Spiegel 1/2002 vom 29.12.2001, Rubrik Ausland / ISRAEL

"Paranoia und Größenwahn"

Der israelische Autor Ofer Grosbard über die Psychologie des Nahost-Konflikts. Grosbard, 47, klinischer Psychologe, ist Autor der Bücher "Israel auf der Couch" und "Der Araber in uns".

INTERVIEW: ANNETTE GROSSBONGARDT

SPIEGEL: Israelis und Palästinenser bekämpfen einander mit verbissener Feindschaft. Über 1000 Menschen wurden in dem jüngsten Aufstand, der Intifada, bereits getötet. Warum nur gibt es keinen Frieden in Nahost?

Grosbard: Jedes Volk hat auch eine Psyche. Es geht nicht nur darum, wie man die Landkarte aufteilt, sondern um mentale Blockaden. Die emotionalen Probleme zwischen Israelis und Palästinensern sind viel schwerer zu überwinden als die praktischen.

SPIEGEL: Welche Barrieren stehen im Weg?

Grosbard: In diesem ungemein komplizierten nationalen Konflikt stehen sich zwei Parteien sozusagen im Erbstreit um das gleiche Zuhause gegenüber. Es ist fast ein sadomasochistisches Verhältnis: Beide fügen sich gegenseitig Leid zu, können aber nicht voneinander lassen. Sie sind aneinander gekettet wie in einer katholischen Ehe.

SPIEGEL: Ist eine Scheidung denn unmöglich? Immerhin möchten die Palästinenser doch unabhängig sein, und Israel will endlich in Frieden leben.

Grosbard: Trennungen sind das schwerste im Leben, das gilt auch in der Politik. Frieden schließen ist in Wahrheit eine traurige Sache, keine glückliche. Denn es heißt, dass man etwas aufgibt. Meine Generation trauert noch heute den schönen Stränden auf dem Sinai nach, den wir nach dem Abkommen von Camp David bis 1982 an Ägypten zurückgaben. Und nun sollen wir auf so viel mehr Land verzichten? Sollen kleiner werden, nach all den Jahren, in denen wir uns als die Größten sahen? Ich glaube nicht, dass die Israelis innerlich wirklich zur Anerkennung eines palästinensischen Staates bereit sind.

SPIEGEL: Haben die Palästinenser denn Israel akzeptiert?

Grosbard: Solange sie sich an den Traum von der Rückkehr aller Flüchtlinge in ihre Geburtshäuser klammern, werden sie dafür blockiert sein.

SPIEGEL. Selbst die israelische Linke glaubt, das Rückkehrrecht wäre das Ende des Staates Israel.

Grosbard: Auch wenn eine Rückkehr nur in Ausnahmefällen möglich ist, müssen wir doch das Leid der palästinensischen Flüchtlinge, das wir verursacht haben, emotional und moralisch anerkennen. Der Konflikt kann nur in einem würdigen Abkommen enden, in dem beide Seiten ihre Gefühle geachtet sehen. Das ist nicht einfach für die Palästinenser. Wir aber schauen auf unsere Nachbarn noch immer herab. Uns fällt es so schwer, die Palästinenser zu respektieren, ihnen mit Sympathie zu begegnen.

SPIEGEL: Das dürfte angesichts der derzeitigen Welle von Terroranschlägen nur wenigen Israelis gelingen.

Grosbard: Das Problem entstand doch schon lange vor der Intifada. Wir sind so ichbezogen, so narzisstisch, dass wir Mühe haben, den anderen zu sehen, seine Gefühle wahrzunehmen. Israel erkennt noch immer nicht seine Grenzen, die festlegen würden, was unser ist und was den anderen gehört. Schon in der Bibel wird uns das Bild gegeben, wir seien die Größten.

SPIEGEL: Und das moderne Israel hat an dem Image kräftig mitgearbeitet.

Grosbard: Wir haben die Welt von unserer Heldenhaftigkeit überzeugt, dabei sind wir ein kleines Land mit großen Problemen, das noch ümner in steter Angst lebt, vernichtet zu werden. Tatsächlich steckt hinter unserem Größenwahn nackte Angst, die sich zu einer Paranoia ausgewachsen hat. Oft kämpfen wir nur, um unsere Furcht nicht zu spüren.

SPIEGEL: Das ist aber nicht das Bild, das Israel derzeit unter Führung des eisernen Generals a. D. Scharon vermittelt.

Grosbard: Genau das ist das Problem: Wir stellen uns immer so stark dar - kein Wunder, dass niemand unsere Ängste und Schwächen versteht. Die Palästinenser hingegen demonstrieren der Welt ihre Schwächen und gewinnen damit ungemein viel Mitleid und Sympathie: Wenn Sie sich die Uno als Therapiegruppe vorstellen, ist Israel der Patient, den alle anderen zutiefst unsympathisch finden.

SPIEGEL: Genau das beklagen israelische Politiker immer: Alle sind gegen uns.

Grosbard: Die Klage ist Teil unserer Paranoia. Wir haben das Gefühl, die ganze Welt hasst uns. Richtig, es gibt Antisemitismus und Hetze gegen Israel, aber wir haben auch Freunde. Und: Wir haben Einfluss auf die Gründe, die zum Hass gegen uns führen. Es ist zum Beispiel auffällig, dass Israel erstmals unter Rabin und Peres, als der Friedensprozess blühte, wirklich weltweit an Sympathie gewann.

SPIEGEL. Die beiden waren bisher auch die einzigen Spitzenpolitiker, die von den Palästinensem als Partner empfunden wurden.

Grosbard: Heute gibt es keinen israelischen Führer, der Wärme zeigt und der zu historischen Signalen in der Lage ist. Solche Symbole sind aber so wichtig im Friedensprozess. Denken Sie nur an die großartige Geste des ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat, der 1977 nach Jerusalem kam und vor der Knesset sprach. Oder Jordaniens König Hussein, der vor israelischen Eltern kniete, deren Kinder von einem jordanischen GrenzsoIdaten massakriert worden waren. Kein israelischer Führer hat so etwas bisher fertig gebracht.

SPIEGEL: Wäre nicht kürzlich die Gelegenheit dafür gewesen, als fünf Schulkinder im Gaza-Streifen durch eine israelische Mine starben?

Grosbard: Israel fühlt sich bedroht und fürchtet, solche Anteilnahme würde als Schwäche ausgelegt. Es fällt uns schwer, großzügig zu sein, denn dazu muss man sich sicher fühlen, und davon sind wir weit entfernt. Die jüngsten Bombenanschläge haben die Verhärtung noch verstärkt. Auch die Israelis vermissen versöhnliche Gesten.

SPIEGEL: Das Angebot von Ex-Premier Barak galt als sehr großzügig.

Grosbard: Barak hat mehr angeboten als jeder andere, aber in erniedrigend-diktatorisch empfundener Weise. Der General a. D. hat die Palästinenser behandelt, als wären sie seine Soldaten, und hat ihnen dadurch das Gefühl gegeben: Ihr seid nicht gleich.

SPIEGEL: Haben sie also zu Recht abgelehnt?

Grosbard: Nein, in Wahrheit sind sie noch nicht bereit zum Frieden. Ihnen macht es Probleme, selbständig zu werden und ihre eigene Gesellschaft aufzubauen. Sie zeigen nur auf Israel und machen für alles die Besatzung verantwortlich. Es stimmt, wir fördern weiter ihre Abhängigkeit. Aber auch den Palästinensern fällt es schwer, sich von Israel zu trennen. Sogar die Selbstmordattentäter sprengen sich nicht nur in die Luft, um möglichst viele Israelis zu töten. Zu ihrer Pathologie gehört auch die Fantasie, dass sich ihr Blut mit dem des Feindes mischt und sie gemeinsam sterben.

SPIEGEL: Warum hat es so lange gedauert, bis die Palästinenser gegen die Okkupation rebellierten?

Grosbard: Ein Grund der eher passiven Mentalität der Palästinenser liegt wohl in der hierarchischen arabischen Gesellschaft, die eher zu Unterordnung und Duldsamkeit erzieht. Das spiegelt sich auch in der Hoffnung zum eigenen Regime wider.

SPIEGEL: Welche Therapie raten Sie Israel?

Grosbard: Wir könnten viel von der emotionalen Dynamik einer Paarbeziehung lernen - zum Beispiel eine freundlichere Sprache zu sprechen und nicht darauf zu beharren, wer Recht hat, sondern versuchen zu verstehen. Wenn ein Palästinenser spricht, sehen wir das stets als Lüge oder Lippenbekenntnis, aber kaum als schmerzhafte Wahrheit. Ähnliches gilt auch für die Palästinenser, die aus ihrem Gefühl der Erniedrigung heraus empfänglich sind für Hetzpropaganda gegen Israel.

SPIEGEL: Wie wollen Sie den Terror stoppen?

Grosbard: Leider brauchen wir dazu auch die Armee. Aber das heißt nicht, dass sie alles darf. Wir sollten erkennen, wo unsere Selbstverteidigung aufhört und Aggression anfängt. Schon die Existenz des anderen zu leugnen ist eine Form der Gewalt. Unsere Übergriffe begannen lange vor der Intifada: Indem wir Araber geschlagen und sie an Kontrollpunkten gedemütigt haben, indem wir sie in langen Schlangen warten ließen und Ausgangssperren verhängten mit dem Gedanken: "Was macht es schon, wenn bei ihnen mal die Schule ausfällt?" Diese Demütigungen kommen nun zu uns zurück.

SPIEGEL: Die Palästinenser wollen mit ihrer Gewalt Israel verletzen und erniedrigen?

Grosbard: Richtig, aber das tiefer gehende Problem scheint mir, dass die Palästinenser lieber Selbstmord begehen, als zielgerichtet auf ihre Unabhängigkeit hinzuarbeiten. Trotz Besatzung hätten sie in den Autonomiegebieten längst mehr tun können, um einen Staat aufzubauen.

SPIEGEL: Wer könnte der Therapeut sein im kranken Friedensprozess?

Grosbard: Wir brauchen die Intervention internationaler Kräfte. Beide Seiten sind nicht stark genug, sich selbst zu helfen. Sie brauchen jemanden, der ihnen klar und deutlich sagt: Stopp, hier ist die Grenze.


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