwissenschaft Konkurrenz machen, sie unter Denkdruck setzen. Konkurrenz belebt das Ge­schäft. Schulz übersieht die stark religiösen Züge der Naturwissenschaft und ihre erfolgreiche Konkurrenz auf seinem ureigenen Gebiet, scheint aber heimlich zu glauben, die Naturwissenschaft habe das stärkere mana: Wasserstoff­bomben, Galaxienhaufen, Schwarze Löcher - boaah ej!

448 O. Schulze (1993): Die Erlebnisgesellschaft; Kultursoziologie der Ge­genwart.  Campus Frankfurt/M
449 H.G. Schuster (1985): Deterministic Chaos  physik-verlag

Standardtext über Chaostheorie

450 E. Schützer (1979): Relativitätstheorie - aktuell: Ein Beitrag zur Ein­heit der Physik  Teubner Verlagsgesellschaft Leipzig

Allgemeinverständliche, harte Kost. Mathematische und physikalische Kenntnisse 17-jähriger Schülerinnen sind nützlich. Für die, die immer schon wissen wollten, was es denn nun damit auf sich hat. Gutes Unterfutter für eine bessere Einschätzung der Geschichte und Soziologie des Wissens.

451 E. Schrödinger (1932): Ist die Naturwissenschaft milieubedingt?  in (530)
452 E. Schrödinger (1935): Die gegenwärtige Situation in der Quanten­mechanik  Naturwissenschaften 23, 807-812,823-828,844-849

Mit diesem Beitrag zog Schrödinger sich die Todfeindschaft aller Katzen zu!

453 E. Schrödinger (1959): Geist und Materie  Diogenes Zürich 1989
454 L. Schwarzschild (1929-1933,1966): Die letzten Jahre vor Hitler. Aus dem "Tagebuch" 1929-1933  Wegner, Hamburg

Schwarzschild war nicht so poetisch begabt wie die berühmten Weltbühne­Kollegen Ossietzky und Tucholsky, verstand aber mehr von Politik und zeigte praktikable Alternativen zu Schachts Notenbankpolitik. Er hätte einen guten Finanzminister abgegeben.

Hellsichtig analysiert er die desaströse Wirtschaftspolitik der machtverschlungenen Nieten in Nadelstreifen aus Düsseldorf und Essen, "jenem Krei­se, in dem ein Überbau glänzender Formalintelligenz auf dem Fundament wahrhaft hoffnungsloser Phantasiedürre sich erhebt ... Unauflösliches Netz ... von Ursache und Wirkung: wer die Ruhrindustrie hat, sitzt fest bei den Banken, wer die Banken hat, sitzt fest in der Reichsbank, wer fest in der Reichsbank sitzt, hat die Banken, wer bei den Banken festsitzt, hat die Indus­trie. In diesem Sowjet, unerleuchtet, von keinem demokratischen Windzug durchlüftet, knüpfen die Nornen das Schicksalsseil."

Doch in der vollkommenen Fehleinschätzung Hitlers trifft er sich wieder mit Tucholsky, Ossietzky und der Mehrzahl der Weimarer Intellektuellen.

455 W.C. Schwarzwäller (2001): Hitlers Geld. Vom armen Kunstmaler zum millionenschweren Führer  VMA-Verlag Wiesbaden
456 J. Schweitzer, A. Retzer, H.R.Fischer (1992): Systemische Praxis und Postmoderne Suhrkamp  Frankfurt/M
457 W. G. Sebald (1999): Luftkrieg und Literatur Hanser München Der Bericht über eine unerhörte Verdrängung.
458 H. Seidler, A. Rett (1982): Das Reichssippenamt entscheidet. Ras­senbiologie im Nationalsozialismus Jugend und Volk  Wien

"Es war ein Rassen-Wahn, der ein ganzes Volk erfasste; der freilich nicht aus irgendwelchen verwaschenen, vielleicht widerlegbaren Ideologien stammte, sondern auf der Basis wissenschaftlicher Grundlagen die Reinheit des Erbgu­tes bewahren wollte! ... Die Ausführungen opportunistischer Wissenschaft­ler waren [mehr als nur] Alibi für die Verwirklichung der nationalsozialisti­schen Ideologie.... Der Nationalsozialismus war selbst Realität gewordene angewandte Rassenbiologie, angewandte Rassenkunde der Anthropologie. [Hier war] erfüllt, was Fischer und Günther schon 1930 geschrieben hatten: Die deutsche Zukunft ist von der Ausleserichtung abhängig, welcher das deutsche Volk folgen wird. Es kann sich 'gehen lassen' auch auf der Bahn seiner Auslese.... Alles Gehen-Lassen ist aber immer ein Sinken-Lassen. Haben seit der letzten Jahrhundertwende Rassenforschung und Erblichkeitsforschung eine Erkenntnis von Auslesevorgängen ermöglicht und verbreitet, so musste die Frage nach der Ausleserichtung der Völker auftauchen, so musste ein Wille erwachen, der dauernd vor sich gehenden Auslese eine Richtung auf die seelisch-leibliche Stei­gerung der Geschlechter, Stämme und Völker zu geben. Ein Auslesewille ist er­wacht."

Dies war die als objektive Erkenntnis firmierende wissenschaftliche Schulmeinung, ausgespielt gegen weltfremde marxistische, humanistische oder sonsti­ge irrationalen Ideologien. Gerade die Nazis, Hitler vornweg, hielten sich zu Recht für nur konsequente Rationalisten und eiskalte Realisten, immun ge­gen illusionäre und weltflüchtige Ideologien.

459 H. Seiffert (1992): Einführung in die Hermeneutik. Die Lehre von der Interpretation in den Fachwissenschaften Francke  UTB 1666

Hermeneutik ist oft kynisch und treffend zu definieren als Lehre der geistigen Verrenkungen, die anzustellen sind, um aus jedem Stoff jedwedes Dogma herleitbar zu machen. So wird sie von Theologen und Philologen als Geheimlehre gegen doofe Laien aufgeprotzt, heimlich aber auch von in 'Naturphiloso­phie' dilettierenden Biologen benutzt - etwa (99,139,365).

Dagegen schildert diese Monografie die diffizile und wenig formalisierbare Kunst, Aussagen unter Einbeziehung des gesamten Umfeldes zu deuten - beileibe nicht nur in den Wissenschaften. Sie lehrt die Kardinaltugend der Vorsicht vor Überstülpung unserer Weltsicht auf andere Welten.

460 E. Sens (1993): Am Fluss des Heraklit. Neue kosmologiche Perspek­tiven  Insel Frankfurt/M

460a R. Seligmann (2004): Hitler. Die Deutschen und ihr Führer  Ullstein München

Die wichtigste offene Frage der Humanwissenschaften: was machte den "charismatischen Führer" (Weber) Adolf Hitler so charismatisch für die Deutschen?

Seligmann sucht die Antwort in der Scheißangst, welche die endgültig heraufgezogene Moderne sowohl in Hitler als auch in deutschen Möchtegern-Bürger-Seelen weckte. Die Juden waren, so Seligmann, dabei nur eine hervorragende Projektionsleinwand für solche Ängste, denn die "emanzipierten Juden" zählten meist zu den Modernisierungsgewinnern. Diese These ist sozialhistorisch gut zu belegen; umso schlimmer, dass sie dem habituell erhitzten Anti-Antisemiten politisch unkorrekt erscheint.

461 E. Selleri (1983): Die Debatte um die Quantentheorie  Vieweg Braunschweig

Zum Verständnis moderner Physik unermesslich. Grundsatzprobleme der Quantentheorie, für Fachleute und furchtlose Laien. Verschiedenene ideolo­gische Strömungen, ihre Vertreter und ihr Einfluss auf die Quantentheorie werden charakterisiert; wichtige theoretische Grundlagen und zugehörige ex­perimenta crucis werden dargestellt.

462 F.X.Seppelt. G.Schwaiger (1964): Geschichte der Päpste. Von den Anfängen bis zur Gegenwart  Kösel München
463 P. Seymour (1990): Astrologie. Beweise der Wissenschaft.  Zweitausendeins Frankfurt/M '92

"Beweise" oder "evidence" wie im englischen Titel ist zu vollmundig; aber es handelt sich immerhin um eine ausgewachsene physikalische Theorie. Der Astrophysiker Seymour präsentiert eine Mechanismus astrologischer Wechselwirkungen aufgrund niederfrequenter Resonanzen der planetaren Bewegungen im Magnetfeld der Erde, an die sich interessante Spekulationen über deren Einfluss auf die fötale Neurophysiologie anschließen. Darauf fußt sei­ne Deutung von Gauquelins mittlerweile vielfach repliziertem 'Planeten-Ef­fekt'.(147)

464 C.E. Shannon (1948) A Mathematical Theory of Communication  The Beil System Technical Joumal Vol. 27 pp 379-423, 623-656, July, Oc­tober 1948

465 C.E.Shannon, W. Weaver (1976): Mathematische Grundlagen der In­formationstheorie  Oldenbourg München

Interessant das von den Erfindern persönlich vertretene antisemiotische Selbstmissverständnis der Informationstheorie.

Die mathematische Definition der Information hängt nämlich explizit von der Interpretation des Signals ab; je nach subjektiver Interpretation beinhaltet ein und dasselbe Signal unterschiedlichen Informationsgehalt, allerdings objektiv begrenzt durch die "Informationskapazität" (Datenmenge).

Anschaulich gesprochen misst "Information" im shannonschen Sinne den Seltenheitswert (Logarithmus der reziproken Auftrittswahrscheinlichkeit) der Zeichen im Signal.

"Information" entspricht also dem journalistischen "Nachrichtenwert" nach der Grundregel: "Hund beißt Mann" bedeutet als Nachricht weniger als "Mann beißt Hund".

Das ist alles andere als eine akademische Problem; denn die Verwechslung von "Informationsgehalt" und "Datenmenge" ist endemisch. Entgegen anderslautenden Gerüchten leben wir nicht in der "Informations-", sondern im blanken Gegenteil, der "Desinformationsgesellschaft". Die Datenmengen wachsen schneller als der Informationsgehalt, die Informationsdichte nimmt ab, und die "Redundanz", das multimediale Rauschen, verdeckt in zunehmendem Maße die relevanten Nachrichten.

465a R. Shapiro (1991) Der Bauplan des Menschen. Das Genom-Projekt. Die Genforschung entschlüsselt den Code des Lebens. Der umfas­sende Wissenschaftsbericht über das größte Forschungsunterneh­men am Ende des Jahrtausends  Scherz Bern München Wien 1992
466 P. Shipmann (1994): Die Evolution des Rassismus  Fischer Frankfurt/M
466a W. L. Shirer (1960): Aufstieg und Fall des dritten Reiches mit einem w Vorwort von Golo Mann  Kiepenheuer & Witsch Köln
466b W. L. Shirer (1999): This is Berlin. Rundfunkreportagen aus Deutsch­land 1939-1940. Hrsgg. v. Clemens Vollnhals  Kiepenheuer Leipzig
467 D. Sheff (1993): Nintendo 'Game Boy'. Ein japanisches Unterneh­men erobert die Welt.  GOLDMANN München 1995 tb 1790

Fast wär's wegen TETRIS zum 3. Weltkrieg gekommen... the TETRIS wars. Filmreife Studie in schlechtem Kapitalismus, guter Marktwirtschaft und was das alles mit der Wirklichkeit zu tun hat. Vergleiche McLuhan (351, 352) und Turkle (513).

468 R. Sheldrake (1981): Das schöpferische Universum. Die Theorie des morphogenetischen Feldes

Die Theorie der morphischen Resonanz schließt Lücken in den molekular­biologischen Grundlagen der Genetik und Evolutionstheorie (67). Sie postu­liert eine Hierarchie resonanzerzeugender Attraktoren als Verstärker epige­netischer Information zwischen molekularem und der kulturellem Gedächt­nis.

Das renommierte Wissenschafts-Magazin NATURE fand das Buch von ho­hem Verbrennungswert. Besonders fies fanden die NATURE-Redakteure, dass Sheldrake einige einfache Experimente vorschlug, wie man ihn widerlegen könne; schon die bloße Vorstellung, wie er jede Widerlegung dann wegdiskutieren würde, erboste sie im Voraus bis zum Wutschrei wie: "Behalten Sie Ihren blöden Hammer doch!" (539)

Mittlerweile wurden immer wieder Experimente unternommen; diejenigen, welche Sheldrake bestätigen, diskutiert man weg oder schweigt man tot. Es gibt Ausnahmen: der Psychologe Prof. S. Ertel (Universität Göttingen) zeigt sich (fast schon wieder zu) überzeugt, dass ausgerechnet auf der Ebene des Bewusstseins Sheldrakes Thesen greifen, zumindest im - ja gerade so vehement bestrittenen - Prinzip.

Zum bösen Ende liefern noch von Martin Gardner ernstgenommene Wissenschaftler physikalische Substrate für morphische Felder! (393) Das ist jeden­falls schlimm, weil - das öffnet wirren Thesen über Telepathie Tür -und Tor! Und dann kommt die Barbarei.

469 R. Sheldrake (1988): Das Gedächtnis der Natur. Das Geheimnis der Entstehung der Formen in der Natur  deutsch Scherz Bern 1992
470 R. Sheldrake (1994): Sieben Experimente, die die Welt verändern könnten. Anstiftung zur Revolutionierung des wissenschaftlichen Denkens  Scherz Bern.

Ohne Furcht um seine Leber folgt Sheldrake der prometheischen Tradition, steigt herab vom Elfenbein-Olymp und ermutigt die normalen Sterblichen, mit dem Erkenntnisfeuer zu spielen.

Er schlägt bahnbrechende Experimente vor, die auch kluge Laien mit Geduld und Haustieren ausführen können. Die Schulwissenschaft vernach- lässigt solche Experimente weniger wegen der (niedrigen) finanziellen, sondern eher wegen der (hohen) psychologischen Kosten. Dass Wissenschaftler auch fehlbare Menschen sind, scheint eine Binsenweis­heit; nichtsdestotrotz wird die scientific community gern als unfehlbar objektiv präsentiert. Sheldrake widmet einen Teil des Buches derEntlarvung dieses modernen Aberglaubens: die Sisyphusarbeit der immer wieder neu vorzunehmenden Entmystifizierung der 'garantiert objektiven' Erkenntnis und der 'ideologiefreien' Wissenschaft.

471 R.K. Siegel (1992): Halluzinationen: Expedition in eine andere Wirklichkeit  Eichborn Frankfurt/M 1995
472 L.M. Silver (1997): Das geklonte Paradies. Künstliche Zeugung und Lebensdesign im neuen Jahrtausend  Droemer München 1998
473 N.A.Silverman (1994): Die Messiasmacher - Der Aufstand von Qum­ran und die Schriftrollen vom Toten Meer  Bastei Lübbe Bergisch Gladbach 1998

The hidden scrolls - chtistianity, judaism, and the war for the dead see scrolls: trotz des debil verdeutschten Titels ein aufschlussreiches Kompendium über die ideologisch vernagelte Pseudowissenschaftlichkeit der heimlichen Fun­damente unseres Geschichtsbildes, schaurig exemplifiziert am Beispiel der Oumran-Forschung. Es bedurfte da keiner vatikanischen Verschwörung; die allgemeine Vernagelung der Geister erfolgt auf recht prosaischen und umso effizienteren Wegen.

474 R. Simek (1992): Erde und Kosmos im Mittelalter. Das Weltbild vor Kolumbus  Beck München
475 K. Simonyi (1986): Kulturgeschichte der Physik  Harri Deutsch, Frank­furt/M 1990

Ein angeleiteten Spaziergang durch dieses Buch wäre wirklich guter Physikunterricht. Denn Physik ist keine Physik - Physik ist Kultur!

476 S. Singh: Fermats letzter Satz  Hanser
477 E.F. Skinner (1953): Science and human behavior
478 E.F.Skinner (1973): Jenseits von Freiheit und Würde  Rowohlt Rein­bek bei Hamburg

Auf Seite 29 ruft Skinner die Weltherrschaft der Sozialtherapeuten aus ...

479 E.F.Skinner: Walden 2

Der meint das Ernst.

480 P. Sloterdijk (1983): Kritik der zynischen Vernunft (Zwei Bände).  Suhrkamp Frankfurt/M
481 D. Sobei (1995): Längengrad. Die wahre Geschichte eines einsamen Genies, welches das größte wissenschaftliche Problem seiner Zeit löste.  Berlin btb 1500
482 G. Soros (1998): Die Krise des globalen Kapitalismus. Offene Gesllschaft in Gefahr Fischer tb 14739 Frankfurt/M 2000

Soros entfaltet "eine Kritik an den Sozialwissenschaften im Allgemeinen und an den Wirtschaftswissenschaften im Besonderen" und stellt sie in einen neuen begrifflichen Rahmen, fußend auf den Schlüsselbegriffen Fehlbarkeit, Reflexivität und einer Ergänzung von Poppers Konzept der offenen Gesell­schaft. Anschließend wendet er diesen Rahmen auf die gegenwärtige Situa­tion des Kapitalismus an".

482a F. Spier (1998): Big History. Was die Geschichte im Innersten zusammenhält  Primus Verlag Darmstadt
483 M. Spurek (1996): Das große Handbuch der Astrologie. Das Horos­kop und seine Interpretation. Die Bedeutung der Planeten. Anwen­dungen in Medizin und Wetterkunde. Astrologie im Licht der Natur­wissenschaften  Ludwig München
484 O. Spengler (1918): Der Untergang des Abendlandes  Beck München; auch als dtv-Taschenbuch
485 S.M. Stanley (1983): Der neue Fahrplan der Evolution - Fossilien, Gene und der Ursprung der Arten  Hamack München

"Dass sich die Evolution nicht ganz so vollzogen hat, wie die meisten von uns noch vor ein, zwei Jahrzehnten annahmen, hat die Fossilienüberlieferung in­zwischen eindeutig bewiesen. Wie ihre erst seit kurzem zuverlässig datierba­ren Zeugnisse offenbaren, überleben Arten im Regelfall Hunderttausende, ja Millionen und mehr Generationen ohne nennenswerte Weiterentwick­lung. Das aber legt zwingend den Schluss nahe, dass sich die Evolution größtenteils sprunghaft vollzieht ... [Nach der Entstehung] machen dann die meisten Arten bis zum Zeitpunkt ihres Aussterbens kaum mehr eine Evolu­tion durch.

Diese punktualistische Auffassung hat heute zwar weithin die gradualistische These vom langsamen, stufenweisen Wandel verdrängt, doch ... halten zum Beispiel verschiedene Vertreter der Humanbiologie nach wie vor an der Mei­nung fest, die heutige Menschheit sei durch allmählich fortschreitende An­passung aus einen affenähnlichen Vorfahren hervorgegangen, eine her­kömmliche Darstellung, die [in diesem Buch widerlegt wird.]"

486 L. Steinbach (1983,1995): Ein Volk, ein Reich, ein Glaube? Ehema­lige Nationalsozialisten berichten über ihr Leben im Dritten Reich  Dietz Bonn
487 F. Steinbauer(1971): Melanesische Cargo-Kulte. Neureligöse Heilsbewegungen in der Südsee  Delp Münschen
488 C. Stephan (1996): Neue deutsche Etikette
489 D. Sternberger, G. Storz, W.E. Süskind (1967): Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Neue erweiterte Ausgabe mit Zeugnissen des Streites über die Sprachkritik Ullstein Frankfurt/M

Sprachkritiker Sternberger ruft die Sprachwissenschaftler auf, "gemeinsam, wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten, eine wissenschaftliche Sprachkritik und eine kritische Sprachwissenschaft zu entwickeln! Kritik sei "buchstäblich zu verstehen und nicht mit Vorschrift, Weisung oder Lenkung zu verwechseln ... Kritik ist Unterscheidung, Scheidung, freilich auch zuwei­len Scheidung der Geister. Der Kritiker gibt vielleicht Ratschläge, aber er er­lässt nicht Gebote und Verbote."

Er zitiert Karl Kraus: "Sprachanweisungen müssen unleserlich geschrieben sein, um dem Sprecher annähernd den Respekt einzuflößen, wie das Rezept dem Pa­tienten. Wenn man nur entnehmen wollte, dass vor dem Sprachgebrauch der Kopf zu schütteln sei. Mit dem Zweifel, der der beste Lehrmeister ist, wäre schon viel gewonnen: manches bliebe ungesprochen".

Dankenswerterweise kommen die Gegner der Sprachkritik ausführlich zu Wort. Das macht dieses Buch zur ersprießlichen Lektüre: wir können von bei­den Seiten lernen, auch und gerade darin, wenn sie manchmal schwungvoll aneinander vorbeireden. Übrigens: mit dem Wort Unmensch hab ich so meine Probleme ... äh

489a Max Stirner=Kaspar Schmidt(1892): Der Einzige und sein Eigentum  Reclam Leipzig

Konsequente und immer noch fortschrittlichst mögliche Kritik der Aufklärung. Der (un-)heimliche Gegenspieler vom Karl Marx, leider mundtot gemacht, aber von den Weltgechichte nur zu bestätigt.

490 I. Stewart (1989): Spielt Gott Roulette? Uhrwerk oder Chaos  deutsch 1993 insel taschenbuch

Allgemeinverständlich; historisch fundierter Überblick über die Chaostheo­rie und ihre weltanschaulichen Folgen.

491 C.Stoll (1995): Die Wüste Internet. Geisterfahrten auf der Datenautobahn.  Fischer Frankfurt/M 1996
492 O. Strubelt, M. Claussen (1999): Mehr als Placebo? Zum Wirksamkeitsnachweis homöopathischer Arzneimittel  Deutsche Apotheker Zeitung (1999) 47 p59-66
492a Italo Svevo (1923): Zeno Cosini  Rowohlt TB 1990
493 B. Swimme, T. Berry (1992): Die Autobiografie des Universums  Diederichs München 1999
494 M. Talbot (1991): Das holographische Universum - Die Welt in neuer Dimension  deutsch Droemer Knaur, München 1992

Als Beispiel für viele solcher Bücher. Besser: (553,554). Besserer Wunder­bücher: (386, 558) oder SF-Grotesken (559): gute Gehirnwaschmittel. Talbot verkleistert eher.

Trotz gegenteiliger Behauptungen und reichem Literaturverzeichnis refe­riert Talbot wenig Erklärungen, sondern behauptet gebetsmühlenartig, diese lägen vor und seien "holografisch"-also-wissenschaftlich. Summarisch wird der Ansatz Pribhams vorgestellt. Bohms Holomovement wird skizziert: ich empfehle das Original, etwa (36) oder (554). Folgt ein Kessel bunter Paranor­mitäten: Psi-Phänomene, Geistheilungen, Mythen, Fernöstliches, UFOs, todesnahe Erlebnisse, out-of-body-experiences, Placebo - manches anregend und näherer Befassung wohl wert. Talbot zitiert Wissenschaftler mit passen­den Untersuchungen und angeblich holografischen Deutungen., die er nir­gendwo diskutiert. Fachbegriffe werden fallengelassen und liegen im ganzen Buch rum.

Es ist Etikettenschwindel, wenn der Eindruck erweckt wird, dahinter stehe kohärente mathematische Theorie. Holografie ist Metapher für das Prinzip AHMAZEW (Alles Hängt Mit Allem Zusammen - Egal Wie) und Nicht-­Lokalität, aber darum noch lange kein Modell.

494a K. Tangermann (2003): Werbung. Der Milliarden-Poker Knaur, München, tb77705

Verheerender, milliardenverschlingender Aberglauben in der Wirtschaft: die bekennenden Torheiten der spätmodernen Werbung in Deutschland.

Sollte hier jemand verzweifelt einen Sinn suchen, muss er in Kategorien eines kommerziellen Groß-Potlatsch denken, und/oder annehmen, "die Mächtigen" investieren in verzweifelter Lage mit der löchrigstmöglichen Gießkanne in die Berieselung der Massen (Werbeausgaben sind Einnahmen der Unterhaltungsindustrie), um dieselben halbwegs bei zerstreuter Laune zu halten.

495 P.Teilhard de Chardin (1940,1955): Der Mensch im Kosmos  dtv Mün­chen 1981

Teilhard, Priester und Paläontologe, bezieht überall Prügel, weil er nirgends abschwört. Szientisten spotten über hirnverbrannten Animismus, die Kirche verweigert lebenslang die Druckerlaubnis, und Hofprediger des Zeitgeists wie Monod (365) schimpfen ihn intellektuell rückgratlos. Die ewigen Pietisten begraben ihn in der Sonntagsbeilage: er versuche (dtv-Klappentext), "die Evolutionstheorie der modernen Naturwissenschaft mit der christlichen Heilslehre in Einklang zu bringen". Nun schmort er in der Rezeptionshölle säkularer Frömmelei.

Nehmen wir ihn beim Vorwort: "[Lesen Sie dieses Buch nicht als] metaphysisches Werk, und noch weniger wie eine Art theologischer Abhandlung, son­dern einzig und allein als naturwissenschaftliche Arbeit. Schon [der frz. Titel 'das Phänomen Mensch'] weist darauf hin. Nichts als das Phänomen. Aber auch das ganze Phänomen.

[Ich will kein] System ontologischer und kausaler Beziehungen zwischen Elementen des Universums [aufdecken], sondern ein auf Erfahrung gegründetes Gesetz ... Ich habe es strikt und absichtlich vermieden, mich je in das Gebiet des tiefen Seins zu wagen ... Die Kritik der Wissenschaften [hat] bewiesen: es gibt keine reinen Tatsachen; jede Erfahrung, mag sie noch so objektiv sein, verwickelt sich unvermeidlich in ein System von Hypothesen, sobald der Ge­lehrte sie formulieren will ... Es ist unmöglich, eine allgemeine wissenschaft­liche Deutung des Universums zu versuchen, ohne den Anschein zu erwe­cken, man wolle es vollständig erklären. Doch wenn man näher zusieht, er­kennt man bald, dass diese 'Hyper-Physik' noch keine Metaphysik ist.

Jeder derartige Versuch einer wissenschaftlichen Beschreibung des Alls zeigt ... den Einfluss gewisser ursprünglicher Voraussetzungen ... [So stützen und leiten] zwei Grundauffassungen [alle folgenden] Ausführungen. Die erste besteht in dem Vorrang, der dem Psychischen und dem Denken im Weltstoff zugebilligt wird. Die zweite im 'biologischen Wert', den ich unserer sozialen Umwelt zuspreche: Überragende Bedeutung des Menschen in der Natur und organische Natur des Menschen: zwei Hypothesen, die man gleich zu Beginn zurückweisen kann; aber ich sehe nicht, wie man ohne sie eine zusam­menhängende und abgerundete Vorstellung vom Phänomen Mensch geben kann."

Diese bis zum metaphysischen Geiz sparsamen Thesen sind das 'Rückgrat' der Humanwissenschaft. Der Autor beweist damit echten wissenschaftlichen Geist, in erfri­schender Kontrast zur üppig wuchernden, aber feige verleugneten Metaphy­sik moderner Humanbiologie. Weil der Mut zum aufrechten Gang fehlt, brauchen Monod und Konsorten den Rückhalt der herrschenden Ideologie: intellektuell rückgratlos verleugnen sie Tatsachen und buckeln vor der etablier­ten Fraktion des Zeitgeistes. Ihre ontologische Drückebergerei reden sie sich dann schön als Agnostizismus oder gar Existenzialismus. Sartre dreht sich im Grabe.

Eine vierspännige Retourkutsche für Teilhard: To whom it may concem!

496 G. Theißen (1977): Soziologie der Jesusbewegung  Kaiser München
497 K. Theweleit (1983): Männerphantasien. Band 1: Frauen, Fluten, Körper, Geschichte. Band 2: Männerkörper - zur Psychoanalyse des weißen Terrors  trikont, rororo

Über deutsche Männerbünde und den Geist, aus dem der Hitler kroch: Unentbehrlicher Standardtext für gute Deutsche, um in konsequenter Annahme des deutschen Erbes das nationale Selbstbewusstsein in die dunklen und ekli­gen Bereiche hinein zu erweitern.

498 K. Theweleit (1996): Buch der Könige 1: Orpheus und Eurydike  Stroemfeld/Roter Stern bei 2001

Herrschender Zeitgeist? Zeitgeistliche Herrschaft? Geistige Zeitherren7 Herrschende Geister der Zeit? Theweleits drei Bücher der Könige sind Pflichtlektüre für Künstler, Journalisten, Politiker, Wissenschaftler. Wäre das nichts für den Leistungskurs Deutsch/Mittelstufe?

499 K. Theweleit (1996): Buch der Könige 2x: Orpheus am Machtpol  Stroemfeld/Roter Stem bei 2001
500 K. Theweleit (1996): Buch der Könige 2y: recording angels' mys­teries  Stroemfeld/Roter Stem bei 2001

Die machtpolare Suszeptibilität des Journalismus und besonders des zum Journalisten mutierten Großschriftstellers, am Beispiel des faschistischen Deutschlands, dessen ganz besondere medienpolitische und massenpsycholo­gische Voraussetzungen unverändert anhalten und fortwirken.

501 R. Thom: Structural Stability and Morphogenesis

Mathematische Modelle zur Phasenraum-Geometrie. Differenzialgeometrie der Formen; Grundlagen zur mathematischen Beschreibung von Mor­phogenese und Katastrophentheorie

502 W.l. Thompson (1981): Der Fall in die Zeit. Mythologie, Sexualität und der Ursprung der Kultur  rororo

Verständlich, lesbar, spannend. Zeigt die Kategorienfehler der neuerdings mächtig reaktionären Soziobiologie auf. Beweise für die der Instinkt-Phylo­genese streckenweise konvergente, aber nicht homologe kulturelle Evolu­tion, die so viel kleinere Zeiträume zu ihrer Verfügung hatte.

503 M. Thürkauf (1983): Darwinismus - die Dogmatisierung von Spekula­tionen  in (315pp139-156)

Auf dem Tiefpunkt kirchlicher Deutungsmacht stieg die Nachfrage nach nichttheistischer Welterklärung. Der Darwinismus füllte diese Lücke. Dass das Gros der Biologen trotz stetigen Bröckelns der von Anbeginn brüchigen wissenschaftlichen Fundamente (67,91,252,433,485) solange an einer mythischen Form des Darwinismus festhielten (Mediziner und Humanbiologen noch heute), erklärt Thürkauf damit, dass der Darwinismus ein mythisch-religiöses Massenbedürfnis gut bediene. Indi­rekt zeige dies der Publikumserfolg darwinistischer Propaganda wie Monods "Zufall und Notwendigkeit"(365) oder Eigens "Das Spiel"(562).

(Führende Evolutionsbiologen wie Mayr (347p189f) versuchen sich zwar, den wissenschaftlichen Darwinismus von seiner mythischen Ausprägung in Schutz zu nehmen, aber dies verhallt ungehört und ist m.E. auch nicht ganz ehrlich (vgl. Dossier Ev-60), da er den Mythos ungewollt fördert und von diesem wohl auch profitiert. Auch in der Wissenschaft gilt weiterhin die mythische Version; auf die Wissenschaftlichkeit kommt auch Mayr erst zu sprechen, wo er sich in die Enge getrieben fühlt.)

"Weil Physik und Chemie dem Intellekt leichter zugänglich und überdies Mit­tel materieller Macht sind, wird seit Darwin der vergebliche Versuch unter­nommen, mit einer niedrigeren Urteilskraft den Bereich einer höheren zu er­fassen - mit dem Machen das Denken zu ersetzen. Das Wachsen der Lebewe­sen wird mit dem Machen von Maschinen verglichen. Ein solches Denken wird dann Mittel zur Erkenntnis sein, wenn es gelingt, Samenkörner zu ma­chen, die, in Ackererde ausgesät, zu Maschinen heranwachsen."

504 H. Thyen (1980): Exegese des Neuen Testaments nach dem Holo­caust  in Rendtorff Hrsg, Auschwitz - Krise der christlichen Theologie, p140-177
505 F.J. Tipler (1994): Die Physik der Unsterblichkeit. Moderne Kosmo­logie, Gott und die Auferstehung der Toten  dtv München

Gewaltig untertrieben, der unspektakuläre Titel! Ein gigageiler Supraham­mer von Hoch-Spinnerei, urgewaltig' Quanten-Kosmologen-Garn.

Tipler ist Schüler von Penrose, Wheeler und Hawking, starker Anhänger von starkem anthropischem Prinzip und starker KI, durchdrungen vom Glauben, Relativitätstheorie und Teilchenphysik beschrieben 20 Milliarden Jahre kos­mischer Vergangenheit und 100 Milliarden Jahre kosmischer Zukunft we­sentlich richtig.

Tipler erklärt "Theologie zu einem Spezialgebiet der Physik ... und behaup­tet, Physiker könnten die Existenz Gottes und die Wahrscheinlichkeit einer Auferstehung der Toten zum ewigen Leben auf genau die gleiche Weise be­rechnen wie die Eigenschaften des Elektron. Was Wunder, wenn man sich fragt, ob ich das ernst meine."

Total ernst! Der Hyperrationalist als glühend Wissenschaftsgläubiger, als Totalvisionär von Sein und Zeit, der seine mathematischen Objekte hurtig­hurtig mit hyperintelligenten, allwissenden u.a. Qualtitäten belegt. Dass er dann mutig von Gott, Heiligem Geist und Ewigem Leben spricht, ist nur kon­sequent. Immerhin entwirft er ein mathematisch und empirisch konsistentes physikalisches Zukunftsgemälde, das einige als atemberaubend empfinden werden, aber viele von uns in unserer "Angst und Unwissenheit" auch als schauerlich, beklemmend und mega-durchgeknallt.

Womöglich hat er Recht: Wir werden alle, alle, alle emuliert. Vielleicht ist dies hier schon die Emulation. Oh Gott!

506 J. Toland (1976): Adolf Hitler  deutsch bei Gustav Lübbe Verlag, Ber­gisch Gladbach
507 A. u. E. Tollmann (1993): Und die Sintflut gab es doch. Vom Mythos zur historischen Wahrheit  Droemer Knaur, München

Nachdem die Geologie zähneknirschend einen planetenerschütternden Meteoriten-Einschlag zur Kreidezeit mit weitreichenden Folgen als gesichert akzeptierte, wurden Ablauf und Weiterungen eines solchen Impakts rekonstruiert. Anhand der ermittel­ten Charakteristik wird hier ein auf überzeugenden Indizien beruhender Be­weis für einen Kometen-Impakt vor 9500 Jahren geführt; die stärksten Indi­zien sind geologischer und geophysikalischer Natur, aber die Autoren gehen ausführlich auf die zu erwartendenden und tatsächlich gefundenen Spuren in Folklore und Religionen der Völker ein. Hier kommt in vielem wieder Velikowsky zu spätem Recht (519), und Cuvier lässt grüßen.

507a Leo N. Tolstoi (1869): Krieg und Frieden  Albatros, Düsseldorf

Die napoleonische Epoche aus russischer Sicht: Lesenswert vor allem wegen Tolstois historischem Ansatz.

508 W. Tormin (1977): Die Weimarer Republik 11. Aufl.  Fackeiträger Han­nover
509 A. Toynbee (1974): Menschheit und Mutter Erde - Die Geschichte der großen Zivilisationen  Claassen
510 D. Trbuhovic-Gjuric (1982): Im Schatten Albert Einsteins. Das tragische Leben der Mileva Einstein-Maric  Verlag Paul Haupt Bem

Frauen hatten es um 1900 in der Wissenschaft unglaublich schwer. Mileva Maric studiert mit Albert Einstein in Zürich Mathe und Physik - für eine Frau damals alles andere als ein Parkstudium, sondern Beweis starken Willens und hoher Begabung. Sie scheitert an der Abschlussprüfung und hei­ratet den Kommilitonen Albert.

Trbuhovic-Gjuric will beweisen, dass Mileva erheblichen Anteil an der mathematischen Formulierung von Alberts berühmten Publikationen zu Relati­vität, Brownscher Bewegung und lichtelektrischem Effekt hatte und als Ko-­Autorin hätte genannt werden müssen, wie das mit Einsteins späteren Mitar­beitern stets geschah.

Einstein-Biografen lassen durchblicken, die schwermütige Mileva sei der Klotz an des frohgemuten Alberts Bein gewesen. (150,230,384) Ursula Föl­sing (Nobel-Frauen, Beck, München 1990) widerspricht Trbuhovic-Gjuric heftig: es gebe keine Dokumente. Verdächtigerweise gibts zum Bedauern der Historiker überhaupt keine Dokumente, keinerlei Entwürfe zur Entstehung der ersten Arbeiten Einsteins, was aufgrund ihrer Tragweite und immer wieder gerühmten formalen Geschlossenheit schon außerordentlich verwunderlich ist. Trbuhovic-Gjurics Darlegungen machen trotz einiger Schönfärbe­rei nachdenklich. Denken wir nach!

Mileva hatte zuletzt so gute Mathematik-Noten wie Albert, was leicht bedeu­tet, dass sie mathematisch besser, zumindest gewissenhafter war. Albert ges­teht, dass er Mathe schleifen ließ und sich lieber im Physiklabor ­rumtrieb; sein Dozent Minkowski zeigte sich bass erstaunt über Einsteins erste Arbeiten. Später, als Professor und Ganztagsgenie, hatte Einstein im­mer Rechenknechte und fachkundige Kollegen um sich; aber dem Patentbe­amten und Feierabendforscher der Berner Zeit war Mileva die einzige stets verfügbare, zu fachlicher Kritik kompetente und bereite Ansprechpartnerin. Bei feierabendlichen Höhenflügen im Männerfreundeskreis schwieg sie; aber gerade darum denke ich, dass sie ihrem stolzen "Einspänner" im stillen Kämmerlein umso heftiger auf die mathematischen Finger hieb, nicht als Re­chenknecht oder geschätzter Kollege, sondern als gewissenhafte Ehefrau, die die Entwürfe des Göttergatten überlas oder ins Reine brachte. Verdächtig, dass Albert die Bedeutung der Mathematik später immer wieder herunter­spielt; und hoch verdächtig, beinah peinlich, dass er Männer-Freund Besso in der Elektrodynamik bewegter Körper dankend erwähnt und Mileva mit keiner Silbe.

Besso, hell klingender Resonanzboden für physikalische "Predigten" war zu ernster mathematischer Kritik weder fähig noch gewillt. Das Genie Einstein schoss Böcke genug; später war er nicht nur in der Kleidung schlam­pig, sondern - anders als in seinem annus mirabilis 1905 - auch in der mathematischen Form seiner Arbeiten; des öfteren wiederrief er souverän seine Gleichungen, weil sich Fehler gefunden hatten. Über Frauen war er einig mit Schopenhauer. So hat die zickige Sturheit des Ehedrachens weniger Chance auf sein Gedächtnis als der feurige Zuspruch faszinierter Freunde, wenn es um die ersten Arbeiten geht, die mit ihrer formalen Perfek­tion seinen fachlichen Ruf begründen. Einsteins stupende, wissenschaftsge­schichtlich einmalige Produktivität anno mirabili 1905 gibt den Historikern heute noch Rätsel auf.

Vielleicht ist es für Beweise schon lange zu spät. Ich vermute, nach gültigem akademischem Komment ist Mileva Ko-Autorin legendären Ein­stein-Arbeiten von 1905, die sich gleich auf drei verschiedenen Gebieten der Physik als bahnbrechend erwiesen, nämlich der Elektrodynamik (spezielle Relativitätstheorie), der Thermodynamik (brownsche Bewegung) und der Quantentheorie (lichtelektrischer Effekt).

511 H. R. Trevor-Roper (1965): Hitlers letzte Tage  ullstein
512 Kurt Tucholsky: Die zufällige Republik  Büchergilde Gutenberg

Tucholskys Auseinandersetzung mit und in Weimar: "Die neue Losung heißt: Gegen Gewalt den Geist!" Und die Nazis geistig zu bekämpfen, hielt er in zeittypischer Unterschätzung nun gar nicht für nötig. Als er seinen Irrtum einsehen musste, mochte er nicht mehr leben.

513 S. Turkle (1984): Die Wunschmaschine. Vom Entstehen der Com­puterkultur Rowohlt Frankfurt/M

Inzwischen ein Kultbuch: Computer als "evokatorische Objekte". Die klinische Psychologin und Soziologin Turkle erforscht die Welt der Computer­Nerds mit ethnografischen Methoden. Wie eine Anthropologin verfolgt sie das Eindringen der Computer in die Vorstellungswelt der Kinder und Intel­lektuellen. Vgl. (467).

513a S. Turkle (1995): Leben im Netz. Identität in Zeiten des Internet. Rowohlt TB Reinbek 1998

514 H.A.Turner (1989): Geißel des Jahrhunderts. Hitler und seine Hinter­lassenschaft  Siedler Berlin

Der Essai untersucht im Rahmen einer "kontrafaktischen historischen Ana­lyse" (einer anfechtbaren, aber unvermeidlichen Methode) die Frage: Wel­che Züge der Geschichte des 20. Jahrhunderts sind von der Einzelperson Hit­ler bestimmt, und welche historischen Strömungen hätten sich auch mit ande­rem Personal durchgesetzt?

515 John Updike (1986): Das Gottesprogramm, Rogers Version  Rowohlt Frankfurt/M 1988

Kann Gott mathematisch-naturwissenschaftlich bewiesen werden? Durch ein Gottesprogramm, das den Gottesbeweis auf einem unbestechlichen Com­puter erbringt? Welchen Sinn hat solch ein Unterfangen?

Nicht immer, aber immer wieder missbrauchen Wissenschaftler und Rationalisten Kosmologie und Quantenphysik, um ihre schmerzenden Religionslücken notdürftig zu verpflastern. Was dabei herauskommt, ist selten brauchbar und manchmal leicht beängstigend (333,505). Der Roman ist beste Auseinander­setzung mit dem Thema, die ich kenne.

516 J. Vallée (1988): Dimensionen. Begegnungen mit Außerirdischen von unserem eigenen Planeten  Zweitausendeins Frankfurt/M 1994

"Eine besonders bedauerliche Schwäche [der UFO-Forschung] ist unser Mangel an intelligenten Skeptikern. Ich meine damit nicht engstirnige Fana­tiker, die ihre Zeit damit verbringen, UFO-Zeugen lächerlich zu machen oder persönlich anzugreifen... Wir brauchen vielmehr informierte Skeptiker, die bereit sind, sich die Daten anzusehen... Solange wir auf der einen Seite Men­schen haben, die fanatisch an Außerirdische glauben, und auf der anderen Seite quasi-religiöse Skeptiker, wird es schwer sein, Fortschritte zu erzielen. Das Phänomen stellt alle unsere Annahmen über die Realität in Frage, und wir müssen viele verschiedene Standpunkte in die Debatte einbringen."

517 C.A. van den Bergh van Eysinga (1912): Die holländische Radikalkritik des neuen Testaments. Ihre Geschichte und Bedeutung für die Erkenntnis der Entstehung des Christentums  Diederichs, Jena
518 B.L. van der Waerden (1971): Synthetische Urteile a priori  in: H.P.Duerr, Quanten und Felder. Vieweg, Braunschweig

Die entscheidende Beitrag religiöser Vorurteile zum wissenschaftlichen Fortschritt. Ausführliche Zitate in →A2, Seite 54.

519 I. Velikowsky (1950): Welten im Zusammenstoß  Ullstein Sachbuch

Auch wer (für ihn) wichtige Schlussfolgerungen Velikowskys (vor allem über die Entstehung der Venus) nicht teilen kann, kann von seinen bemerkenswert übergreifenden Außenseiter-Standpunkten aus lehrreiche intellektuelle Aussichten genie­ßen. Zweifellos präsentiert er sehr bedenkenswerte Phänomene und Deutungen, die von der etablierten Wissenschaft etwas zu hurtig vom Tisch gewischt werden!

Velikowsky verletzt wichtige, vor allem für den Neodarwinismus grundlegen­de Dogmen - etwa die von der Stetigkeit und Katastrophenfreiheit der Ent­wicklung. Neuere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass es in erdgeschichtli­cher, wenn nicht geschichtlicher Zeit viel mehr kosmische Katastrophen gab, als die Wissenschaft bisher zugeben wollte. Vgl. (34,507)

520 I. Velikowsky (1982): Das kollektive Vergessen. Verdrängte Kata­strophen der Menschheit  Umschau Frankfurt/M
521 G. Vermes (1993): Jesus der Jude. Ein Historiker liest die Evangelien.  Neukirchener Verlag Neukirchen-Vluyn
521a P. Vielhauer (1975): Geschichte der urchristlichen Literatur  de Gruyter, Berlin

S. 5/6: Die "durch ihre Formen zusammengehörigen und gegenüber der hellenistischen und altkirchlichen Literatur isolierten [urchristlichen] Schriften sind nicht allzu zahlreich, und sie sind innerhalb eines Zeitraums von 100 bis 130 Jahren entstanden. Sie scheinen demnach ein leicht überschaubares und geschichtlich zu ordnendes Material zu sein; aber es scheint nur so. Sie stellen ihrer zusammenhängenden literarhistorischen Darstellung ungewöhnliche Schwierigkeitenm entgegen. R. Bultmann hat die Möglichkeit einer 'Literaturgeschichte' des NT (und den anderen ... urchristlichen Schriften) mehrfach bestritten ... er meinte, man solle 'vielleicht bescheidener nur von einer gattungs- und formgeschichtlichen Erforschung' statt von einer Literaturgeschichte reden."

Tatsächlich mussten die NT-Historiker sich nach den historisch-kritischen Vorstößen des 18. Jhs. völlig auf die Formengeschichte zurückziehen. Man merke sich immerhin:

 •  es ist unmöglich, eine wissenschaftlich halbwegs plausible Geschichte der apostolischen Zeit zu schreiben
 •  es sogar unmöglich, eine Literaturgeschichte des NT zu schreiben.

Die Kernhistorizität (Jesus und die apostolische Zeit, 7 angeblich 'echte' Paulusbriefe) wird axiomatisch vorausgesetzt, und die historisch-kritische Forschung der letzten 100 Jahre beschränkte sich darauf, die kargen historischen Befunde und Quellen auf diese unantastbaren Axiome hinzubiegen. Was z.B. im Falle der Paulus trotz generationenlangen Forscherschweißes nicht überzeugend gelang - vgl. (92, 107, 108).

522 M. v. Ardenne (1990): Die Erinnerungen  Herbig München
523 H.H. von Arnim (1997): Fetter Bauch regiert nicht gern. Die politische Klasse - selbstbezogen und abgehoben  aktualisierte Taschenbuch­ausgabe, Knaur München 1999
524 C. von der Malsburg (1981): The Correlation Theory of Brain Func­tion.  Internal Report 81-2, Dept of Neurobiology, Max-Planck-Institute for Biophysical Chemistry, Göttingen

Ein kooperatives neurobiologisches Konzept der Hirnfunktion. Muster wer­den durch Neuronenensembles repräsentiert, die durch schnell schaltende Synapsen verbunden sind: synchron aktive Synapsen verstärken ihre synapti­sche Kopplung und erhöhen die Neigung zu späterer Kooperation; antisyn­chrone vermindern ihre Kopplung und verkleinern ihre Kooperativität. Die Neuronenensembles zeichnen mit den synaptischen Konnektivitäten ein dy­namisches Bild der Gliederung beliebiger Muster. Fließende Übergänge sind eine Stärke des Ansatzes. Die Theorie erlaubt hypothesenarme phylo- und epigenetische Erklärung komplexer Hirnfunktionen auf der Basis von Selbst­organisation; insbesondere stützt sie sich nicht auf zentrale neuronale Algo­rithmen und Merkmalshierarchien, welche Zusatzhypothesen über 'pro­grammierende Netzwerke' erfordern, die bei Strafe infiniten Regresses früher oder später metaphysische Intervention fordern. Vgl. (442,525).

525 C. von der Malsburg, W. Schneider (1986): A neural Cocktail-Party Processor  Biol. Cyber. 54, 29-40

Einfache Anwendung der Korrelationstheorie der Hirnfunktion (524) auf ein akustisches Figur-Hintergrund-Problem. Muster werden an Hand einer burst-ähnlichen Zeitstruktur gebunden und verzerrungsfrei in den primären akustischen Feldern segmentiert. Weitere Ausarbeitung des Modells in (442).

526 C. von der Malsburg (1987): Ist die Evolution blind?  in (295)

Über die Evolution der Evolution.

527 D. von Engelhardt (1979): Historisches Bewusstsein in der Naturwissenschaft von der Aufklärung zum Positivismus  Alber Freiburg
528 H.v.Klöckler (1926): Astrologie als Erfahrungswissenschaft  Die­derichs München 1989
528a A. von Harnack (1924): Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten, 4. Auflage  Hinrichs'sche Buchhandlung Leipzig, unverändert nachgedruckt bei VMA-Verlag Wiesbaden
529 K.von Meyenn Hrsg. (1990): Lust an der Erkenntnis: Triumph und Kri­se der Mechanik. Ein Lesebuch zur Geschichte der Physik  Piper München
530 K. von Meyenn (Hrsg.) (1994): Quantenmechanik und Weimarer Republik  Vieweg, Braunschweig

Vorstellung und Diskussion der "Forman-Thesen" über den Einfluss des "antikausalen" Weimarer Zeitgeistes auf die Entstehung der Quantenmechanik

531 J. von Neumann (1955): Mathematical Foundations of Quantum Me­chanics  Princeton University Press Princeton

Standarddarstellung des quantenmechanischen Formalismus.

532 A. v. Pronay (1975): Sterne in uns. Überlegungen zur Astrologie  Rohm-Verlag Bietigheim
533 R. von Ranke-Graves (1948,1985): Die weiße Göttin. Sprache des Mythos  Rowohlt, Reinbek
534 T.von Uexküll, W. Weslack (1988): Theorie der Humanmedizin

"Die Revolution, welche zu Beginn unseres Jahrhunderts die Physik verän­dert hat, konnte die Vorstellung der Biologie und Medizin nicht erschüttern ... [Biologie und Medizin sind] heute noch heile Enklaven des Gestrigen."

535 C.F. von Weizsäcker (1988): Aufbau der Physik  dtv

Pflichtlektüre für Naturwissenschaftler. Gibt der Physik die Klarheit, die man der Physik geben soll. Sauberer Aufbau der verschiedenen epistemischen Ebenen, Protophysik, Kritik der Grundbegriffe. Allerdings ein ziemlicher Einheit-des-Weltbilds-Fanatiker; ein Problem, wenn er sich über die "Einheit der Natur" verbreitet, weil er nämlich glaubt, diese sei Physik, wie weiland in den Goldnen Zwanzigern der Wiener Kreis.

536 M. Walker (1989): Die Uranmaschine. Mythos und Wirklichkeit der deutschen Atombombe  Siedler bei Goldmann 1992 Taschenbuch 1480

Walker untersucht "Wissenschaft und Erkenntnis als Macht". Macht sei dabei eine Zusammenfassung wirtschaftlicher, industrieller, militärischer, politischer und gesellschaftlicher Kräfte. Wie und durch wen wird diese Art vom Macht ausgeübt? Es geht also um "Wissenschaftspolitik im weitesten Sinne", um "die Beziehungen zwischen Wissenschaftlern und verschiedenen Trägern des mo­dernen Staates".

Dazu "wird ein Extremfall behandelt, nämlich der Versuch deutscher Wissenschaftler und Techniker, in den letzten sechs Jahren nationalsozialistischer Herrschaft das wirtschaftliche und militärische Potenzial der Kernspaltung zu nutzen; dies geschieht aus der Sicht der an diesen Forschungen beteiligten Wissenschaftler. Obwohl das Beispiel außergewöhnlich ist, bin ich davon überzeugt, dass die Grundstrukturen der Wissenschaftspolitik weitgehend identisch sind und hier nur deshalb ungewöhnlich wirken, weil sie deutlich zu Tage treten. Die Risse in einem Ast sind leichter zu erkennen, wenn das Holz gebogen wird."

537 I. Wagner (1984): Die neue Ordnung der Welt. Zur Sozialgeschichte der Naturwissenschaften 1500-1700  Deuticke Wien

Ina Wagner ist Sozialwissenschaftler und promovierter Kernphysiker.

538 J. Watson (1968): Die Doppel-Helix  Athenaeum
539 P. Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein
540 P. Watzlawick, J.H. Beavin, D.D. Jackson (1967): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien  Huber, Bern
541 P. Watzlawick, HJ.H. Weakland, R. Fish (1974): Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels
542 P. Watzlawick (1976): Wie wirklich ist die Wirklichkeit. Wahn, Täu­schung, Verstehen  Piper München

Gute Frage! Sehr amüsant und lesbar.

543 P. Watzlawick Hrsg. (1985): Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, waswirzu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus  Serie Piper

Absolute Pflichtlektüre für Besserwisser und solche, die es werden wollen.

544 H-U.Wehler (1988): Entsorgung der deutschen Vergangenheit? - Ein polemischer Essai zum "Historikerstreit"  Becksche Reihe
545 S. Weinberg: Die ersten drei Minuten
546 H. Weinrich (1976): Sprache in Texten  Klett Stuttgart
547 S. Weizenbaum: Die Macht der Computer und die Ohnmacht der kritischen Vernunft
548 S. Weizenbaum: Kurs auf den Eisberg, ODER nur ein Wunder kann uns retten, sagt der Computerexperte
549 H. Wedekind (1987): Gibt es eine Ethik der Informatik? - Zur Verantwortung des Informatikers  Informatik-Spektrum (1987) 10: 324-328

Nein, gibts nicht. Ultra posse nemo obligatur, als Informatikprofessor hat Wedekind kein besonderes Verantwortungsbewusstsein und lässt sich auch keins aufschwatzen. Der Aufsatz kann als Annonce gedeutet werden: für Geld mach' ich doch alles, her du Militärknete! Verpackt in pseudohumanistisches Kleinbildungsbürgergefasel, gespickt mit lateinischen und griechischen Phra­sen. Erschütterndes Dokument professoral übertünchter geistig-seelischer Ver­wahrlosung.

550 M. Werner (1953): Die Entstehung des kirchlichen Dogmas problem­geschichtlich dargestellt Zweite Aufl.  Katzmann Tübigen 1954

"Samisdat-Literatur" (Mike Conley): schon lange vergriffener Klassiker der Dogmengeschichte. Wie das urchristliche Dogma, ausgehend von einer ur­sprünglichen "Engelschristologie", immer wieder den Umständen entspre­chend neu definiert, die Vorgängerdogmen zu Ketzerei umdefiniert und die Ge­schichte entsprechend umgeorwellt wurde. Die Geschichte des Urchris­tentums als multipler Palimpsest - kein Wunder, dass von hier aus die Anfänge so sehr in Nebel gehüllt erscheinen.

551 J. A. Wheeler, W. H. Zurek (Hrsg) (1983): Quantum Theory and Mea­surement  Princeton University Press Princeton

Berühmte Interpretationen des Messproblems in der Quantentheorie: Eve­retts These von den Alternativwelten, Wheelers partizipatorisches Univer­sum, Wigners Bewusstseinswellen

552 J. Wickert (1983): Isaac Newton - Ansichten eines universalen Geis­tes.  Serie Piper
553 K. Wilber (1977): Das Spektrum des Bewusstseins  Scherz, Berlin 54 K. Wilber (Hrsg. 1982): Das holographische Weltbild. Wissenschaft und Forschung auf dem Weg zu einem ganzheitlichen Weltverständ­nis - Erkenntnisse der Avantgarde der Naturwissenschaftler. Beiträge von D.Bohm, F.Capra, M.Ferguson, K.K.Pribham, K.Wilber u.a.

Allgemeinverständlich, lesenswert. Besser als (494)!

555 A.E.Wilder-Smith (1985): Die Naturwissenschaften kennen keine Evolution  Schwabe und Co.

Das Fuchteln mit dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik geht voll daneben. Sonst eine Lochsammlung zum Neodarwinismus, für Wilder-Smith eine Pseudowissenschaft, ein Antipode zum Faktenkrämer H.K. Erben, der ihn in steifer Würde für einzig wahr nimmt und dennoch, wischt man ihm den flocki­gen Schaum vom Mund und hört genau hin, zum selben Ergebnis kommt. (139) Die Evolutionsbiologen sind mit ihrem mystagogischen Wissenschaftsverständnis selber schuld, dass der Kreationismus wieder lebt!

556 C. M. Will (1986): ... und Einstein hatte doch recht Springer  Berlin

Eddingtons Beobachtungen der Lichtablenkung am Sonnenrand im Jahre 1919, die Einstein mit einem Schlage zum Superstar der Physik machten, wa­ren sehr zweifelhaft. Aber an eine so schöne und einfache Theorie wie die all­gemeine Relativitätstheorie wollten die Physiker glauben. Erst die sechziger Jahre brachten den glänzenden Triumph über ihre Konkurrenten!

557 C. Wills (1993): Das vorauseilende Gehirn. Die Evolution der menschlichen Sonderstellung  Fischer Frankfurt/M

557a J. E. Wills (2001 1688 - Die Welt am Vorabend des globalen Zeitalters  Lübbe Bergisch Gladbach 2002

558 C. Wilson (1971): Das Okkulte  März Frankfurt/M1982, Fourier Wies­baden 1995
559 Robert A. Wilson, Shea: Illuminatus! (3 Bände)  rororo

Brillante Wissenschafts-Dada! Parodie reaktionärer Verschwörungstheo­rien: Hochleistungs-Paranoia. Erstklassiges Gehirnwaschmittel: weisch und weiß zugleisch. Macht das Denkkastl rischtisch flauschisch. Ich las Illumi­natus! nach 12 Jahren ein zweites Mal, um mein durch Eccos "Foucaultsches Pendel" verklebtes Hirn genussvoll zu reinigen.

Verrückter ist nur noch die Wirklichkeit. Wie erkannte doch freewheelin' Franklin? "Wir sind längst nicht so paranoid, wie wir dachten!" Vgl. (61)

560 R. A. Wilson: Ist Gott eine Droge, oder haben wir sie bloß falsch ver­standen?  rororo

Gutes Gehirnwaschmittel: reinigt humorvoll ohne klebrige Rückstände, schont das Nervengewebe. In der Tendenz wie (561). Übrigens kann man alle SF-Grotesken dieses Autors uneingeschränkt zur gelegentlichen Hirnentkal­kung empfehlen.

561 R.A.Wilson (1986,1992):Die neue Inquisition. Irrationaler Rationalismus und die Zitadelle der Wissenschaft  Zweitausendeins, Frank­furt/M, Nr. 10783

Plädoyer für konsequenten Modell-Agnostizismus. Wissenschaftstheoretisch, aber auch fortianisch unterlegter, oft brüllend komischer Angriff auf den Sziento-Fundamentalismus.

562 R. Winkler, M. Eigen (1975): Das Spiel. Naturgesetze steuern den Zufall  Piper München
563 P.H. Winston (1984): Artificial Intelligence  Addison Wesley
564 L. Wittgenstein (1921): Tractatus logico-philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung  Suhrkamp Frankfurt/M edition suhrkamp 12

"Man könnte den ganzen Sinn des Buches etwa in die Worte fassen: Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen. Und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen."

Dem kann man mit Kopf und Arsch zustimmen angesichts der sinnlosen Vernebelungen und sülzigen Verschwafelungen im Wissenschafts- und Kultur­betrieb.

Ein verdammt starkes Wort. Doch das Herz weiß: es ist nicht wahr. "Drücke dich nie deutlicher aus, als du denkst", hält Niels Bohr dagegen. Wenig auf der Welt ist klar, nichts würde jemals klar, und nichts unaussprechlich Mystisches würde je sich zeigen [6.522], würde nicht sehr lange, sehr oft und sehr unklar vorher darüber geredet. C'est la vie.

564a K. Wittlich (1991): Über die Wahrscheinlichkeit der zufälligen Entstehung brauchbarer DNA-Ketten  www.weloennig.de/NeoD.html

Wittlichs konservative Rechnung lässt zu, dass in einer "brauchbaren DNA-Kette" bis zu 40% der Nukleotiden beliebig besetzt sein dürfen, ohne ihre Brauchbarkeit zu zerstören; eine sehr großzügig bemessene Fehlertoleranz. Aber auch dann ist die "Rechenkapazität" der Materie immer noch viele Größenordnungen zu klein, um die Implementation der grundlegenden evolutiven Mechanismen als brute-force-Methoden zu erlauben - was die Evolutionsbiologie aber immer noch stillschweigend postuliert.

Die Theoretiker haben hier noch viel Arbeit vor sich; es gibt z.B. Vorüberlegungen zu einer "Evolution des Evolutionsmechanismus" (526). Meist ist allerdings die Neigung zu beobachten, das gewaltige Problem "wegzuerklären", statt Lösungsansätze zu suchen. Hier spielen Wunschdenken und Berührungsängste eine große Rolle.

Wissenschaftler, die an die einschlägigen Tabus rühren, bekommen auch in Deutschland Schwierigkeiten, wie Prof. Wolf-Ekkehard Lönnig erfahren musste. Um seinen Fall zu dokumentieren, hat er eine Internet Library eingerichtet, deren Studium allen ans Herz gelegt wird, die sich für moderne Evolutionsbiologie und moderne Inquisition interessieren.

565 L. Wittgenstein (1953): Philosophische Untersuchungen  Oxford
566 F.A. Wolf (1994): Die Physik der Träume. Von den Traumpfaden der Aborigines bis ins Herz der Materie  Byblos Berlin 1997
567 D. Wolkonow (1989): Stalin. Triumph und Tragödie. Ein politisches Porträt  Claassen
568 F. Wuketits (1983): Evolutionäre Erkenntnistheorie - Die neue Herausforderung  in (226) u. Lorentz, Wuketits(Hrg): Die Evolution des Denkens, München 1983
569 F. Wuketits (1985): Zustand und Bewusstsein. Leben als biophiloso­phische Synthese  Hoffmann und Campe, Hamburg

Anders als die glühend beneideten Physiker oder Chemiker trauen sich viele Biologen keine eigenständige theoretische Disziplin zu. Lieber eiern sie mit viel Wenn und Aber zwischen Naturwissenschaft, Philosophie und Wissenschaftstheorie. Aber solange es so wenig professionelle Theoretische Biologie gibt, hängen die Biologen weiter am Tropf ideologischer Surrogate. Diese biophilosophisch abzuschmecken, ist ein unvollkommener Ersatz für eigen­ständige Theorienbildung. Da helfen auch keine starken Sprüche:

"Wo wir nach objektiver Erkenntnis streben, ist jede Ideologie fehl am Platz, und keine ideologische Doktrin verträgt sich mit einer naturwissenschaftlich­philosophischen Synthese ... Erwartet der Leser also von diesem Buch etwa einen Fingerzeig auf eine Ideologie (ganz gleich, welcher Richtung), dann kann er sich die Lektüre schenken."

Soll man lachen oder weinen über soviel arrogante Naivität? Aber haben wir was Besseres? Vielleicht Riedl? (424) Auch nicht jedermanns Geschmack. Es steht fürwahr traurig um die Theoretische Biologie!

570 F.M. Wuketits (1998): Naturkatastrophe Mensch. Evolution ohne Fortschritt  Patmos Düsseldorf

Das musste ja so kommen. Früher oder später scheint jeden aus dem Altenburger Dunstkreis der kulturpessimistische Schatten von Übervater Lorenz zu erwischen, aber bei Wuketits war es besonders leicht vorherzusagen: ein linearer Denker eben, ein typischer one-stack-mind.

571 P. Yam (1999): Das zähe Leben von Schrödingers Katze in: Spektrum der Wissenschaft Digest 111999 Quanten-Phänomene p28-34
572 A. Zeilinger (2000): Quanten-Teleportation  Spektr. d. Wissenschaft 612000 p30-40
572a A. Zeilinger (2003): Einsteins Schleier. Die neue Welt der Quantenphysik  C.H. Beck München

Der Autor bemüht sich erkennbar, seine Leser für das Thema zu erwärmen, doch ein hervorragender Wissenschaftler ist noch kein guter Journalist. Man kann die kritischen Aspekte (Verschränkung, Nichtlokalität, verzögerte Wahl) in Augenhöhe des interessierten Laien so darstellen, dass dieser eigene Gedankengänge über die weltanschauliche Bedeutung anstellen kann. Und dies tut Not!

Aber es gelingt nicht, trotz aller Mühe. Zeilingers Schilderung wird an den kritischen Punkten langatmig und unbeholfen; ähnlich wie Hawking erkauft er den Verzicht auf mathematischen Symbolismus mit holpriger Langatmigkeit, im Einzelnen gerade noch verständlich, im Ganzen aber undurchschaubar. Der Leser bekommt nur etwas "Ahnung von Quantenmechanik" und muss dem Autor im Großen und Ganzen gläubig folgen, wenns ums Philosophische geht.

Zeilinger spart die neuen experimentellen Ansätze zum quantenmechanischen Messproblem aus; das wichtige Thema der "Quantenmäuse", mit denen es zu gelingen scheint, Schrödingers Katze hinterm philosophischen Ofen hervorzulocken, kommt nicht zur Sprache. Vielleicht, weil dem bekennenden Kopenhagenianer die hier neu aufschimmernde realistische Interpretation der Quantenmechanik nicht liegt?

Es sei ihm ja vergönnt, uns seine Sicht der "wahren Wirklichkeit" anzubieten: alles sei letztlich Information. Aber um zu dieser griffigen Formulierung zu kommen, muss er den Begriff "Information" weit und schwammig interpretieren (darin durchaus im Einklang mit herrschendem Aberglauben zu diesem problematischen Thema). Hätte er besser "Wissen" oder "Kenntnis" gesagt - aber dann wär seine wahre Ansage deutlich geworden: "Ich habe soeben den Idealismus erfunden."

573 Ziegler (1970): Kommunikation als paradoxer Mythos. Analyse und Kritik der Kommunikationstheorie Watzlawicks und ihrer didakti­schen Verwertung.
574 J. Ziegler (1998): Die Barbaren kommen. Kapitalismus und organi­siertes Verbrechen  Berteismann München
575 J. Ziman (1982): Wie zuverlässig ist wissenschaftliche Erkennt­nis?  Vieweg Braunschweig

Lesenswert und gemein verständlich. Die pragmatische Wissenschaftstheorie eines theoretischen Physikers, der hörbar wenig Lust hat, sich von Hyperwissenschaftlern wie Popper und Co. sein Geschäft vorschreiben zu lassen.

576 D. Zimmer (1986): Tiefenschwindel: Die endlose und beendbare Psychoanalyse. Erweiterte Taschenbuchausgabe  als rororo Sachbuch 1680, Hamburg 1990

Im literarischen Lager finden wir besonders hartnäckige Vertreter eines unaufgeklärten Rationalismus. Die verträumtesten Poeten (269,270) sind oft wilde Komplexitätsverweigerer und tolle Wirklichkeitsflüchtlinge, gefangen in der Kausalmechanik der Jahrhundertwende, aber keine Ahnung von Phy­sik und noch stolz drauf. Der Literaturwissenschaftler Zimmer, Preisträger der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, ist eine kostbares Ausnahme.

Er ist - ähnlich wie der verstorbene H. v. Ditfurth, anders als verständnislose, hasserfüllte Betonköpfe wie Erben (139) - einer der klügeren Vertreter des kontrollierten Rationalismus. In diesem Buch allerdings lässt er sich gehen und brilliert als gravierendes Mitglied der 'Erledigt Freud'-Society. Trotz harter Arbeit und notorischer Unwissenschaftlichkeitsbescheinigung ist deren Ziel aber noch fern, non esse delendam. Vgl. auch A. Grünbaums (308p351-394) put­zigen Beitrag.

Zimmer beschießt an der Psychoanalysekirche, was beschossen gehört: den Machtmissbrauch, den notorisch überspannten Deutungsrahmen.

Vom real existierenden mechanischen Wissenschaftsverständnis hätte sich Freud heute sicher distanziert; heute können wir klar erkennen, dass Psychologie so einfach nicht funktioniert. Diese klare und einfache Einsicht, Psychologie sei zu kom­plex für kausale Mechanik, denunziert Zimmer als "antinaturwissenschaftlichen Affekt". Selbstverständlich sollte Psychoanalyse und (Neuro-)Physik letztlich nicht kollidieren. Zimmer tut ständig so, als sei die Kollision unaus­weichlich, aber inzwischen wird Freud sogar im neurowissenschaftlichen main stream wieder erstaunlich ernst genommen.

Zimmer unterlegt seine lange Predigt mit Neurowissenschaftlichem wie ein Pastor mir Bibelversen - nach dem Motto: irgendwie passts schon. Jene Freudianität sei durch diesen Befund widerlegt, doch kommt der Große Bruder Wissenschaft selten nah heran, und wenn, fallen Eigentore: was den neurowissenschaftlichen Elfenbeintürmern Freud zu bestätigen scheint, bringt Zimmer zur Widerlegung in Anschlag. Da weder Zimmer noch Neurowissenschaftler völlig blöd sind, folgt: Irgendwie ist das Auslegungssache! Soll man die nicht den Fachlern überlassen? Besser nicht!

Mir einschlägig neurowissenschaftlich vorbelasteten, subjektivem Subjekt und eisernem Widerständler läge nichts ferner als eine Analyse, ich wäre nie Freudianer, fand aber Freud inspirierend und Vie­les empirisch nachvollziehbar. Ein Kollege, ebenfalls Neurophysiker, eingefleischter Rationalist und Vollzeit-Skeptiker, machte mal ne Analyse und fand das ganz wissenschaftlich. Naja, Wissenschaftler sind ja auch nur Menschen. Aber Zimmer weigert sich auf das Ausführlichste, aus der Deckung zu gehen. Natürlich setzt es gerade dann erst so richtig Haue von den falschen Priestern, doch der Indianer kennt keinen Schmerz!

Zimmer immunisiert derart gründlich, weist Argumente ad personam so fu­rios zurück und macht die hermeneutischen Püschologen so zur Sau, dass auf diese verzweifelten Schreie hin die deutungsgeile Analytikerzunft sicher gra­tis liefert. Zimmer, der Analyse-Abstauber!

Ich verrat' kostenlos, was ich Esel und Zimmer, Freud, Casti, v. Ditfurt, Gardner, Feyerabend, Lakatos, Popper, Descartes, Grünbaum, Kardinal Bellar­min, Papst Urban u.v.a. im Hirnkastl gemein haben: den frühkindlichen, innigen, magi­schen Wunsch, die Leut' zu ZWINGEN, einem Recht zu geben. Das ist das Kreuz mit Rittern wie uns! Mehr wissen kost'n Euro-Hunnie die Stunde. Ich mach mich doch nicht umsonst unbeliebt.

577 Marion Zimmer-Bradley (1983): Die Nebel von Avalon  Fischer Frank­furt/M

Auf der Folie eines angenommenen maternalen keltischen Glaubens zeich­net Zimmer-Bradley die moralische Sackgasse des Christentums und macht den Blick frei für eine verantwortungsbewusste, nicht auf persönliche Erlösung fi­xierte Religion mit der Maxime "Wir erschaffen die Welt in unseren Gedan­ken täglich neu."

578 G. Zukav (1979, 1981): Die tanzenden Wu Li Meister. Der östliche Pfad zum Verständnis der modernen Physik: vom Quantensprung zum Schwarzen Loch  Rowohlt Reinbek bei Hamburg

Mit östlichem Denken hat dieser gemein verständliche Physiklehrgang inhaltlich nichts zu tun, was der Autor nachdrücklich betont. Der Titel bezieht sich auf den literarischen Stil, nicht auf den Inhalt, wie es etwa in Capras "Tao der Physik"(60) tatsächlich der Fall ist.

Zukav schreibt "für geistig aufgeschlossene Menschen..., die etwas über mo­derne Physik erfahren möchten, aber die Fachterminologie und vielleicht auch die notwendigen mathematischen Prinzipien nicht beherrschen. ... Es vermittelt die wesentlichen Elemente der Ouantenmechanik, der Quantenlo­gik, der speziellen Relativität, der allgemeinen Relativität und einiger neuer Ideen, die der modernen Physik die Richtung weisen."

Zukav ist der Künstler, der die Physiker kennen und schätzen lernte. Leider ist sein Buch darum wissenschaftlich etwas fromm geraten.

579 T. Zülch Hrsg. (1996): Die Angst des Dichters vor der Wirklichkeit. 16 Antworten auf PETER HANDKEs Winterreise nach SERBIEN  Steidl Göttingen
NN Namentlich nicht gezeichnete Beiträge
580 Die Woche (1999) Adieu zum Atom  19.März 1999 p25

"Trotz des deutsch-französischen Krachs um die Atomenergie will auch Frankreich aussteigen - nur auf leiseren Sohlen als Deutschland", und zwar aus wirtschaftlichen Gründen:

"Beim Neubau eines Gaskraftwerkes kostet ein installiertes KW 800 DM, bei Atomkraftwerken jedoch 3000 DM. Auch der Betrieb ist durch den Rück­gang der Gaspreise, bessere Brenner und die gleichzeitige Nutzung der Ab­wärme wesentlich rentabler geworden. Außerdem weiß Frankreich gar nicht wohin mit all dem Strom. 'Wir haben Überkapazitäten', räumt Guibert ein. EdF hat sich durch das Atomprogramm schwer verschuldet und drängt nun auf Stromexporte, um überhaupt rentabel zu arbeiten."

Wobei allgemein hervorzuheben ist, dass die Preise für Atomstrom ohnehin nicht marktwirtschaftlich gebildet sind, sondern aufgrund staatlicher Förde­rung stark bezuschusst. Und die erheblichen Kosten für Stilllegung und End­lagerung des Kernbrennstoffs sind noch bei weitem geschönt; wie schon beim Aufbau der Kernenergie-Infrastruktur, verlässt man sich auch hier auf den Staat.

416 PSYCHOLOGIE HEUTE, Feb. 1988 Kontroverse Aufsätze über Astrologie

HOMEPAGE Stand: 13.06.2003 © Werner Schneider