Prima Klima!

Allerlei "kleine vermischte Meldungen"

 

Nürnberger Nachrichten 19.4.2002:


Erderwärmung steigt stärker

Forscher korrigieren Prognose nach oben

Bis zum Ende des Jahrhunderts ist ein Zuwachs von 5,8 Grad möglich

BERN (dpa) - Das Weltklima erwärmt sich möglicherweise stärker als bisher angenommen.

Bis Ende des Jahrhunderts werden die Temperaturen mit großer Wahrscheinlichkeit mehr steigen als vom Uno-Klimarat vorhergesagt. Im schlimmsten Fall werde sich die Atmosphäre im Vergleich zum vergangenen Jahrhundert um mehr als 5,8 Grad Celsius aufheizen, sagte Professor Thomas Stocker, Klimaexperte von der Universität Bern.

Hauptgrund für die Erwärmung sei der von Menschen verursachte Treibhauseffekt. In ihrer Studie gehen Stocker und sein Kollege Reto Knutti zudem davon aus, dass es bis 2030 auf der Erde zwischen 0,5 und 1,1 Grad Celsius wärmer werden wird - unabhängig davon, wie viel Treibhaus-Gas bis dahin freigesetzt wird. Das Erdsystem reagiert erst mit großer zeitlicher Verzögerung auf Emissionen.

 

Nürnberger Nachrichten 11.5.2002:


In der Antarktis löste sich ein über 70 Kilometer langes Stück

Erneut Eisberg abgebrochen

Ökologen vermuten die zunehmende Erderwärmung als Ursache

WASHINGTON (rtr) - In der Antarktis ist erneut ein riesiges Stück eines Eisberges vom Festeis abgebrochen und bei Neuseeland ins Meer gestürzt.

Das großflächige Stück, das sich vom so genannten Ross-Shelf löste, sei rund 70 Kilometer lang und sieben Kilometer breit, teilte das Nationale Eis-Forschungszentrum in Suitland im US-Bundesstaat Maryland mit.

Im März war vom so genannten Larsen-Shelf im Weddel-Meer bei Chile ein riesiger Eisberg kollabiert. Ökologen warnten damals bereits, diese Abbrüche seien Folge der Erderwärmung durch den Treibhauseffekt. Gletscher und Eisberge seien die sichersten Warner vor Kohlendioxid-Gefahr, sagte Kalee Kreider vom Nationalen Umwelttrust in den Vereinigten Staaten.

 

Nürnberger Nachrichten 16.5.2002:


Riesiger Eisberg abgebrochen

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage ist in der Antarktis ein riesiger Eisberg vom Ross-Eisschelf abgebrochen. Das berichtet das Nationale Amerikanische Eiszentrum in Washington. Der knapp 200 Kilometer lange und 32 Kilometer breite Eisberg ist mit 6336 Quadratkilometern mehr als doppelt so groß wie das Saarland. Er wurde von den Wissenschaftlern C-19 getauft, weil es der 19. Abbruch seit Beginn der Beobachtungen war. Erst vor einer Woche hatte sich ganz in der Nähe ein Eisberg von 76 Kilometern Länge gelöst. (dpa)

 


Mehr als Stufe 2 auf der nach oben offenen Saarland-Skala! Im Namen aller (Exil-)Saarländer protestiere ich hiermit feierlich gegen den notorischen Missbrauch des Saarlandes als Flächenmaß für Umweltkatastrophen. W.S.


 

Nürnberger Nachrichten 1.6.2002:


In nördlichen Breiten der Erde

Pflanzen wachsen eher

Eine Folge der Klimaerwärmung
Computer verglich Satellitendaten

POTSDAM (dpa/AP) - Die Erwärmung der Atmosphäre führt dazu, dass es im hohen Norden der Erde immer grüner wird.

Das hat ein internationales Forscherteam unter Federführung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) mit Hilfe eines Computermodells nachgewiesen. Die im US-Fachjournal Science veröffentlichte Untersuchung verglich die Daten aus einem Computermodell mit Satellitendaten, die seit Anfang der 80er Jahre gewonnen wurden.

Demnach beginnt das Wachsen der Pflanzen in Kanada, Nord-Eurasien und in Sibirien immer früher im Jahr, und die Vegetationszeit verlängert sich. Das Computermodell der Biosphäre simulierte das Wachstum in den nördlichen Breiten als Folge des Klimas. Dazu wurden einzelne Prozesse der Pflanzenentwicklung wie Fotosynthese, Wasserhaushalt, Wachstum und jahreszeitliche Entwicklung berechnet. Die Schwankungen der Vegetationsdichte, die sich im Modell als Folge von Klimaschwankungen ergeben, stimmen laut PIK mit Satellitenbeobachtungen genau überein.

 


Ein persönlicher Einwurf:

Die so genannte Jahrhundertflut


Das große Oderhochwasser von 1997 - die letzte "Jahrhundertflut" - schien so gut wie vergessen, als mir die oben angeführten hochintressanten Meldungen ins tränende Auge stachen.

Nun schreiben wir den 16. August 2002, und der Elbpegel in Dresden bewegt sich seinem terriblen all-time-Hoch entgegen. Muss das sein? Ausgerechnet Dresden? So eine schöne Stadt, eine sympathische Stadt, genug geplagte Stadt - meine persönliche Lieblingsstadt. Ich bin SAUER (schrei!).

Den PolitikerInnen, die in pflichtgemäßer Dünnflüssigkeit schwadronieren, sie seien wieder echt "betroffen", haue man den Poppo voll, wegen strafbarer Sprachhunzerei und Emotionsfälschung. Denn diese Vokabelschinder sind weder betroffen noch sonst etwas. Die meinen, Betroffenheit werte irgendwie menschlich auf. Betroffen sind aber nur die Leute, denen das Wasser buchstäblich bis zum Hals steht und den Hausrat (hoffentlich DDR-versichert) versaut. Um ein Haar wär ich der Tage nach Dresden gefahren, wäre ein bisschen betroffen gewesen, aus meinem schönen Hotel evakuiert, unangenehm, echt jetzt mal. Im trockenen Nürnberg bin ich überhaupt nicht "betroffen", aber wütend, entsetzt und sauer auf Mensch und Natur.

Der Klimaforscher Mojib Latif (MPI f. Meteorologie, Hamburg) hat - wie viele andere - zu diesem Thema mancherlei gesagt, aber wer hat hingehört außer den üblichen Weltuntergangs-Notorikern? Heute ist er einer der meistzitiertesten "Klimaforscher". "Google" sprudelt eine Jahrhundertflut vor Latif-Hits hervor.

Da generiere ich jetzt noch ein' dazu. Was erzählt Latif (und viele andere Klimaexperten) zum Stichwort "Jahrhundert"- oder gar "Jahrttausend"-flut?

Je wärmer die Luft, desto mehr Wasser nimmt sie auf; das kurbelt den Kreislauf von Verdunstung und Niederschlag an. Nach Messungen des Deutschen Wetterdienstes stieg in Oberbayern die Durchschnittstemperatur seit 1900 um 1 Grad. Die Auswirkungen auf die Regenmenge: um 1880 gingen im Schnitt an drei Tagen im Jahr "Starkniederschläge" nieder (mehr als 30 Liter/qm), heute sind es fünf Tage. Der Tagesrekord liegt neuerdings bei 312 Liter/qm - einunddreißig Zentimter tiefes, flächendeckend in wenigen Stunden rekondensiertes Mittelmeerwasser im Erzgebirge. Schwapp!

Auswirkungen von Klimaveränderungen erfolgen langsam und werden sich in Deutschland (noch) nicht jedes Jahr auswirken, aber "gravierende Veränderungen" sind zu erwarten, eine "Zunahme der Extreme": "Im Sommer werden wir Überschwemmungen haben, im Winter heftige Stürme... Wir müssen uns auf heftige Hagelschläge, ergiebige Regenfälle und starke Stürme einstellen. Das Wetter hat uns mit dem Regen der vergangenen Wochen nur einen Vorgeschmack darauf gegeben, was in 50 Jahren ganz alltäglich sein wird." (Latif, zitiert in SPIEGEL online 09.08.02)

 


Vielleicht a kleins Latif-Artikelchen zum "Prima Klima" aus der ZEIT 14/2002:

Das große Schmelzen hat begonnen

Abbrechende Eisberge, schwere Überschwemmungen und andere Folgen der globalen Erwärmung

Von Mojib Latif (47), Leiter der Forschungsgruppe Klimamodelle am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg.

Mojib Latif

Das Abbrechen riesiger Eismassen in der Antarktis vor wenigen Tagen hat die Klimaproblematik wieder in den Blickpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Die Ursachen für dieses spektakuläre Ereignis sind zwar noch nicht eindeutig geklärt, doch eines steht fest: Der globale Klimawandel ist in vollem Gange. So war die Dekade von 1990 bis 2000 auf der Nordhalbkugel die wärmste in den vergangenen 1000 Jahren. Der Meeresspiegel ist in den vergangenen 100 Jahren um etwa 15 Zentimeter gestiegen. Der Gehalt von Kohlendioxid CO2) in der Atmosphäre ist rund 500 000 Jahre lang nicht so hoch gewesen wie heute, und dieser alarmierende Wert wird weiter steigen.

Der Grund hierfür ist unstrittig: Der Mensch erzeugt Energie vor allem durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe (Erdöl, Erdgas, Kohle), und dabei entsteht CO2, das zusammen mit anderen so genannten Treibhausgasen zu einer Erwärmung der unteren Luftschichten führt, zum "anthropogenen Treibhauseffekt". Die Auswirkungen dieser globalen Erwärmung sind schon jetzt zu beobachten. So wird beispielsweise das Meereis in der Arktis immer dünner und ist inzwischen nur noch halb so dick wie vor 50 Jahren. Dies hat gravierende Folgen für die dort lebenden Menschen und Tiere, denen der natürliche Lebensraum abhanden kommt. Außerdem ziehen sich die Gebirgsgletscher immer stärker zurück, was in den Alpen eindrucksvoll zu beobachten ist.

Nicht zuletzt wegen der globalen Erwärmung und dem damit zusammenhängenden Schmelzen der Gebirgsgletscher ist vor einigen Jahren der "Ötzi" wieder aufgetaucht. Im Mittelmeerraum müssen sich die Menschen an immer stärkere und länger anhaltende Hitzewellen gewöhnen, zugleich an sintflutartige Regenfälle, die schwere Überschwemmungen und Erdrutsche nach sich ziehen. Die tropischen Ozeane erwärmen sich rapide, was zu einem ungeahnten Korallensterben geführt hat. All dies sind Anzeichen des globalen Klimawandels, und die Liste der Veränderungen ist noch viel länger.

Auch bei uns lassen sich bereits die ersten Folgen der globalen Erwärmung beobachten. Die sehr milden Winter in den vergangenen Jahrzehnten sind vor allem auf den anthropogenen Treibhauseffekt zurückzuführen. Als Konsequenz registrieren wir beispielsweise einen Rückgang der Schneefälle. Während die heute 50-Jährigen als Kinder fast in jedem Winter Schlitten fahren konnten, müssen Kinder heute oft viele Jahre auf größere Mengen Schnee warten. Die winterlichen Westwinde nehmen zu, und sie bringen immer mehr Niederschläge, wobei sich extrem starke Niederschläge in sehr kurzer Zeit häufen. Dadurch erhöht sich in Deutschland die Hochwassergefahr, wie man an den Überschwemmungen der vergangenen Tage wieder einmal erkennen konnte.

Aber dies sind erst die Anfänge. Die globale Erwärmung betrug in den vergangenen 100 Jahren etwa 0,6 Grad Celsius. Steigt der Gehalt von CO2 und anderen so genannten Treibhausgasen in der Atmosphäre weiter ungebremst, wird sich die Erde in den nächsten 100 Jahren um weitere drei bis fünf Grad erwärmen - ein Anstieg, der in seiner Rasanz einmalig in der Geschichte der Menschheit wäre und dem Temperaturunterschied zwischen der letzten Eiszeit und heute entspräche. Die Folgen wären dramatisch. Im Sommer müssten wir uns auf Hitzewellen gefasst machen, die es heute nur im südlichen Mittelmeerraum gibt. Gleichzeitig nähmen die extremen Niederschläge zu. Wir hätten mit Gewitterschauern zu rechnen, wie wir sie bislang nur aus den Tropen kennen. Im Hochgebirge käme es zu extremen Schneefällen, was die Lawinengefahr erhöhen würde. Stürme würden häufiger und jeder für sich heftiger. Der Meeresspiegel würde bis zum Ende des Jahrhunderts um etwa einen halben Meter steigen - und langfristig noch viel höher, falls die gewaltigen Landeismassen Grönlands und der Antarktis zu schmelzen beginnen.

Diese Entwicklung können wir nicht mehr ganz aufhalten. Das Klima ist ein relativ träges System, das nur langsam auf externe Einflüsse reagiert. Noch allerdings können wir das Klima auf einem Niveau stabilisieren und die schlimmsten Veränderungen verhindern. Dazu bedarf es einer langfristigen Strategie zur Reduzierung des weltweiten Ausstoßes von Treibhausgasen, der innerhalb der kommenden 100 Jahre auf einen Bruchteil der heutigen Menge sinken muss. Dies wird nur möglich sein, wenn man allmählich die fossilen Brennstoffe durch alternative Energien ersetzt, insbesondere durch Sonnenenergie, die auf der Erde im Überfluss vorhanden ist.


Und wieder zurück zum Alltag, den kleinen vermischten Meldungen ...

 

Der Spiegel (38/2002) 16.09.2002, PRISMA


METEOROLOGIE

Rekordregen über Europa

Rätsel geben den Meteorologen die Unwetter dieses Sommers auf, die europaweit für Überschwemmungen sorgten, Brücken einrissen sowie über 100 Menschenleben forderten. Seit Wochen beobachtet der Deutsche Wetterdienst eine "ungewöhnliche Anzahl von Tiefdruckgebieten im Mittelmeerraum". Bis zu zwölf Kilometer hohe Gewitterwolken schoben sich aufs Festland und richteten dort verheerende Schäden an. Am 12. August fielen in Zinnwald (Sachsen) 312 Liter Regen pro Quadratmeter. Nie wurde in Deutschland ein höherer Wert gemessen. Am 29. August erreichte die Sintflut Italien. Letzte Woche stand Südostfrankreich unter Wasser. Das südliche Rhônetal meldete 590 Liter/qm, im Ort Anduze kamen 650 Liter/qm vom Himmel. Das entspricht fast dem Jahresniederschlag von Hamburg. Solche Extreme waren bislang nur aus den Tropen bekannt (der Regen-Weltrekord, gemessen auf der Insel Réunion, liegt bei 1870 Liter/qm pro Tag). Womöglich wurde das Chaos in Europa durch eine erhöhte Temperatur des Mittelmeers ausgelöst, was als Beleg für einen generellen Klimawandel gelten könnte.


Empfang Stand: 23.10.2002