Feste Zeiten - ein kleiner Gang durchs Jahr

Wird umsjahrgehend vervollständigt


Beltane

Keltischer Name des um den Maibeginn gefeierten großen Frühlings- und Fruchtbarkeitsfestes. In der alten Tradition wurden am Abend des Festes "Beltanefeuer" entzündet, in deren Schein die Menschen die Göttin der Fruchtbarkeit unter vollem Einsatz von Geist, Seele und Körper feierten.

Der neuerdings neu aufgelebte Brauch der Osterfeuer könnte eine Remineszenz an die Beltanefeuer sein. Aber Bier und Würstchen sind doch nur ein blasser Ersatz für die einstmals so freudvollen Rituale...

Im deutschen Raum entspricht Beltane der Walpurgisnacht, die in der modernen Überlieferung allerdings mit allerlei dunkel eingefärbtem Hexenspuk kontaminiert ist.


Brumalia

Die "Brumalien" oder "Saturnalien" wurden bei den Römern noch im alten heidnischen Sinne gefeiert, nämlich als ein Fest zur Wiederkehr des Lichts nach der Zeit der größten Dunkelheit, symbolisiert durch die "längste Nacht" zur Wintersonnenwende um den 23. Dezember, mit der gleichzeitig auch das alte römische Jahr ausklang.

Das christliche Weihnachtsfest - bzw. der Hl. Abend - ist eine Verstümmelung der Brumalien, die gott(oderwemauchimmmer)seidank nie völlig gelang: noch in der angeblich schnelllebigen Moderne behauptet sich die "Zeit zwischen den Jahren", wo der Alltag anhält und wir uns mit Bilanzierung befassen - der "Feierabend des Jahres". Wohl all den Geschäftsleuten, bei denen Bilanz und Inventur nur noch einen Knopfdruck erfordern - es sind vermutlich dieselben, die am Freitag Nachmittag vom leeren Schreibtisch aus ins besinnliche Wochenende starten, statt "Arbeit mit nach Hause zu nehmen".

Am Wichtigsten ist die seelisch-geistige Bilanzierung, die Besinnung, sowohl im Rück- als auch im Vorausblick. Wer unbesonnen ins neue Jahr geht, auf den könnten allerhand hochinteressante Katastrophen zukommen. Denn Besinnungslosigkeit - sic venia verbi - bedeutet tatsächlich Ohnmacht, Ohnmacht in ihrer verderblichsten Form: ohne Macht dem eigenen Schicksal gegenüber.

Im alten Rom dauerten die Brumalien volle zehn Tage, vom 22. Dezember bis zum 1. Januar. Da die zehn "Weihnächte" in unserer Epoche erst ab dem 24. stattfinden, ist es sehr sinnvoll, das neue Jahr erst zum dritten Januar zu beginnen. Und wie wir leicht beobachten können, hält sich an diese Zeitgebung, wer immer es richten kann...


Karfreitag

Eigentlich könnten wir uns direkt auf Ostern freuen, das Fest der Fruchtbarkeit und Wiederauferstehung. Gestorben müssten wir lange vorher schon sein, im Einklang mit der Natur, im November, dem traditionellen Totenmonat - wo auch in der Seele am leichtesten stirbt, was sterben muss, und wo wir auch zur Hölle fahren sollten. (Nicht so schlimm, wenn man die dunklen Bezirke der eigenen Seele regelmäßig besucht.) Samhain (Allerseelen) ist das traditionelle Fest zur Eröffnung dieser Zeit der inneren Einkehr.

Nun wurde leider von Christologen das leichtfertige Gerücht angeheizt, da gebe es eine wunderbare Abkürzung, eine automatische Seelenreinigung "light". Eine göttergleiche Messiasgestalt wasche unsere Sünden mit seinem Blut ab; das sei die gute Nachricht. Die schlechte: wir seien von Geburt so mit Dreck imprägniert, dass wir uns von alleine niemals sauber bekämen, und wir sollen ja nicht versuchen, uns selbst zu waschen - bloß keine Selbsterlösung!! Karfreitag und Karsamstag solle man vielleicht die gehörige Betretenheit über das doch recht blutige Opfer des Auch-Menschen Jesus zeigen, aber Ostern sei alles mit Heilsgarantie wieder in Butter.

Ich halte dies für einen schlechten Glauben, einen "Aber"-Glauben; nicht wegen der historischen Wahrheit, sondern wegen der symbolischen Bedeutung - des "Kerygmas" - und des damit verbundenen Schadensrisikos für Individuum und Gesellschaft.

Wenn ich schmutzig bin, muss ich mich waschen; nix nützts, wenn sich ein anderer stellvertretend für mich wäscht. Und selber essen macht satt. Niemand kann für mich aufs Klo gehen. Sterben müssen wir ebenfalls selber.

Auch unter den Christen muss das einmal klarer gewesen sein, denn man findet Berichte, in denen Rabbi J. verlangt, jeder habe sein Kreuz auf sich zu nehmen, und es tue für jeden Einzelnen not, zu sterben und wiedergeboren zu werden, sonst sei Essig mit Seelenheil.

Wer sich darauf verlässt, mit dem Ostern vorgeschalteten Karfreitags-Mythos sei alles garantiert, tappt in eine böse double-bind-Falle. Wer nämlich verabsäumt, sich um die Seele selbst zu kümmern, wird unter immer schlechterem Gewissen leiden und leiden lassen.

Wahrlich ein trüber Gast auf der dunklen Erde, wer die porentiefe Reinigung des "Stirb und Werde" nicht kennt; wer der "Konfrontation mit dem Schatten" (C.G. Jung) ausweicht und vor seinem Schatten zu irgendeiner Erlösergestalt davonrennt. Er wird immer erlösungsbedürftiger werden und zwangsläufig ein Sündenbewusstsein entwickeln, das dem Ausmaß des sich in seiner Seele anhäufenden Unrats entspricht. Da muss ihm niemand mehr was über die Erbsünde einreden: Er spürt sie jedes Mal, wenn er noch etwas spürt. Viele hören ganz auf zu spüren.

Und glaube keiner, er habe mit dem Christentum eh nix am Hut und damit kein Problem. Das sitzt alles weit unterm Hut. Kein Problem hat auf Dauer nur, wer regelmäßig stirbt, ob Christ oder nicht.

Und was fangen wir mit Karfreitag nun an? Gelegenheit für Schwieriges:

Am Karfreitag putzen wir z.B. brav Festplatte unsres Rechners. Aber vorher machen wir eine Sicherheitskopie sämtlicher Partitionen (mit Norton Ghost, zu empfehlen), dann können wir uns nämlich in Hoffnung auf rasche Wiederauferstehung des Systems auch die schlimmsten Sünden beim Putzen riskieren - hemmungslos die Registry entmüllen, seltsame DLLS wegschmeißen, alles ohne böse Befürchtungen. Ein wunderbares Gleichnis...

Gute Zeit für einen letzten Check! Abnahmetermin für den Frühjahrsputz! Schauen wir wenigstens mutig unter den Teppich unserer Seele - und überschlafen das zweimal. Dann aber nix wie Ostern!


Ostern

Ostern ist eigentlich ein sehr einfaches, von Natur aus frohes Fest. Hasen und Eier - na klar, worum es sich dreht - um Frühlingsgefühle in jeder Hinsicht. Fruchtbarkeit, Wiederauferstehung. Vom Eise befreit...

Wir begnügen uns da nicht mit der Hoffnung: konkreter und "diesseitiger" könnte das alles nicht gemeint sein. Vor allem dieses Jahr bei dem schönen Wetter!

Ein paar Kleinigkeiten sollten tunlichst abgehakt sein, dazu ist der Karfreitag gut: Frühjahrsputz? Schreibtisch? Aufgeräumt und guter Laune? Dann rechnen Sie fest mit dem Osterhasen. Wenn Sie eher mürrisch drauf sind und noch knietief im Müll waten - schlecht, aber menschlich - kommt er auch zu ihnen; da brauchen Sie nicht zu rechnen, da genügt es zu glauben. Sie glauben nicht an den Osterhasen? Oh weh. Dann hilft nichts: räumen Sie schleunigst auf.


Samhain

Ursprünglicher keltischer Name des heidnischen Jahresfestes um den Novemberbeginn, von den Christen umfunktioniert zu Allerseelen bzw. Allerheiligen. Bei den Amerikanern als Halloween in eigenen Ehren gehalten, wird das Fest auch bei uns anscheinend populär.

Halloween ist wirklich spaßig, und das ist gut so, denn jede wirklich ernste Sache macht Spaß.

Nach den alten Mythen steht an Samhain das Tor zum Reich der Geister offen, und sie können auf Erden wandeln und mit uns kommunizieren. Dass die Geister (meist der Verstorbenen) gewöhnlich böse seien, und der Verkehr mit ihnen etwas Unmoralisches sei, gar Satansglauben oder, in moderner Lesart, "abergläubischer Unsinn", spiegelt die erfolgreich anhaltende Denunziation durch die christlichen Kleriker wieder.

Es geht bei Samhain vor allem darum, den Menschen wieder auf die nicht so offensichtlich sichtbaren Kräfte neu einzustimmen, die sein Leben bestimmen und die, wenn nicht beachtet, auch und gerade seine erst kürzlich von der Aufklärung entdeckte Autonomie schwer bedrohen. Von allen guten Geistern verlassen zu sein, ist wahrlich ein elender Zustand.

Wobei "gute" Geister - provisorisch interpretiert - vor allem die sind, deren wir uns in irgendeiner, und sei es symbolischer, Weise bewusst sind und mit denen wir darum auch in irgendeiner, und sei es symbolischer, Weise kommunizieren können. Wir können ein wenig darüber bei C.G. Jung lernen.

Sie glauben nicht an Geister? Sie glauben auch nicht an Ihren eigenen Geist? Ja dann ha'ms wahrscheinlich keinen, da kommen wir dann nicht weiter.

Sie könnten statt "Geister" auch "autonome neuronale Hintergrundprozesse" sagen, aber das bringt Sie auch nicht sehr viel weiter. Stellen Sie sich Geister ruhig als Ihnen "fremde Personen" vor, dann haben Sie ein gut brauchbares, alt bewährtes, leider etwas eingerostetes Interface. (Und die Mülleimer-Ikone ist natürlich kein wirklicher Mülleimer, und die Landkarte ist nicht das Land, das wissen wir aufgeklärten Menschen ja inzwischen.)

In unserer psychisch selbstvergessenen Zeit, in der systematische Oberflächlichkeit als einzig akzeptable Methode der Psychologie gilt, ist es jedenfalls kein Fehler, erst einmal die alten Jahresbräuche wiederzubeleben. Nach unserer Erfahrung funktionieren sie ganz gut ... und wenn wir nur ganz säkular sagen "es macht Stimmung", und von Besinnung und Andacht (="Denken an") auf unser geistiges Erbe und unsere Toten sprechen. Es ist nicht so schwer zu erreichen, dass die guten Geister an uns glauben: sie tun dann das Ihre, um mit uns in Verbindung zu treten. Sie sind nicht so dogmatisch wie Kirchen und Sekten, sie verlangen kein besonderes "Bekenntnis" und keine speziellen Riten.

Das bisschen Zaubern ist wirklich kein Problem. Das Problem besteht tatsächlich darin, sich auf den eigenen Hintern zu setzen, den Fernseher auszuschalten und eine Zeit lang ruhig vor sich hin zu gucken. Und der Gipfel der Vollkommenheit wird erreicht, wenn wir das jeden Sonntag wenigstens eine Stunde lang und jeden Tag wenigstens zehn Minuten lang tun täten, statt die Zeit - die schöne Zeit! - totzuschlagen.

Spätestens im November: nehmen wir uns die Zeit! Draußen ist eh nix los.

Naja, man kann beim Ruhigdasitzen auch ein schönes Bild anschauen oder die Lieblingsmusik anhören - dann dauerts vielleicht dreimal solang, klappt aber auch ...

Äh - worin besteht das Problem mit dem Ruhigsitzen? Angeblich wollen wir ewig leben, und da fürchten wir die lange Weile? Zugegeben, man kommt dabei sich selber näher, man tritt sich leicht zu nah, man geht am Ende noch in sich, und da gefällt es uns manchmal ganz und gar nicht. Manchmal ist es sehr schwer, sich selber zu akzeptieren, wenn man dummerweise gerade in sich ist. Glauben Sie nur fest an Ihren eigenen Wert, dann werden Sie selig. Glauben Sie fest, dann feiern Sie fest.

Köstlich ist die Langeweile. Großes Zauberer-Ehrenwort!


Weihnachten

Vor Beschlagnahme durch den Mithraskult, das Christentum und dann den Kapitalismus eines der beiden heidnischen Sonnwendfeste (bei den Römern die "Brumalien" - auch: "Saturnalien") symbolisiert die Wiederkehr des Lichts nach der längsten Nacht des Jahres.

Weihnachten ist - schon rein ethnopsychologisch gesehen - nach wie vor das höchste Fest des Abendlandes. Die wichtigste Kenngröße unseres kapitalistischen Systems ist der Kapitalumsatz (bzw. BSP oder NSP, aber das sind stark korrelierte Größen), und man kann sich anhand einschlägiger ökonomischer Zeitreihen leicht überzeugen, dass Weihnachten tatsächlich den Kapitalumsatz regiert. In vielen Branchen entfallen an die 80% des Einzelhandelsumsatzes auf die Weihnachtszeit. Eine misslungenes Weihnachtsgeschäft ist eine ökonomische Katastrophe und als Misstrauensantrag gegen das herrschende Gesellschaftssystem zu deuten.

Das bringt uns zum Weihnachtshass: da die wirkliche Weihnachtssymbolik von Hause aus etwas Liebenswertes ist, kann sich Weihnachtshass nicht auf Weihnachten als solches richten. Die zwei verbreitetesten Gründe dürften die folgenden sein:

Weihnachtshassgrund (1): Eigentlich gemeint sind bisweilen die zur Weihnachtszeit besonders hoch gehaltenen Werte des herrschenden Gesellschaftssystems. Hinter extremem Weihnachtshass verbirgt sich in unserer Zeit also manchmal extremer Hass auf den Kapitalismus. Sind Sie ein solcher Fall? Dann suchen Sie besser Ihren Therapeuten auf, sonst wählen Sie am Ende noch PDS...

Weihnachtshassgrund (2): Persönlich-familiäre Ursachen. Wir wollen nicht verschweigen, dass der Weihnachtsmann wie alles auf der Welt seine dunkle Seite hat, oft symbolisiert durch den Knecht Ruprecht. Der droht bekanntlich nur den Kindern, die nicht brav gewesen sind. Wer statt Apfel, Nuss und Mandelkern die Rute zu schmecken bekommt, wird natürlich leicht zum Weihnachtshasser. Wer sich etwa das ganze Jahr nie auch nur den leisesten Gedanken macht, was wohl wem in der Sippe Freude machen könnte, erlebt zur Weihnachtszeit zwangsläufig argen Einkaufsstress. Wer aber die Wünsche seiner Freunde kennt, dem macht Schenken Freude, wie das Klischee es befiehlt. Und man muss auch nicht panisch mit der Gießkanne herumsch(w)enken, sondern gibt jedem, was ihm gebührt: also auch mal die Rute.

Tatsächlich ist Weihnachten die Zeit der Familienkräche, und die Selbstmordquote zeigt eine Spitze. Die dunkle Seite des Weihnachtsmannes ist also fürwahr kein Scherz. Alles, was wir in Liebes- und Freundschaftsdingen das Jahr über haben verludern lassen, rächt sich jetzt. Doch wer die "stressige" Strafe demütig akzeptiert, kann immer noch eine schöne Zeit "zwischen den Jahren" erleben! Nur wer sich drückt, muss unaufgeräumt und besinnungslos ins Neue Jahr. Better belief it.

Die Weihnächte - die Brumalien - sind eine Zeit der Besinnung. Eine ernste Sache, denn Kennzeichen unserer Zeit ist katastrophale Besinnungslosigkeit - die gesellschaftlich ruinöseste Form des Wahnsinns. Sie droht z.B. jeder Führungskraft, die ihren Schreibtisch zum casual friday nicht leer kriegt und golfen geht, sondern Akten mit ins Wochenende schleppt. Auch zu solchen Auf-der-Arbeit-Sitzenbleibern kommt am Ende nicht der Weihnachtsmann, sondern der Knecht Ruprecht; und wenn sie den auch noch verpassen, kommt nur noch ungnädige Ohnmacht: "Besinnungslosigkeit".


Empfang Stand: 23.12.2002 © Werner Schneider