Was ist eigentlich Geist?

Werner Schneider

Vor Lektüre bitte unbedingt Gehirn in Berggang herunterschalten. Danke schön.

Achja, immer wieder nett, diese liebe Was-ist-eigentlich-Fragerei. Die Antwort des besten Wissens unserer Zeit - DER NATURWISSENSCHAFTEN im Allgemeinen und der Neurowissenschaften im Besonderen - auf die Frage nach dem Geist:

"Geist ist eine Eigenschaft des Gehirns", sagt der "Biophilosoph" Frank Wuketits (569p233), und der muss es nun wissen, immerhin hat er Biologie und Philosophie durchaus studiert. Er präsentiert uns stolz die "systemtheoretische Perspektive", und von dieser aus gesehen erscheine diese Eigenschaft, die der Geist sei, als "Systemeigenschaft".

In diese immer noch schicke Sackgasse rennen die Neurowissenschaftler schon seit langem mit nicht nachlassender Begeisterung. Im Falle des naturphilosophisch hochbelesenen Wuketits stimmt uns die Nachbeterei dieser spätmodernen Leerformel doch sehr traurig.

Deklinieren wir das mal ganz langsam durch.

Ist Geist (oder Bewusstsein, meinetwegen: 'mind') eine 'Eigenschaft'? Was ist eigentlich eine 'Eigenschaft'? Irgendwas, was an einem 'Ding' dranklebt. Substanz und Akzidenz pipapo. Da stritten sie nun jahrhundertelang um Universalien und haben sich im Wesentlichen zu einer nominalistischen Position durchgerungen; nun, lassen wir die ganze Ontologie beiseite, da kommen wir auch nicht sehr viel weiter als die mittelalterliche Scholastik.

Beschränken wir uns ganz pragmatisch auf die Methodenlehre; klopfen wir die Begriffe darauf ab, was sie uns in Labor und Alltagsleben bringen können. Wir prüfen also - in klarem Deutsch - ihre funktionalen und operationalen Aspekte; nicht ihre "eigentliche Wirklichkeit", sondern ihre Tauglichkeit zur symbolischen Beschreibung und konkreten Bewältigung der Wirklichkeit, ähnlich wie wir es aus dem wissenschaftlichen Modelldenken kennen.

Auf dass weder die Klofrau in Hannover noch der Philosoph aus Königberg uns mit faulen Eiern bewerfe oder scheel ansehe.

Ich denke, da kommen wir nicht umhin, von den Dingen des Bewusstseins als substanziellen Dingen zu sprechen. Wenn wir das Bewusstsein irgendwo als Eigenschaft - und sei es eine hochmoderne Systemeigenschaft - dranpappen, wird das dem Gegenstand nicht gerecht.

Sagen wir mal: Geist ist ein Ding an und für sich. Und was auch immer in Hannover und Königsberg darunter verstanden wird, das genau ist hier auch gemeint, in aller Plattheit und in aller Tiefe.

Lassen wir die Systemeigenschaft, lassen wir die Eigenschaft, lassen wir den Geist ein 'Ding' sein! Da kann uns wirklich keiner begriffliche Verschwendungssucht vorwerfen.

Reduzieren wir den Satz mal vorsichtig auf 'Geist ist xyz'.

Diese Aussageform ist ein schlüpfriger Ausgangspunkt; denn ich denke, dass - auf der platten Ebene praktischer Methodologie - für den Begriff des Geistes der aristotelische Satz von der Identität nicht gilt: Geist ist eben nicht gleich Geist, Geist ist kein "Universale" - weder eine bestimmte Substanz noch eine bestimmte Akzidenz.

Vielleicht gibt es etwas, was allen Erscheinungsformen des Geistes gemeinsam ist; aber verkneifen wir es uns doch, beim Tiefstand unserer Erfahrungen, unserer empirischen Wissenschaft, den unzähligen Spekulationen der Vergangenheit naseweis noch eine weitere hinzuzufügen, und denken stattdessen in eine ganz andere Richtung; schrauben wir das intellektuelle Niveau weiter radikal nach unten, in Richtung empirische Basis, um diese ein bisschen zu verbreitern.

Denken wir an, von vorne an, und zwar ganz langsam und vorsichtig. Widmen wir unsere meditative Andacht einem Definitionsansatz, der nicht formal linguistisch oder sonstwie analytisch ist, sondern nach der konkreten Bedeutung der Sprachzeichen fragt, also semiotisch orientiert daherkommt. Und stellen wir uns so dumm, wie es irgend geht!

Auf das niedrigste denkbare Niveau hinuntergedacht, können wir mutig sagen: 'Geist ist eine Erfahrung'. Das Zeichen 'Erfahrung' kann über das Zeichen 'ist' mit dem Zeichen 'Geist' prima kopulieren, ohne eine kategorische Mesalliance zu riskieren, weil sowohl Geist als auch Erfahrung aus dem gleichen voraristotelischen Begriffsstall kommen: für beide gilt keine aristotelische Identität. Platter, aber auf unserem niedrigen Niveau völlig adäquater Beweis: Erfahrung ist nicht gleich Erfahrung. Wenn ich die Hand ins Feuer halte, erfahre ich etwas anderes, als wenn ich sie ins Eiswasser tunke.

(Nicht mal eine Rose ist eine Rose, wie uns einer der spektakulärsten poetischen Irrtümer des 20. Jahrhunderts weismachen wollte. Eine Rose ist mehr als eine Rose ist mehr als eine Rose!)

Es gibt derzeit 6 Milliarden Arten, Geist (und Rosen) zu erfahren. Ich denke, die moderne Wissenschaft hat dieser Wahrnehmung einen Purgafikationsprozess vorgeschaltet, eine Läuterung, eine asketische geistliche Übung: Man verenge seinen Gewahrsam auf permanentes Mindestmaß, auf den kleinsten gesellschaftlichen Nenner nämlich. Sei möglichst 'objektiv', heißt es. Reduziere dein Erleben auf möglichst einfache Kategorien, getreu Kants kategorischem Imperativ zur universalen Verallgemeinerbarkeit. Fürchte bloße Subjektivität oder nackt Subjektivistisches wie die Nonne den Striptease. Entblöße dich nicht, halte dich bedeckt.

Im Falle fantastischer Anfechtungen halte man sich die Ohren zu, schließe fest die Augen und krieche notfalls unter die Bettdecke, um all die lästigen Zufälligkeiten, Unwiederholbarkeiten, Unbeschreibbarkeiten konkreter, lebendiger 'Erfahrung' systematisch vernachlässigen zu dürfen.

Tja, und was dann noch übrigbleibt, das allein sei der Betrachtung wert. So muss man sich mit den lästigen konkreten Einzeldingen nicht abgeben, mit dem Sonderbaren: mit Sinnesdaten, Gefühlen, Emotionen; mit Glauben, Willen, Fantasie, Einbildungen, mit Schmerz und Lust, Leid und Freude.

Aber all dies sind Ingredienzien unseres 'Geistes', auch wenn uns keinerlei Logik vorab bekannt ist, die sie im Geiste verknüpft, es denn phänomeno-logisch, wenn überhaupt.

Ach dass doch ein viel studiert habender, welterfahrener, intelligenter Mensch daherkäme und ein Werk schriebe des Titels "Die Phänomenologie des Geistes"! Ach warum gibt es so ein klippschulmäßig grundlegendes Propädeutikum nicht, und der Weltgeist humpelt fußkrank einher! Jemand namens Hegel täuscht vor, so ein Werk verfasst zu haben. Hegel war sicher ein viel studierter, belesener Mensch; leider aber vergaß er, in einem guten philosophischen Wörterbuch nachzuschauen, was 'Phänomenologie' bedeutet.

Gut, er tat, was seiner Zeit möglich war, und was der hohen Politik frommte, aber das war eben nicht viel in dem aus persistierend panischer Angst vor dem Klerus zu eng gesteckten Gedankenkreis der Aufklärung. Vor allem Klartext war nicht möglich.

Was nun die Dinge des Bewusstseins und des Geistes angeht, so ist Hegels Zeit und ebensoschlecht die unsrige womöglich noch hinter die ersten bekannten Zivilisationen zurückgefallen, hinter Sumer; vielleicht sogar noch hinter den schon zur Steinzeit bereits hie & da erreichten Stand.

"Nun übertreiben Sie aber!" - "Hoffentlich. Es hofft der Mensch, solang er lebt."

Seit der Aufklärung köchelt der Geist bei den so genannten Geisteswissenschaften auf kleiner Flamme und wird bekanntlich nur sonn- und feiertags ernst genommen, und nie, gar nie, bei strengstem Gedankenverbot, auch einmal werktags. Im dritten Programm, im Feuilleton, in der Kunst, der schönen Lit'ratur führt der Geist ein schattenhaftes Dasein, rumort im Kulturteil eingedämmt vor sich hin, murrt und knurrt schmorend hinter Ghettomauern.

Zwei Kulturen? Zwei Welten? Na schön: eine Werktags- und eine Sonntagswelt. Drum lassen wir die Beschönigungen: Der Geist ist in der Wüste, abseits der Welt, als weltfremder Schöngeist oder exilierter Rebellionsgeist, beim kleinsten Anzeichen praktischer Relevanz sofort - ABER SO-FORT - zurückgepfiffen.

Dennoch denke ich, dass ein (guter) Künstler oder eine (talentierte) Klofrau eine viel breitere empirische Basis hat, um wissenschaftlichlich, empirisch, über Geist und Bewusstsein arbeiten zu können, als irgendein Philosoph, Naturphilosoph, Wissenschaftler, Wissenschaftstheoretiker oder sonstiger Adept des reinen Denkens, der die schmutzige Wirklichkeit durch schnell fertige Abstraktionen von sich fern zu halten beruflich verpflichtet ist.

Darum arbeitet. Um Gottes Willen: arbeitet.


Auszug aus der Literaturschau

569 F. Wuketits (1985): Zustand und Bewußtsein. Leben als biophilosophische Synthese Hoffmann und Campe, Hamburg zum Kontext

Anders als die glühend beneideten Physiker oder Chemiker trauen sich viele Biologen keine eigenständige theoretische Disziplin zu. Lieber eiern sie mit viel Wenn und Aber zwischen Naturwissenschaft, Philosophie und Wissenschaftstheorie. Aber solange es so wenig professionelle theoretische Biologie gibt, hängen die Biologen weiter am Tropf ideologischer Surrogate. Diese biophilosophisch abzuschmecken, ist ein unvollkommener Ersatz für eigenständige Theorienbildung. Da helfen auch keine starken Sprüche:

“Wo wir nach objektiver Erkenntnis streben, ist jede Ideologie fehl am Platz, und keine ideologische Doktrin verträgt sich mit einer naturwissenschaftlich-philosophischen Synthese ... Erwartet der Leser also von diesem Buch etwa einen Fingerzeig auf eine Ideologie (ganz gleich, welcher Richtung), dann kann er sich die Lektüre schenken.”

Soll man lachen oder weinen über soviel arrogante Naivität? Aber haben wir was Besseres? Vielleicht Riedl? (424) Auch nicht jedermanns Geschmack. Es steht fürwahr traurig um die theoretische Biologie!


Empfang Stand: 23.10.2002 © Werner Schneider